Kurt Kochs Purzelbäume

In seinen „Reflexionen zur Synode über die Familie“ zeigt sich Kardinal Kurt Koch meilenweit entfernt vom alltäglichen Leben der Gläubigen.

von Xaver Pfister

koch_wikicommonsNun beginnt jeder Kardinal, zur Bischofssynode Stellung zu nehmen. Auch Kurt Koch, er mit einigen Purzelbäumen. REFLEXIONEN ZUR SYNODE ÜBER DIE FAMILIE war der Titel eines Kurzvortrages beim Premio Internationale „Tu es Petrus“ X edizione in der Aula Consiliare del Comune di Battipaglia am 7. Februar 2015*. Zweimal verspricht der Schweizer Kardinal, mit seinen Überlegungen der Synode nicht vorzugreifen. Aber leider tut er es doch, sowohl im ersten Teil seines Textes, in dem er die dogmatische Lehre über Ehe und Familie expliziert. Mehr noch im zweiten Teil, in dem er seine Sicht auf diese Welt vorlegt, die ein sehr beschränktes Bild der Realität zeichnet. In der Rede, die Papst Johannes XXIII zur Eröffnung des Konzils hielt, redet er von Unglückspropheten: „Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergange stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche, die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meist über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche.“

In dieser Sicht der Dinge muss der Text Kochs als der eines Unglückspropheten gelesen werden. Im ersten Teil entwickelt er eine biblische Theologie von Ehe und Familie, ein gutes Stück theologischer Reflexion. Eine interessante Deutung der Sakramentalität der Ehe. Allerdings. Allerdings ist die vorgetragene Sicht der Ehe so ideal, dass kein Ehepaar seine Ehe in dieser Flughöhe am Scheitern vorbeisteuern kann. Unbefriedigend sind die Aussagen zur Schöpfungsordnung. Eiverstanden bin ich damit, dass nicht der Mensch, sondern die Frau und der Mann geschaffen wurden. Im Zusammenleben eines Mannes und einer Frau wird so die Schöpfung vollendet. In dieser stringenten Gedankenführung bleibt für das Zölibat kein Platz. Es setzt die Schöpfungsordnung ausser Kraft. Interessanterweise spricht Koch die Realität des schwulen Mannes und der lesbischen Frau nicht an. Weil die Rede von der Schöpfungsordnung als Argument gegen eine natürliche Akzeptanz dieser Existenzweise nicht trägt? Zölibatäre, schwule und lesbische Menschen erfüllen die normativ verstandene Schöpfungsordnung nicht. Purzelbaum.

Koch ist weit weg vom Leben der Gläubigen

Ärgerlich wird der Text Kochs, wo er seine Sicht auf die Realität entwickelt. Diese Abschnitte zeigen die immense Distanz eines Kurienkardinals zum alltäglichen Leben der Gläubigen. Zudem wirkt er öfter sehr arrogant, etwa da wo er von den „getauften Heiden“ redet. Es sind Menschen, „die zwar durch die Taufe Christen geworden sind, aber den Glauben nicht gelernt haben“. Aber auch da, wo er behauptet, dem heutigen Menschen fehle der Wille zum Endgültigen. Er würde sich im Voraus auf ein mögliches Scheitern einstellen.

Offenbar weiss Koch nichts davon, dass eine Scheidung kein herrlicher Frühlingsspaziergang ist, sondern ein steiniger Weg gegenseitiger Verletzungen, eine verzweifelte Suche nach der Finanzierung einer zerbrochenen Familie, ein Gang durch die Schlucht der Selbstzweifel. Weiter behauptet er, dass Verbindlichkeit und Treue kaum mehr zu den primären Werten gehören. Dabei zeigt uns jede Nummer des „Bravo“, wie wichtig jungen Menschen gerade diese Werte sind. Schlussendlich redet er von der Beziehungsflüchtigkeit und Beziehungssüchtigkeit, die darin zum Ausdruck komme, dass man nicht mehr vom Lebenspartner sondern vom Lebensabschnittspartner rede. Wahrhaft ein Purzelbaum grossen Stils. Das Purzeln kann zur Verwirrung führen. Man muss sich Zeit lassen, um die Orientierung wieder zu finden.

Wer ist Subjekt der Ehe- und Familienpastoral?

Die sorgfältige Vorbereitung auf die Eheschliessung und die Begleitung frisch verheirateter Paar wird für Kurt Kardinal Koch zum Schlüssel der Ehe und Familienpastoral. Einverstanden. Einverstanden, wenn die Begleitung auf der didaktischen und methodischen Höhe der Gesprächsführung angeboten wird. Einverstanden, wenn der unterschiedlichen Lebensrealität der Paare Raum gegeben wird.

Allerdings ist eine Umsetzung dieses Postulates schwierig geworden. Der Theologinnen- und Theologenmangel, die allzu kleine Zahl der Priester in Europa lässt Wünschbares nicht umsetzen. Ausser man überträgt diese Aufgabe den Paaren und Familien, so wie es der vorgeschlagene Synodentext vorsieht: „Die Synodenväter haben mehrfach unterstrichen, dass die katholischen Familien aus der Kraft der Gnade des Ehesakramentes dazu berufen sind, selbst Subjekte der Familienpastoral zu werden“ (Nr. 30).

*Erschienen in der Information April 2015 des Bistums Chur. Den ganzen Text von Kurt Koch finden Sie hier.

Xaver Pfister ist Theologe und aufbruch-Vorstandsmitglied

2 Kommentare:

  1. Recht hat Kardinal Koch auf jeden Fall, wenn er die Lebenswirklichkeit nicht als Richtschnur nimmt. Die Lebenswirklichkeit ist kein Vorbild. Ich bin meinen längst verstorbenen Eltern immer noch unendlich dankbar dafür , dass sie in den Jahren von 1933 bis 1945 unter hohem Risiko die damals weit verbreitete Lebenswirklichkeit des NS-Regimes abgelehnt haben. Die damals weithin anerkannte Lebenswirklichkeit war nämlich satanisch, wie wir an einem aus dem KZ Flossenbürg zurückgekehrten Verwandten sehen mussten. Nein, Orientierung bietet eben nur das christlich getaufte Naturrecht, die Zehn Gebote, an denen sich das Gewissen des Einzelnen ausrichten kann, das sich nicht dem Anpassungsdruck der Straße und der Medien beugen darf.

  2. Hubert Krebser

    Purzelbäume können Verwirrung stiften, selbst wenn sie nur behauptet sind. –

    Zur Sache: Kardinal Kurt Koch stellt ebenso wie andere Kardinäle seine Überlegungen dar, sagt, dass er der Synode aber nicht vorgreifen wolle. Solches Vorgehen kennt man von Gerichtsverhandlungen, ist also nicht nur normal, sondern sinnvoll. – Purzelbaum?

    Was tut Koch eigentlich? Er stellt einen streitigen Hauptpunkt der noch kommenden Versammlung positiv dar, schont somit seine Gegenspieler, allen voran Kardinal Kasper, der mit seiner Interpretation von der „unendlichen Gnade Gottes“ – mit der Philosophie Luthers im Hintergrund – meines Erachtens Verwirrung gebracht hat.

    Die von Koch gezeichnete natürliche Schöpfungsordnung von Mann und Frau schließt den Zölibat nicht aus, wenn Menschen diesen freiwillig auf sich nehmen, um in anderer Weise am Schöpfungsgeschehen mitzuwirken. Denn Schöpfung vollzieht sich nicht nur im Fleisch. Die Nennung von Zölibatären in einem Atemzug mit Schwulen und Lesben ist da nur witzig. – Purzelbaum?

    Die Schwierigkeiten von Eheleuten, die die von Koch gezeichnete „Flughöhe“ – so der Kommentator – nicht ohne Schrammen werden halten können, spricht nicht gegen die Darlegungen von Koch. Kritisieren mag man die Versäumnisse von Kirche in der Ehevorbereitung, doch sind die Menschen immer des Sinnes, sich im Vorhinein auf die Kirche einzulassen, wenn Anderes drängt?

    Wenn Koch die Folgen einer Außerachtlassung der natürlichen Schöpfungsordnung zeichnet, so ist er deswegen noch kein Unglücksprophet; das Zitat von Johannes XXIII. dürfte hier fehlgehen. Zutreffender wäre, dem Schweizer Kurt Koch einen anderen Schweizer zur Seite zu stellen, nämlich Friedrich Dürrenmatt. Dieser sagt zu seinem Drama „Die Physiker“: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

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