Von der Kunst des interreligiösen Dialogs

Hanna Kandal, Rifa'at Lenzin und Ruth Gellis auf dem Podium (Foto: Gisler-Fischer

Hanna Kandal, Rifa’at Lenzin und Ruth Gellis auf dem Podium (Foto: Gisler Fischer)

„Interreligiöser Dialog jenseits politischer Interessen:Eine Frage der Haltung oder eine Utopie?“
Unter diesem Titel lud das Zürcher Forum der Religionen kürzlich ein. Es entspann sich eine spannende Debatte

Von Esther Gisler Fischer

In unserer zunehmend multireligiösen Gesellschaft wird der interreligiöse Dialog immer wichtiger. Dass Bedarf nach Anleitung dazu besteht, beweist der „Leitfaden für den interreligiösen Dialog“, der vom Interreligiösen Think Tank nun bereits in der 4. Auflage herausgegeben wurde und bislang weg ging wie „frischi Weggli“!
In ihrem Inputreferat zeigte die Islamwissenschaftlerin und Mitautorin Rifa’at Lenzin zunächst die Wurzeln des interreligiösen Dialogs auf: So gab es im Mittelalter in Europa von den Herrschenden verordnete sogenannte „Zwangsdisputationen“ zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten mit dem erklärten Ziel, einander zu besiegen. Zu den Spielregeln gehörte dabei, dass immer die christliche Religion als Siegerin hervor zu gehen hatte. Es ging darum, die eigene Vormachtstellung zu definieren und zu zementieren.

Interessant, wie zu hören war, dass heutige Institutionen des interreligiösen Dialogs wie das Zürcher Lehrhaus ihren Anfang in einer ähnlichen Konstellation nahmen: Ursprünglich von der Basler Mission mit dem Ziel der Judenmission gegründet, mutierte es in den 1930er Jahren zum Ort des Einsatzes für konvertierte Judenchristen, um dann in den 90er Jahren des letzten Jahrtausends mit Einbezug des Islams zu einem Lehr- und Lernort der drei abrahamitischen / saraitischen Religion Judentum. Christentum und Islam zu werden.

Der interreligiöse Dialog im heutigen Sinn ist neu, sofern er nicht als „Clash of civilisations“ verstanden und inszeniert wird, indem jede Religion sich gegenüber der anderen zu profilieren versucht. Auch kein gangbarer Weg ist das unhinterfragte „Umarmen“ einer anderen Religion; das vermeintliche Erkennen des Eigenen im Fremden. Dialog als echt ethischer Weg gelinge am Besten, so Lenzin, wenn eine Grundhaltung radikalen Respekts eingenommen wird. Die Möglichkeit, sich und seine Ansichten und Einstellungen herausfordern und verändern zu lassen, sei ein Merkmal dieser neuen Art des Dialogs.

Religionspolitische Aushandlungsprozesse unersetzlich

Klar sei jedoch auch, dass der interreligiöse Dialog religionspolitische Aushandlungsprozesse nicht ersetzen könne. Das Recht auf Ausübung der eigenen Religion mit Grabfeldern und Kultstätten wird von der Religionsfreiheit geschützt und muss auf politischem Weg eingefordert werden.
In der anschliessenden Podiumsdiskussion gingen die Jüdin Ruth Gellis, die Christin Hanna Kandal und die Muslimin Rifa’at Lenzin der Frage nach einem gelingenden Religionsdialog nach. Dabei kam die Irritation zur Sprache, die der Titel der Veranstaltung ausgelöst hatte: Das Private sei doch eminent politisch und der Dialog so gesehen eine Form politischen Gestaltens, wurde eingeworfen. Gutes Zusammenleben anzustreben und zu ermöglichen, sei schliesslich Politik! Wenn natürlich mit „politischen Interessen“ partei- und /oder weltanschauliche Interessen gemeint seien, werde es allerdings schwierig. So laufen vielfach Konflikte wie beispielsweise jener im Nahen Ostern als Subtexte unbewusst oder auch bewusst mit, was bisweilen den Dialog erheblich erschwere und teilweise fast unmöglich mache.

Innerreligiöser Dialog unabdingbar

Unabdingbar und vielleicht am Schwierigsten sei der intrareligiöse Dialog: Wie umgehen mit Menschen in der eigenen Religionsgemeinschaft, Konfession, welche eher auf Konfrontation mit anderen Religionen als auf Dialog aus sind? Dieser Punkt sei nicht zu vernachlässigen, das Unterfangen jedoch unter Umständen geradezu unmöglich. Da sei oft mehr Differenzverträglichkeit gefragt als mit den Gesprächsbereiten anderer Religionen, so hiess es.
Auch nach dem Ziel des interreligiösen Dialogs wurde gefragt. Von den Gesprächsteilnehmerinnen wurde er definiert als „Lebensdialog“ zwischen Gleichgestellten mit dem Ziel, für ein gutes Zusammenleben zu sorgen.
Die zentrale Frage, ob interreligiöser Dialog wirklich funktionieren und seinen Zweck – nämlich zu einem friedlichen Miteinander im gesellschaftlichen Zusammenleben beuitragen zu können – erfüllen kann, blieb offen.

Fazit: Es braucht einen langen Atem, Beharrungsvermögen und kreative Idee für die Gestaltung von Begegnungen. Von denen wurden einige am Schluss der Veranstaltung von Menschen aus dem Publikum erwähnt und vorgestellt.

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