Hoffnungsgeschichten gegen Krieg und Gewalt

Auch angesichts von Krieg und Gewalt gibt es Handlungsmöglichkeiten. Die Frauenkonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes hat gezeigt, wie Wut und Empörung politisch fruchtbar gemacht werden können.

Von Esther Gisler Fischer

Ich denke, dass eine völlig andere Politik entstehen würde, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten. So eine Gemeinschaft wüsste besser, was sie an andere bindet. Sie wüsste, wie radikal abhängig sie von der Beziehung zu, vom Austausch mit anderen ist. Ich meine, das würde – oder könnte – ein wichtiges Element auf dem Weg zu einem internationalen Verständnis von Gerechtigkeit sein. (Judith Butler in „Krieg und Affekt“)

Syrische Kinder in einem Flüchtlingslager in Jordanien (Bild: Prix Caritas/Flickr)

Syrische Kinder in einem Flüchtlingslager in Jordanien (Bild: Prix Caritas/Flickr)

Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie sollen wir angesichts von so viel Gewalt auf der Welt – auch gerade gegen Frauen und Mädchen – agieren? Ernste Themen standen an der diesjährigen SEK-Frauenkonferenz im frühlingshaft dekorierten Saal des Heilsarmee-Hauptquartiers in Bern auf dem Programm.

Den Beginn machte Carmen Jud als Vertreterin des Vorbereitungsteams. Als Prämisse gleichermassen trug sie das Gedicht „Gemeinsam“ der jüdischen Schriftstellerin Rose Ausländer vor:

 

Vergesset nicht / Freunde / wir reisen gemeinsam / besteigen Berge / pflücken Himbeeren / lassen uns tragen / von den vier Winden. / Vergesset nicht / es ist unsre / gemeinsame Welt / die ungeteilte / ach die geteilte / die uns aufblühen lässt / die uns vernichtet / diese zerrissene / ungeteilte Erde / auf der wir / gemeinsam reisen.

(Bild: Esther Gisler Fischer)

(Bild: Esther Gisler Fischer)

Ausgehend von einem Zitat der amerikanischen Philosophin Judith Butler zum Entscheid, auf Gegengewalt zu verzichten und diese Weigerung als Handlung zu deklarieren, schlug sie den Bogen über die Feststellung, dass jegliches Leben prekär und damit schutzbedürftig sei, hin zu einer neuen Art des Handelns, die sowohl die eigene als auch die Verletzlichkeit des Gegenübers im Blick hat. Feministisch-theologisch gesprochen schloss Jud an Carter Heywards Überlegungen, dass Gott die Macht in Beziehung ist und wir als Menschen aufeinander angewiesen sind, im persönlichen wie im globalen Kontext. Macht in diesem Zusammenhang, so meinte sie weiter, sei die Macht, in Beziehungen etwas zu bewirken. Handlungsmacht sei die Fähigkeit und Möglichkeit, Beziehung herzustellen oder abzubrechen und den Menschen dadurch gutes Leben zu ermöglichen oder zu beschneiden.

Gewaltfreiheit bedeutet Friedensförderung

Von machtvollen Hoffnungsgeschichten erfuhr die ZuhörerInnenschaft anschliessend in eindrücklichen Statements auf dem Podium: Der Berner Pfarrer Andreas Nufer erzählte von der Aktion „Syrien, was kann ich tun?“, die vom 10. bis 20. Dezember 2014 in Bern, Zürich, Neuchâtel und Genf stattgefunden hat. Es gelang eine breite Mobilisation von Menschen, welche angesichts der Ohnmacht gegenüber dem Krieg in Syrien tätig werden wollten. Die Aktivitäten reichten von Gebetskreisen über Lesungen und einem Krippenspiel in der Weihnachtszeit hin zur Bereitstellung von Wohnraum für Flüchtlinge. Neben dem persönlichen Einsatz war auch die politische Aktivität wichtig: Bundesrätin Simonetta Sommaruga wurde mittels eines Offenen Briefes aufgefordert, endlich auch von Seiten der offiziellen Schweiz tätig zu werden und Kontingentsflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen.

Von selbst tätig wurde die kleine politische Gemeinde Riggisberg unweit von Bern, als sie, bzw. ihr Gemeinderat beschloss, dem Bund ein Asylzentrum zur Verfügung zu stellen und Flüchtlinge aufzunehmen. Doris Eckstein stellte als Co-Koordinatorin der Freiwilligenarbeit rund ums Zentrum aktuelle Situation vor. Den gegenseitigen Kontakt findet sie sehr bereichernd. Aktivitäten wie das Strickatelier für Frauen sind beliebt und schaffen Begegnungsräume.

Vor dem Mittagessen zeigte die feministische Friedenspolitikerin und -aktivistin Annemarie Sancar anhand von Bildern und Darstellungen von Frauen im Krieg Möglichkeiten auf, diese ausgehend vom eigenen biografischen Vorverständnis zu lesen und kritisch zu interpretieren. Alle Menschen, Frauen wie Männer, seien verletzlich und schützenswert. Friedensförderung sei teil der Gewaltfreiheit. Wut und Empörung könnten politisch fruchtbar gemacht werden.

Am Nachmittag wurden in Workshops Initiativen und Projekte von „Good Practice“ im Bereich gewaltfreie Konfliktlösung, Menschenrechtsbeobachtung und gesellschaftliche Integration vorgestellt.

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