„Hans Urs von Balthasar war seiner Zeit um Jahre voraus“

Kardinal Karl Lehmann würdigt Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar (Foto: Südbeck-Baur)

Kardinal Karl Lehmann würdigt Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar  (Foto: Südbeck-Baur)

Kardinal Karl Lehmann entdeckt den Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (1905-1988) neu für das interreligiöse Gespräch. Dabei sei er „seiner Zeit um Jahrzehnte voraus“ gewesen.

Von Wolf Südbeck-Baur

Bereits anfangs der 60er Jahre plädierte Hans Urs von Balthasar anderen Religionen gegenüber für „eine grundsätzliche Toleranz“, sagte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann Ende Juni in Basel, der letzten Wirkungsstätte des gebürtigen Luzerners. Laut Balthasar halten alle Religionen „nach dem göttlichen Sinngrund des Daseins Ausschau“. Das sei ihnen „eine tiefe Gemeinsamkeit“. Darum müssten sie „in Wort und Tat bezeugen, dass Religion zur Natur des Menschen gehört“, so Lehmann den 1988 gestorbenen Theologen zitierend. Der gerade eben erst in den Ruhestand versetzte Erzbischof von Mainz referierte auf Einladung der Hans Urs von Balthasar-Stiftung anlässlich des 28. Todestags des bedeutenden Theologen, der 1988 kurz vor seinem Tod als Kardinal nominiert worden war.

Hans Urs von Balthasar (1905-1988)

Hans Urs von Balthasar (1905-1988)

Keine Nivellierung. Gleichwohl dürfe der interreligiöse Dialog nicht zu einer „Nivellierung der absoluten Einmaligkeit des Christlichen führen. Jedenfalls“, so Lehmann über von Balthasar, dürfe „mit dem Ziel einer grösseren Nähe zwischen den Religionen zueinander die exklusive Mitte, die im Gottesverständnis der Trinität und der Menschwerdung Jesu Christi begründet wird, nicht ausgeblendet werden“. Hier sieht Lehmann mit Balthasar die Sorge begründet, „dass dies heute im Namen einer falschen Toleranzauffassung und einer leichteren praktischen Übereinkunft oft geschieht“. Und trotz aller unbedingten Gesprächsbereitschaft beanspruche das Christentum, „dass es als einziges in der Weltgeschichte die überlegene Einheit von Heidentum und Judentum darstellt, damals wie heute“.

Kardinal Karl Lehmann 016Unbedingte Dialogbereitschaft. Auf die Nachfrage, wie unter solchen theologischen Denkvoraussetzungen ein interreligiöser Dialog auf Augenhöhe heute überhaupt möglich sein soll, antwortete Lehmann: „Für von Balthasar stand ausser Zweifel, dass Angehörige anderer Religionen tief an das echte Geheimnis Gottes rühren.“  Zur Beantwortung dieser auch für Lehmann berechtigten Frage verwies der Mainzer Kardinal auf die Radikalität des Gottesverständnisses des Schweizer Theologen. Dieses thematisiere eben viel pointierter als heute die „radikalen Inhalte im Verständnis des Gottesbildes und nicht die peripheren, nachrangigen Dinge“, wo leichter eine Einigung erzielen könne. Insofern sei das theologische Denken von Hans Urs von Balthasar eine bleibende und lohnende Herausforderung. Lehmanns Fazit: Auch wenn heute viele in der Theologenzunft das Werk von von Balthasar „als unzugänglich übergehen und abhaken, lohnt die Auseinandersetzung mit diesem genialen theologischen Schriftsteller, der seinen Zeitgenossen um Jahrzehnte voraus war“.

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