Prädikat unchristlich

Foto: livenet.ch

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Bischof Vitus Huonders Äusserungen zum Umgang mit Homosexuellen sind unchristlich und menschenverachtend. Doch seine Absetzung erscheint unwahrscheinlich.

Von Christian Urech

«Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.» Am Kongress «Freude am Glauben» im deutschen Fulda zitierte Vitus Huonder freimütig aus dem Levitikus, dem 3. Buch Mose. Das Zitat, so der Churer Bischof, reiche, um «der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben.» Die drastischen Worte des Geistlichen hallten nach. Nicht nur innerhalb der Kongressmauern, wo sie freundlichen Beifall erhielten. Sondern vor allem ausserhalb: Die schwulenfeindlichen Aussagen des Churer Bischofs lösten einen Sturm der Empörung aus. Auch und gerade unter gläubigen Katholiken. Huonder ist inzwischen zurückgekrebst: Seine Aussagen seien fälschlicherweise als Herabsetzung homosexueller Menschen verstanden worden: «Es war nicht so gemeint», fügte der Bischof hinzu.

Wie er es denn gemeint hat, vermag – oder will – Huonder freilich nicht erklären. Das zeigte sich anlässlich eines Interviews mit TeleZüri vom vergangenen Montag, wo der Kirchenmann vor allem eins sagte: nämlich, dass er nichts sage. Und mit verbissener Miene gleich mehrmals auf eine in Aussicht gestellte Medienmitteilung verwies.

Unchristlich und menschenrechtswidrig

Das Interview war zwar nichtssagend, aber dennoch aufschlussreich: Huonder wirkte verkrampft, ängstlich und defensiv – wie ein Politiker in Verteidigungsposition, der als strammer Parteisoldat seine Parteidoktrin vertritt.

Die Mehrheitsmeinung seiner Kirchenbasis vertritt er damit freilich nicht. Nur eine kleine Minderheit der Katholiken in der Schweiz unterstützen seine Aussagen – das hat sich in den Diskussionen zur anstehenden Familiensynode gezeigt.

Huonder erweist mit seiner menschenverachtenden Haltung gegenüber Homosexuellen aber nicht nur seiner Kirche einen Bärendienst – sie ist auch zutiefst unchristlich. Das Credo des Christentums ist die Nächstenliebe, wie es der Alttestamentler Othmar Keel, ehemaliger Professor an der Universität Freiburg, ausdrückt: «Alle Gebote lassen sich letztlich auf ein Gebot reduzieren: das der Nächstenliebe.»

Huonder aber hält sich an eine wortgetreue Bibelauslegung, die jeden historischen Zusammenhang verleugnet, wie es sonst nur ganz hartgesottene Fundamentalisten tun. Wenn er damit zeigen will, dass er sich dem Zeitgeist verweigert, kommt er mir so vor wie einer, der für die Wiedereinführung der Sklaverei plädiert, weil die Sklaverei früher mal gang und gäbe war und sowohl juristisch wie auch ethisch-religiös legitimiert wurde. Dass eine solche Haltung dem, was Jesus gepredigt und gelebt hat, diametral widerspricht, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Die Haltung Huonders ist aber nicht nur unchristlich, sondern auch menschenrechtswidrig. Mit seinen Äusserungen gegen Schwule und Lesben stellt sich Vitus Huonder in eine Reihe mit iranischen Mullahs, islamistischen Fundamentalisten, Vladimir Putin und dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni. Auf der Liste jener Länder, in denen Homosexualität tatsächlich mit dem Tod bestraft wird, finden wir Nigeria, den Sudan, den Iran, Jemen und Saudi-Arabien.

Es ist für Vitus Huonder zu hoffen, dass er sich nicht tatsächlich die Todesstrafe für Schwule und Lesben wünscht. Auch wenn sie wahrscheinlich juristisch keine Chance hat, ist es nachvollziehbar, dass der Schwulendachverband Pink Cross Strafanzeige gegen Huonder eingereicht hat wegen öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen. Zur Begründung der Anzeige schreibt Pink Cross : «Ja, für uns sind Meinungs- und Religionsfreiheit ein hohes Gut. Jeder Mensch darf seine Meinung haben und auch äussern. Nicht geschützt ist jedoch eine Meinung, die zu Hass und Verbrechen auffordert. Nein, das Zitieren von zwei Bibelzitaten aus einer Gesetzesordnung aus dem Alten Testament zur Legitimation von Aufrufen zu Hass und Verbrechen – bar jeder Exegese (Auslegung) und jeglichen Zusammenhangs mit der Lehre Christi – sondern im wortwörtlichen Sinn, ist für uns nicht hinnehmbar. Es sät Hass. Wir dulden keinen Hass, keine Aufrufe zu Verbrechen und keine Gewalt an homosexuellen Menschen und anderen sogenannten Minderheiten. Nicht alle Kirchen sind homophob und die meisten Kirchenvertreter und -mitglieder schon gar nicht. Unsere Strafanzeige richtet sich direkt gegen den Bischof von Chur.»

Der aufbruch wurde vor mehr als 25 Jahren als Reaktion auf die reaktionäre Haltung des damaligen Churer Bischofs Wolfgang Haas gegründet. Nun sitzt wieder ein erzkonservativer Bischof im Churer Schloss. Wir vom aufbruch sind der Meinung, dass es immer noch eine kräftige Stimme braucht, die gegen fundamentalistische, menschenverachtende Tendenzen in Kirchen, in Religionen, in der Politik und in der Gesellschaft Gegensteuer gibt. Auch wenn der Papst Bischof Huonder – er ist 73 und muss mit 75 ohnehin seinen Rücktritt anbieten – vermutlich aussitzen wird, wäre es jetzt das richtige Signal, den Mann in Chur abzuberufen.

3 Kommentare:

  1. Der Text offenbart ein Problem, dieses heißt aber nicht „Bischof Vitus Huonder“, sondern hat etwas mit vorgespannter Wahrnehmung zu tun. Ich muss zu diesem Schluss kommen, weil ich bei dem Vortrag live dabei war. Seine Ausführungen beruhten samt und sonders auf der Bibel und waren in Wortwahl und Tonfall strikt sachlich gehalten.

    Bischof Huonder anzulasten, dass er Homosexualität in alttestamentarischer Weise bestrafen wolle, muss scheitern, denn er vertritt mit dem Papst und den anderen Bischöfen die kirchlich katholische Unterscheidung von Sündern, die zu achten und zu lieben, und den schöpfungstheologisch ungeordneten Taten, die abzulehnen sind. Schon Jesus lebte und lehrte diese Unterscheidung, die die Welt erst noch nach und nach lernen musste und muss. – Sich aber allein darauf zu berufen, dass Gott die Liebe ist (und Christentum eigentlich nur Nächstenliebe sei), der übersieht, dass Liebe, um zu voller Entfaltung (Wirkung) zu gelangen, immer auch nach einer entsprechenden Antwort fragt.

    In meinem engeren Bekanntenkreis erlebe ich, dass Menschen mit homosexuellen Neigungen so geachtet werden wollen, wie sie sind; von aggressiven Forderungen nach Gleichstellung in allen Dingen oder gar von Werbung für diese Lebensform, fühlen sich diese eher eingeengt. Denn die Öffentlichkeit fängt an, – je länger, je mehr, ungeachtet ihres verbalen Wohlwollens – darüber nachzudenken, was diese Lebensform gesellschaftlich kostet.

    Diese stille Kritik, – unauffälliger als ein katholischer Bischof, doch entschieden wirkmächtiger -, setzt an bei der umlagefinanzierten Rentenversicherung; Überlegungen gibt es schon länger. Wer nämlich einbezahlt, zahlt nicht für seine Rente, sondern für die seiner Eltern; wer also keine Kinder hat, hat keine Menschen, die für ihn einbezahlen. Weil das aber auch für solche gilt, die ihre Kinderzahl sehr beschränken, insbesondere aber für die, die gerne Kinder hätten, doch keine kriegen können, so wäre es um des sozialen Friedens willen sinnvoll, sich nicht zu breit zu machen.

  2. Dass es heute auf Schwierigkeiten stößt, wenn ein Bischof Bibel-Zitate bringt, ist heute keine Seltenheit mehr. Trotzdem glaube ich, dass in einer freiheitlichen Demokratie jeder Mann und jede Frau das Recht haben muss, aus der Bibel zu zitieren. Und Bischof Huonder hat dies sicherlich in einer ruhigen und sachlichen Form getan. Wer anderer Meinung ist, hat sicherlich das Recht, ebenso sachlich und ruhig zu widersprechen . ohne einen Entrüstungssturm auslösen zu wollen. Ich schätze Bischof Huonder sehr.

  3. Ich habe den kritisierten Passus von Hrn. Huonder gesehen und ich muss sagen, dass er wirklich nur Bibelstellen zitiert hat. Sein Nachsatz war jedoch höchst ungeschickt.

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