Wer ist der wahre Gott? Expertengespräch zu „Nathan der Weise“

Im Schauspielhaus Zürich fanden sich am 10. März 2016 anlässlich der aktuellen Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ drei Fachpersonen zusammen, um über die Bedeutung des Klassikers im Kontext heutiger Religionsdebatten zu diskutieren. Es waren dies der Theologe Ralph Kunz, der Journalist Dirk Pilz und Daniela Löffner, die Regisseurin der aktuellen Inszenierung. Moderiert wurde das Podiumsgespräch von Béatrice Acklin Zimmermann, welche sich überwältigt zeigte vom Interesse, das die Veranstaltung hervorrief; es waren so viele Zuschauer gekommen, dass manche von ihnen wieder weggeschickt werden mussten, weil es nicht genügend Sitzplätze gab. Dieser Andrang zeigte, dass die dem Stück inhärenten Fragestellungen und deren starker Aktualitätsbezug auf grosse Resonanz stossen.

Schon Lessing selbst hatte um die Brisanz seines Stoffes gewusst, wünschte er doch jedem, der den „Nathan“ auf die Bühne brachte, Mut; gleich zu Beginn des Gesprächs hob Daniela Löffner hervor, dass diese Aussage nach wie vor Gültigkeit habe, da man neben dem Mut, den es erfordere, einen Klassiker zu inszenieren, bei diesem Stück auch Mut zur eigenen Position aufbringen müsse, weil man bei der Beschäftigung mit seinem Inhalt an die Grenzen des eigenen Toleranzbegriffes stosse.

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Der Begriff der Toleranz nahm in der gesamten Diskussion eine zentrale Stellung ein; zunächst aber wurde über die ebenfalls bereits von Lessing selbst aufgeworfene These diskutiert, dass Theater und Religion Gemeinsamkeiten aufweisen und ähnliche Fragen umkreisen. Ralph Kunz wies daraufhin, dass die gemeinsamen Wurzeln von Kult und Kultur von zahlreichen geisteswissenschaftlichen Grössen wie beispielsweise Nietzsche thematisiert worden waren. Dirk Pilz gab aber zu bedenken, dass die Gemeinsamkeiten sehr begrenzt seien schon allein deswegen, weil ein Glaubensleben sich niemals im Kultischen erschöpfe; des weiteren hielt er fest, dass ein Konzept von Religion, welche dieselbe als Kult und somit als Widerspruch zu Wissen und Vernunft verstehe, kurzsichtig und problematisch sei. Gerade im vorliegenden Stück werde eine gegensätzliche Sichtweise deutlich: Der Protagonist Nathan ist gläubig und aufgeklärt zugleich.

Ralph Kunz brachte zum Ausdruck, dass „Toleranz“ im Sinne von „Dulden“ insofern fragwürdig sei, als dass sie ein Gefälle vom Mächtigen zum Ohnmächtigen impliziere; Toleranz sei insofern kein religiöser, sondern ein machtpolitischer Begriff und somit für den interreligiösen Dialog nicht fruchtbar. Dirk Pilz unterstrich, dass interreligiöser Dialog eben gerade bedeute, einander anzusehen, anstatt aneinander vorbei zu schauen. Er wies zudem darauf hin, dass die Problematik aktueller Intoleranz, beispielsweise in Form des diffamierenden Diskurses um „die Muslime“ und „den Islam“, nicht unterschätzt werden dürfe; Ralph Kunz griff diesen Faden auf und sagte, dass der Begriff der Toleranz deshalb weder an die Forderung nach tolerantem Verhalten des „Anderen“ zurückgebunden werden dürfe, noch sich in Debatten um Rechte und Pflichten erschöpfen könne. Gemäss Dirk Pilz sollte man in diesem Zusammenhang die Aussage von Lessings Werk nicht als Handreichung zur Konfliktlösung, sondern als Impuls zur wahrhaften Auseinandersetzung verstehen. Damit kam er auf die zentrale Frage des Abends zu sprechen und plädierte dafür, dass man in der interreligiösen Begegnung die Frage nach der Wahrheit gewissermassen an einen anderen Ort zu verlegen habe. Daniela Löffner betonte, dass auch sie dies als Kernaussage des Stückes verstehe: Die berühmte Ringparabel ziele darauf ab, dass der Ringträger nicht der Hüter der Wahrheit sei, sondern aber angehalten ist, die der eigenen Religionstradition innewohnende tiefe Wahrheit zu suchen, auf dass jedweder Ring wirkmächtig werden könne. Und so waren sich die Experten einig darin, dass die im „Nathan“ aufgeworfene Frage nach dem wahren Gott nur als Aufruf zur fortwährenden Suche verstanden werden kann.

Mirjam Läubli

Ein Kommentar:

  1. Der Begriff Toleranz ist auch aus meiner Sicht untauglich für den interreligiösen Dialog, denn jede Gläubige, jeder Gläubige ist zunächst einmal auf den Respekt des Gegenübers angewiesen, den zu erwidern sich immer lohnt. Ich würde da mit dem Basler Philsophen Hans Saner eher von „Differentverträglichkeit“ sprechen. Dabei geht es auch darum, die eigene Tradition und ihren Wahrheitsanspruch zu relativieren. Fundamentalismen jeglicher religiöser wie konfessioneller Couleur stehen diesem Bestreben jedoch diametral entgegen. Deshalb braucht es Brückenbauer und -bauerinnen in allen Religionsgmeinschaften!

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