Martin Werlens Provokationen und Prophetien

Der frühere Abt des Klosters Einsiedeln, Martin Werlen, hat ein inspirierendes Buch geschrieben. Darin geht es nicht um Argumente, sondern um Zufälle und lebendige Spiritualität.

Von Xaver Pfister

AUF_41_2Propheten sind Menschen, die offen über die Schwächen und die Sünden des Volkes reden und so zur Umkehr aufrufen. In diesem Sinne ist Martin Werlen ein Prophet. Genau im Hinschauen, lebendig im Deuten dessen, was er sieht, offen für Begegnungen und begeistert von Papst Franziskus und seiner Theologie der Barmherzigkeit. Das Buch ist im Sabbathalbjahr entstanden, das Abt Urban Werlen gewährte, um vom Dienst des Abts wieder in die Rolle eines Mönchs unter anderen Mönchen zu finden. „Für Menschen in der Kirche sind diese Zeilen geschrieben, nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als erzählendes Unterwegssein im Vertrauen auf Gottes Gegenwart… Ich nehme einige der mir zugespielten Bälle auf und spiele sie weiter. Der Text ist rein zufällig entstanden.“

Zufall ist ein erstes Schlüsselwort des gut lesbaren Buches. Gott begegnet uns in den Zu-Fällen des alltäglichen Lebens. Zufällig ist jedes Reden von Gott, weil es den Zu-Fall Gottes zur Sprache bringt. Gnade ist für viele ein leeres Wort. Doch verstanden als Zu-Fall erschliesst sich, was das Gnade meint, jeder und jedem. In der Wegweisung schreibt der Autor: „Vor allem soll dieses Buch aber enttäuschen. Denn eine Ent-Täuschung gibt es nur dort, wo man in einer Täuschung gelebt hat. Täuschungen sind die grössten Hindernisse auf unserem Weg. Sie versperren uns oft den Blick auf das Wesentliche.“

Es geht hier nicht um Klarheit und Einordnung, schliesslich ist das Paradox ist eine wichtige Denkform in der Theologie. Die Versuchung jeder Begriffsbildung, die Klarheit und Ordnung schaffen will, stellt Martin Werlen radikal in Frage: „Alles klar? Hoffentlich nicht, Denn immer dann, wenn alles klar ist oder wir alles im Griff haben, sind wir nicht mehr auf dem Weg. Darum wird hier erzählt, was wir als glaubende Menschen leider immer wieder vergessen: Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.“

Da werden einige Kardinäle und Bischöfe zusammenzucken, den Kopf schütteln und den Mahnfinger aus ihrem Köcher herausziehen. Der Finger, der Strafe androht und zur am meisten gebrauchten Geste für einige wird. Aber nicht nur die da oben, sondern auch wir, die da unten, erliegen zuweilen dieser Versuchung. Der Laie, der alles weiss und sich als wahren Gläubigen versteht, ist allüberall anzutreffen. Diese Einsicht schickt Werlen auf die Reise. Er besucht verschiedene Orte, um anderes Leben und Denken zu entdecken, fährt nach Ungarn und nach Jerusalem. Ausführlich berichtet er von den Zu-Fällen auf seiner Reise.

Barmherzigkeit ist ein weiteres Schlüsselwort auf dem Weg, den das Buch beschreibt. Papst Johannes hat im Jahr 2000 einen Sonntag der Barmherzigkeit eingeführt. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit, „rachamim“, ist die Mehrzahl von „rechem“, was wörtlich Gebärmutter bedeutet. Solcherart ist Gottes Barmherzigkeit: mütterlich, bergend, ein Ort an dem wir heranwachsen können. Er liebt uns zum Leben! Die Wortwurzel „cham“ bedeutet Wärme. Dieses archaische Bild spricht uns tief an der Wurzel unseres Seins an und meint weit mehr als Verzeihung – die wärmende und lebensspendende Mütterlichkeit Gottes. Sie hat heilende Kraft.

In den Pfarreien aber wird der Sonntag der Barmherzigkeit kaum gefeiert. Barmherzigkeit ist aber auch ein Schlüsselwort in den Ansprachen und Symbolhandlungen des Papstes, der sich programmatisch der Verkündigung der Barmherzigkeit annimmt. Franziskus ist gleichsam das dritte Schlüsselwort des ehemaligen Abtes von Einsiedeln. Er ist der am häufigsten zitierte Autor. Deutlich wird, wie sehr Martin Werlen diesen Papst verehrt und seine Anliegen weiterträgt.

So ist zu verstehen, dass Werlens Buch nicht aus Kapiteln besteht, in denen eine These argumentativ entwickelt wird. Statt Kapitelüberschriften stehen über den Texten römische Zahlen. Hundert Impressionen, Prophetien und Provokationen legt er uns vor. Manfred Lütz, der 2014 das Buch „Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche“ vorgelegt hat, schreibt über Werlens Buch: „Seine lebendige Spiritualität macht auch ganz weltlichen Menschen den Glauben berührbar. Martin Werlen ist ein kraftvoller ,oft provozierender Christ, der mit seinen Einsichten die Welt begeistern kann. Die Glut unter der Asche wird wieder spürbar.“ Gibt es eine bessere Würdigung des Buches als diese? Lesen Sie selbst. Es lohnt sich.

Martin Werlen: Heute im Blick. Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2015, 3. Auflage. CHF ca. 19.50.

3 Kommentare:

  1. Hubert Krebser

    Nur die Rezension lesend und nicht das Buch, erfahre ich womöglich mehr über den Rezensenten als über den Autor.

    Da es erklärtermaßen nicht um Argumente geht, sondern um Zufälle, die dem Autor untergekommen sind und die ihn inspiriert haben, so mag man fragen, worauf der Autor beim Leser seine Hoffnungen setzt, da er ja enttäuschen will. Denn was kommt darnach, wenn dies Buch mehr sein soll als ein anregender Reisebericht eines prominenten Autors? – Derer gibt es ja viele.

    In einigen Punkten stimme ich mit dem Autor überein: Zufall, verstanden als Gnade, ist auch etwas für mich; Laien (und Kleriker), die festgefahren sind, bereits alles wissen, sich für die wahren Gläubigen halten, sind ebenso wenig meine Freunde wie die des Autors; eine generelle Offenheit für neue Ideen begeistert auch mich.

    Nur, wie man ohne Klarheit und Einordnung, – diese mag ja erst streitig sein -, in einem gemeinsamen Aufbruch eine höhere Stufe erreicht, dies will mir nicht einleuchten. Das beginnt schon bei der inflationär bemühten Barmherzigkeit Gottes: Natürlich ist Gott barmherzig, unendlich gar, doch er ist ebenso gerecht, wahrhaftig, usw. und darin ist er genau so unendlich. Man würde daher in den Fehler Martin Luthers verfallen, wenn man Gottes Allmacht und Heiligkeit in verschiedene Eigenschaften zerlegte und dann diese, unterschiedlich gewichtet, gegeneinander richtete. Man schüfe so sich seine persönliche Wahrheit, die mit anderen Menschen nicht mehr austauschbar wäre, letztlich zu Spaltungen führte – ohne Ende!

    Es geht dann mit der Hintansetzung von Klarheit und Einordnung weiter: „schließlich [sei] das Paradox eine wichtige Denkform in der Theologie“. Diese Feststellung gipfelt dann in dem konkreten Satz: „Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.“

    Auch ich stehe mit der Denkform des Paradoxons auf gutem Fuß, folgere aus der Rezension / dem Buch jedoch so: „In einer Kirche, in der nichts klar ist, ist alles katholisch.“

  2. Fleischer Stefan

    „Propheten sind Menschen, die offen über die Schwächen und die Sünden des Volkes reden und so zur Umkehr aufrufen.“

    In meinem Religionsunterricht wurde uns noch gesagt, Propheten seinen Menschen, die nicht ihre eigene Meinung zum Besten geben, sondern nur das, aber all das sagen, was Gott ihnen zu sagen befohlen hat, ob man es hören will oder nicht.

  3. Das Schlüsselwort „Das Buch soll enttäuschen“, finde ich enttäuschend und entlarvend. Wenn mich ein Mensch enttäuscht, den ich für gut gehalten hatte, so ist das schmerzlich und nicht gut.
    Und „Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch,“ ist das zweite enttäuschende Schlüsselwort. Für Märtyrer war das Entscheidende so klar, dass sie für diese Klarheit in den Tod gingen.
    Märtyrer sind halt authentische Christen. Leute, für die nur wenig klar ist, sind von der Wahrheit dagegen noch weit entfernt. Sie tun sich schwer, dem großer Verwirrer zu widerstehen.

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