Ahmad Mansour: „Ich bin unterwegs, um Muslime zu gewinnen“

Ahmad Mansour: "Weil das Handgeben gemäss dem radikalislamischen Verständnis Umgang mit den Geschlechtern bedeutet und das höllische Auswirkungen haben kann, müssen wir über die Tabuisierung der Sexualität reden."(Foto: Robert Weller)

Ahmad Mansour: „Weil das Handgeben gemäss dem radikalislamischen Verständnis Umgang mit den Geschlechtern bedeutet und das höllische Auswirkungen haben kann, müssen wir über die Tabuisierung der Sexualität reden.“

Der Berliner Jugendarbeiter, Psychologe und Buchautor Ahmad Mansour gibt äusserst bedenkenswerte Antworten auf Fragen wie: Wieso radikalisieren sich Jugendliche? Was treibt sie in die Arme von extremistischen islamischen Organisationen? Dabei fordert  der Psychologe von den westlichen Gesellschaften ein Umdenken. „Wir müssen im Umgang mit dem Islam und jungen Muslimen weg von der Panikmache, wir brauchen klare, positive Aussagen über Gleichberechtigung.“ Ein Schlüssel sei, über die bei Salafisten gängige Tabuisierung der Sexualität öffentlich zu reden.

Von Wolf Südbeck-Baur

Locker gelöst und dennoch konzentriert tritt Ahmad Mansour ans Rednerpult im Union in Basel. Der zahlreichen Zuhörerschaft macht er gleich eingangs klar, dass er weg wolle von der Debatte über IS-Terroranschläge und vermeintlich rückständigem Islam. Vielmehr „bin ich unterwegs, um vor allem die jungen Muslime zu gewinnen“. Das lässt aufhorchen. „Wenn sich ein junger Mann in hiesigen Breiten entscheidet, ein radikaler Islamist zu werden, muss er sich unglaublich einschränken“, erklärt der Berliner, der dort Mitarbeiter der Beratungsstelle Hayad ist. Ein solcher Jugendlicher müsse fortan früh aufstehen, um seine Gebete zu verrichten, dürfe keinen Umgang mit dem anderen Geschlecht pflegen, müsse sexuell enthaltsam leben und gehorsam sein gegenüber dem, was in den häufig salafistisch geprägten Moscheen gepredigt werde. Was bringt junge Leute dazu, ihr Leben nach diesen Regeln auszurichten?

Patriarchaler Vater. Der Autor des viel beachteten Buches „Generation Allah“ verweist vor dicht besetzten Rängen und als Gastredner der von der GGG Migration organisierten gleichnamigen Fachtagung zunächst auf psychologische Faktoren. Die Jugendlichen seien auf der Suche nach Orientierung, zuhause fehle häufig eine Vaterfigur, und wenn einer da sei, dann „ist es ein patriarchaler Vater, der sagt, wo es lang geht“. Dazu kommen Probleme in der Familie und obendrein Mobbing in der Schule.

Ahmad Mansour: "Eine Gesellschaft aber, die Muslime zunehmend ausgegrenzt und ausschliesst, werde die Generation Allah nicht erreichen und integrieren können."

Ahmad Mansour: „Eine Gesellschaft aber, die Muslime zunehmend ausgegrenzt und ausschliesst, werde die Generation Allah nicht erreichen und integrieren können.“ (Fotos: Robert Weller)

Jugendliche in diesem psychischen Korsett seien auf der Suche nach einem neuen Anfang und wollten aus diesem Korsett ausbrechen. „Wer auf der Suche ist, ist anfällig für radikale Ideen und Ideologien“, erklärt Mansour. Dort fänden sie „innere Ruhe, eine Aufgabe und Anerkennung“. Das schwarz-weiss Weltbild der salafistisch geprägten Religion biete einfache Antworten auf die Sinnsuche der Jugendlichen und gebe Sicherheit, unterstreicht Mansour. „So entsteht eine emotionale Bindung.“ Wenn die demokratischen Kräfte Angebote machen, die diesen emotionalen Bedürfnissen der Jugendliche entsprechen, „können wir sie retten“, ist Mansour überzeugt. Eine Gesellschaft aber, die Muslime zunehmend ausgegrenzt und ausschliesst, werde die Generation Allah nicht erreichen und integrieren können. Das hingegen hätten die Salafisten geschafft, nämlich in der Sprache der Jugendlichen und entsprechend ihrer Bedürfnisse zu reden und zu handeln. So warteten die Salafisten zum Beispiel nicht in der Moschee, sondern am Gefängnistor, um junge straffällig gewordene Muslime als Brüder in ihren Reihen aufzunehmen und zunächst Fussball mit ihnen zu spielen.

Kritische Fragen unmöglich. Anschauungsunterricht bieten die sozialen Medien zuhauf. Mit Bildern, die an Amagedon erinnern, werde jungen Muslimen ein „heldenhafter Status“ gegeben verknüpft mit der Botschaft: „Du bist in der ersten Reihe, wenn die Geschichte neu geschrieben wird.“ Dieser Anspruch werde mit theologischen Gründen unterfüttert. Dabei begünstige, so doziert Mansour, die Buchstabengläubigkeit, die auch bei konservativen Christen anzutreffen sei, ein konservatives Islamverständnis.  So seien die Texte des Korans als geoffenbarte Worte Allahs unhinterfragbar und als Wahrheit zu akzeptieren. Pierre Vogel, Wortführer radikal islamischer Muslime in Deutschland, argumentiert laut Mansour so: „Islam ist die Wahrheit, und wenn es die Wahrheit ist, dann ist es egal, ob es dir gefällt oder nicht, du musst der Wahrheit folgen.“ „Kritische Fragen“, folgert Mansour, „sind unmöglich“.

Angstpädagogik. Desweiteren bilde die Predigt von der Angst vor Höllenqualen ein Schwerpunkt der Salafisten. „Wohin willst du fliehen, wenn das Ende naht?“ Diese Angstpädagogik, betont Mansour, „ist für junge Muslime, die auf der Suche nach Sinn und Halt sind, ein unfassbar manipulatives Instrument“.

Im Blick auf die hierzulande aktuelle Handschlag-Debatte zweier muslimischer Schüler in Therwil BL macht der Muslim-Experte aus Berlin klar, dass diesem Handeln nicht mit dem Verweis auf die Religionsfreiheit beizukommen ist. Da „das Handgeben gemäss dem radikalislamischen Verständnis Umgang mit den Geschlechtern bedeutet und das höllische Auswirkungen haben kann, müssen wir über die Tabuisierung der Sexualität reden“, erklärt Mansour. Bei den Salafisten sei in der Moschee die erste Frage, Bruder, bist du verheiratet? Da dies in aller Regel nicht der Fall sei, sagen laut Mansour die Salafisten den jungen Muslimen, bei denen die Sexualität und das Interesse am anderen Geschlecht aufbricht: Wir ermöglichen euch, ganz schnell zu heiraten. Denn in der Ehe ist Sexualität erlaubt.

Frau als Sexobjekt wahrgenommen. „Wenn wir über Sexualität und Gleichberechtigung reden, brauchen wir klare, eingängige und leicht verständliche Aussagen, nicht lange Debatten über das Handgeben im Horizont der Religionsfreiheit“, meint Mansour. Gegenüber der Tageswoche macht der Berliner Jugendarbeit aber auch klar: „Dieser Fall betrifft nicht nur die Schweiz, sondern ganz Europa. Er betrifft die Werte unserer Gesellschaft. Deshalb finde ich es gut, dass darüber eine Debatte stattfindet. Ob Strafen die richtige Lösung für solche Probleme sind, wage ich aber zu bezweifeln. Trotzdem muss diesen Leuten klar werden, dass die Handschlag-Debatte kein Luxusproblem ist. Es geht um grundlegende Prinzipien der Demokratie und der Gleichberechtigung – darum, dass die Frau als Sexobjekt wahrgenommen wird und nicht als Mensch oder Lehrerin.»  Um die junge Generation Allah und wohl überhaupt die jungen Leute für ein offenes freiheitliches Verständnis westlicher Werte zu gewinnen, „brauchen wir unter anderem muslimische Verbände, die Religion differenziert und nicht schwarzweiss verstehen“, ist Mansour überzeugt. Dazu gehöre selbstverständlich, religiöse Schriften und Überlieferungen kritisch in den historischen Kontext zu stellen.

Ahmad Mansour, Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen, Fischer-Verlag 2015. Im Januar war das Buch bei unserer Partner-Zeitschrift Publik-Forum Buch des Monats.

Weitere Infos zur Fachtagung Integration 2016 unter www.ggg-migration.ch/tagung

 

 

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