Gezeugt oder gemacht? – Umstrittene Fortpflanzungsmedizin

Bei der In-Vitro-Fertilisation wird das Spermium mit einer Pipette (rechts) in Eizelle (links) eingebracht. (Bild: Wikicommons)

Bei der In-Vitro-Fertilisation wird das Spermium mit einer Pipette (rechts) in Eizelle (links) eingebracht. (Bild: Wikicommons)

Wann beginnt das menschliche Leben? Darf der Mensch in die Schöpfung eingreifen? Welche Folgen hat künstliche Befruchtung für die so entstandenen Kinder? Vertreter aus drei Religionen debattierten in Zürich brisante ethische Fragen der Fortpflanzungsmedizin.

Von Martina Läubli

Die Anzahl der Kinder, die im Reagenzglas gezeugt wurden, hat sich in den letzten zehn Jahren in der Schweiz verdoppelt. Das Tempo, mit dem sich die Fortpflanzungsmedizin technisch weiterentwickelt, ist rasant. Besonders die zunehmenden Möglichkeiten von Präimplantationsdiagnostik – Untersuchungen des In Vitro erzeugten Embryos auf Erbkrankheiten und Erbgut hin – gaben dieses Jahr im Stände- und Nationalrat zu reden. Im September hat sich der Ständerat unerwartet für eine Liberalisierng der Tests an Embryonen entschieden. Im Jahr 2015 soll dazu eine Volksabstimmung stattfinden. Grund genug, sich dem ethisch brisanten Thema auseinanderzusetzen.

Ein hochkarätiges Podium von Vertretern des Judentums, des Islams und der Reformierten und Katholischen Kirche hat am 13. November in Zürich über Fortpflanzungsmedizin diskutiert. Veranstaltet wurde das Podium von der Paulus-Akademie, moderiert von Susanne Brauer. Dabei wurde deutlich, dass je nach Religion ganz andere Aspekte der medizintechnischen Reproduktion problematisch sind.

Selektion von Embryonen

Für die christlichen Kirchen ist die Frage zentral, wann das menschliche Leben überhaupt beginnt. Definiert man wie die Katholische Kirche den Beginn des menschlichen Lebens mit der Verschmelzung von Eizelle und Samen, ist die In-Vitro-Fertilisation insgesamt problematisch. „Bei jeder In-Vitro-Befruchtung werden Embryonen selektioniert und vernichtet“, stellt die Ärztin Barbara Biedermann klar. Künstliche Befruchtung sei nur um den Preis aussortierter Embryonen zu haben. Für die Ärztin, die in der Bioethikkommission der Schweizer Bischofskonferenz mitwirkt, bedeutet dies „weggeworfenes Leben“.

Andererseits zeigt Biedermann auch Verständnis für das Leiden unfruchtbarer Paare und rät dazu, bei einer Entscheidung im Bereich Fortpflanzungsmedizin spirituelle Begleitung in Anspruch zu nehmen. Letzlich seien solche Entscheidungen als Gewissensfrage zu prüfen, darin stimmen die beiden christlichen Konfessionen überein.

Ausweg aus der Kinderlosigkeit

Für Islam und Judentum dagegen sind die weggeworfenen Embryonen kein Grund zur Sorge. Sowohl in der islamischen als auch in der talmudischen Tradition beginnt das menschliche Leben erst 40 Tage, nachdem Samenzelle und Ei zusammengekommen sind. So betont Rabbiner Marcel Yair Ebel denn auch die pragmatische jüdische Haltung gegenüber Fortpflanzungsmedizin – Israel ist führend in der Stammzellenforschung und hat eine hohe Abtreibungsquote.

Die pragmatische Haltung gründet darin, dass Kinderlosigkeit im Judentum als Krankheit gilt. Kinderlosigkeit sei nicht gottgewollt, so dass die Menschen sich mit allen Kräften bemühen können, um sie zu heilen. In den durch menschliches Wissen erreichten medizinischen Fortschritten könne man durchaus Göttliches erkennen, so Ebel. Zugleich ist im Judentum die Frage der familiären Abstammung zentral, was wiederum die Verwendung von anonymen Samenspenden problematisiert.

Der Schutz der Familie und der Nachkommenschaft ist auch im Islam ein entscheidendes Prinzip. Um über fortpflanzungsmedizinische Eingriffe nachzudenken, müsse man verschiedene Prinzipien der Scharia gegeneinander abwägen, erklärt die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin, beispielsweise der Schutz des Lebens, der Schutz der Nachkommenschaft und das Allgemeinwohl. Grundsätzlich sieht Lenzin kein Problem in der In-Vitro-Befruchtung, wenn Eizelle und Samen von einem Ehepaar stammen. Der Schutz der Ehe müsse gewährt sein. Zugleich weist sie darauf hin: „Fortpflanzungsmedizin ist kein Problem der islamischen Welt. Wir sprechen hier über ein westliches Luxusproblem.“

 Ungeborenes Leben schützen

Demgegenüber stellt das protestantische Christentum ganz andere Fragen an die Fortpflanzungsmedizin. Hier gilt jedes Leben als Schöpfung Gottes. Was passiert, wenn die Menschen nun, Leben produzierend oder gar selektionierend, in die Schöpfung eingreifen? „Kann man Biologie als Schöpfungsakt begreifen?“, fragt der Theologe und Ethiker Frank Mathwig. In der ganzen Geschichte der Menschheit war das Leben stets etwas Gegebenes, etwas Unverfügbares. Nun werde es plötzlich zum Gegenstand menschlicher Entscheidungen – und somit verhandelbar und begründungsbedürftig, ja willkürlich. „Das wäre eine revolutionäre Umwälzung mit unvorhersehbaren Konsequenzen“, sagt der Theologe, der auch Mitglied des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) ist.

Ebenfalls weist Mathwig darauf hin, dass man in der Diskussion und Gesetzgebung zu Fortpflanzungsmedizin nicht vergessen dürfe, dass es letztlich um das Wohl des Kindes gehe. Der SEK betrachtet das Kindeswohl als unantastbar; es umfasse auch ungeborenes Leben. Die gesetzliche Unterscheidung zwischen „Embryo“ und „Kind“ sei reine Bürokratie. Laut Mathwig sind Embryonenschutz und Kindeswohl nicht trennbar. „Ungeborenes Leben muss geschützt werden.“

Neue Verwandschaftsbeziehungen

Wenn man die künstlich erzeugten Kindern in den Blick nimmt, taucht auch ein längerfristiges Problem auf, das besonders virulent ist, wenn die Kinder mit einer fremden Samenspende gezeugt wurden (und noch mehr im Fall der Leihmutterschaft, die in der Schweiz aber nicht erlaubt ist). Diese Kinder werden wissen wollen, wer ihre biologische Eltern sind. Welche Antwort gibt man ihnen? Ein anonymer Spender? Die Frage nach den „richtigen“ Eltern ist stellt sich jeder Mensch im Prozess des Erwachsenwerdens, wie man von Adoptionsfamilien lernen kann, inklusive Identitätskrisen und psychischer und familiärer Probleme. Dies würde sich mit den neuen medizinischen Möglichkeiten noch verstärken, darüber sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Ebenfalls einig sind sie sich darin, dass Einzellenspenden und die aktuell diskutierte Möglichkeit des „Social Freezing“ viel problematischer sind als die aktuell in der Schweiz praktizierte künstliche Befruchtung. „Wir müssen immer unterscheiden, wem und wofür die Fortpflanzungsmedizin dient“, gibt Rabbiner Ebel zu bedenken.

 

Ein Kommentar:

  1. Der Hauptfrage, ob der Mensch in die Schöpfung eingreifen darf, kommt man schnell näher, wenn die Frage, wie hier, konkret gestellt ist. Es genügt aufrichtig zu sein und zu sagen, ob man das an sich selbst und seinem Leben machen lassen wollte, was man anderen antut. Das führt dann zu der Frage, was menschliches Leben ist. Dazu braucht man nur von einem unbezweifelbaren Leben, etwa einem Kind, ausgehen und sorgfältig Augenblick für Augenblick zurückschreiten bis ganz an den Anfang, lange vor der Geburt. Man wird finden, dass es nirgendwo eine Stelle gibt, wo eine Änderung zum Menschen eintritt. Man ist also Mensch von Anfang an. So kann Franz Mathwig sagen, dass etwa die Unterscheidungen wie Kind, Fötus, Embryo rein bürokratisch seien. In der Sache gleich, doch präziser, sagt Barbara Biedermann, dass menschliches Leben „mit der Verschmelzung von Eizelle und Samen“ beginne. In ethischer Hinsicht verwässert sie aber ihre Feststellung, indem sie die Fragen von In-Vitro-Fertilisation an Gewissen bindet, also Einzelfallentscheidungen das Wort redet. Es ist nicht auszuschließen, ja es ist zu befürchten, dass bei solcher Entschiedenheit am Ende alles Einzelfälle sind.
    Die berichteten Positionen im Judentum und im Islam mögen sein, wie sie sind. Sie sind naturwissenschaftlich aber nicht schlüssig. Das gilt auch für Positionen, die vorgeburtlich von „Gewebe“ sprechen oder das Menschsein sonst an bestimmte Stadien der Entfaltung binden.
    Man tut diesen Positionen beim heutigen Stand von Naturwissenschaft ganz sicher nicht unrecht, wenn man sie als bestimmten Zwecken verhaftet ansieht. In normaler Sprache heißt das „Nützlichkeitsdenken“, als Fachausdruck spricht man vom„Utilitarismus“. Der Utilitarismus aber ist nichts anderes als die Philosophie eines Zweiklassenrechtes, nämlich des Rechts von Mächtigen über Ohnmächtige.

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