Suizidprävention im Alter: „Wir brauchen ein Kompetenzzentrum in Sachen Sterben“

Gabriela Stoppe: "Assistierte Suizide im Altern nehmen zu" (Foto: Südbeck-Baur)

Gabriela Stoppe: „Assistierte Suizide im Altern nehmen zu“ (Foto: Südbeck-Baur)

Die Psychiaterin Gabriela Stoppe plädiert für eine Anlaufstellen, die den Sterbewunsch eines betagten Menschen ernst nimmt. Als Alternative zu Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Co sollen Kompentenzzentren in Sachen Sterben „Gespräche zum Wert des Lebens und der Rolle des Sterbens anbieten“. Die Unterstützung einer entsprechenden zivilgesellschaftlichen Initiative durch der Kirchen hält die Medizinerin für wünschenswert.

Interview von Wolf Südbeck-Baur

 

aufbruch: Gabriela Stoppe, Sie haben sich klinisch und wissenschaftlich mit der Suizidprävention im Alter auseinandergesetzt und festgestellt, dass die Suizidrate im Alter die höchste von allen Altersgruppen ist. Was sind die wichtigsten Gründe für alte Menschen, ihrem Leben eine Ende setzen zu wollen?

Gabriela Stoppe:  Vereinfachend gesagt sind Depression und Einsamkeit die Hauptgründe für Suizid im Alter. Dabei ist hinzuzufügen, dass eine Depression im Alter oft nicht erkannt und mit Traurigkeit verwechselt wird. Häufig tritt Depression auch im Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung auf. Damit sind wir auf dem Gebiet der allgemeinen Gesundheit. Häufig schränken schmerzhafte Erkrankungen wie zum Beispiel Arthrosen die Bewegung ein. Dazu kommen Beeinträchtigungen im sensorischen Bereich, die Sehkraft lässt nach, Hörstörungen behindern den Austausch mit anderen. Entscheidend ist, dass die Depression erkannt und behandelt wird.

aufbruch: Das fördert Vereinsamung…

Gabriela Stoppe: Viele alte Menschen leiden unter dem Rollenverlust nach dem Ende des Arbeitslebens. Sie haben häufig keine Aufgabe und nicht wenige haben Angst vor dem Pflegeheim mit der Befürchtung, ihre Autonomie völlig zu verlieren. Das wollen sie nicht erleben, ebenso schreckt viele die Vorstellung, an Demenz zu erkranken und ein Pflegefall zu werden.

 

„Es ist im Alter normal, dass man gut schlafen kann, dass man mehrheitlich zufrieden ist usw. Wenn das bei einem alten Menschen nicht so ist, gibt es dafür Gründe, die man untersuchen lassen kann.“

 

aufbruch: Können Persönlichkeitsdispositionen diese Ängste hervorrufen?

Gabriela Stoppe: Forschungen haben gezeigt, dass zu diesen Ängsten eine gewisse Persönlichkeitsdisposition gehört, die nicht erst im Alter entsteht. Menschen, die Mühe haben, über ihre seelische Befindlichkeit zu sprechen, die Mühe haben, sich auszutauschen und – das ist nicht unwesentlich – die Mühe haben, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

aufbruch: Bei vielen alten Menschen ist der Gang zum Psychiater aber verpönt…?

Gabriela Stoppe: Das wandelt sich gerade. Die 68er-Generation, die jetzt alt wird, hat einen positiven Bezug zur Psyche und zur Psychotherapie. Sie lässt sich daher durchaus motivieren, die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch zu nehmen. In dem Zusammenhang wird das Gesundheitswissen bzw. die Gesundheitskompetenz („health literacy“) über die Möglichkeiten gesundheitsfördernder Behandlungen zunehmend wichtig.

aufbruch: Und wie ist der Stand dieses allgemeinen Gesundheitswissens in der Schweiz?

Gabriela Stoppe: Nicht sehr hoch. Dazu würde zum Beispiel gehören, dass man weiss, was man im Alter an gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Regelfall akzeptieren muss. Traurigkeit, Schlafstörungen oder Depressivität gehört im Normalfall nicht dazu. Es ist im Alter also normal, dass man gut schlafen kann, dass man mehrheitlich zufrieden ist usw. Wenn das bei einem alten Menschen nicht so ist, gibt es dafür Gründe, die man untersuchen lassen kann. Wichtig ist somit zunächst mal zu erkennen, dass da ein Problem vorliegt. Zweitens ist wichtig, dass Apotheker, Ärzte, Pflegepersonal, aber auch das Kirchenpersonal, die mit gesundheitlich gefährdeten Gruppen zu tun haben, wissen, dass es das Problem des Alterssuizids überhaupt gibt.

 

„Ich halte den Zulauf, den Exit verzeichnet, für bedenklich. Darum brauchen wir dringend eine Kontrolle von Exit, die Auskunft darüber gibt, wer zum Beispiel bei Exit nach welchen Kriterien als Sterbehelfer agieren kann.“

 

aufbruch: Ist der Gedanke, anderen zur Last zu fallen, auch ein Grund für den Suizid von alten Menschen?

Gabriela Stoppe: In den letzten Jahren hat die Zahl der Suizide im höheren Lebensalter eher abgenommen. Das heisst, wenn der Druck, den dieses Unwort der Überalterung – der Begriff Unterkinderung entspräche den Fakten der demographischen Entwicklung wesentlich besser – auslösen kann, gesellschaftlich steigen würde, müssten die Suizide im Alter zunehmen. Das ist zum Glück aber nicht der Fall. Zugenommen haben in der Schweiz allerdings die Fälle, in denen Sterbehilfe ,– die assistierten Suizide – geleistet wurde und wird. Zumindest bisher hat der Gedanke des zur Last Fallens in dieser Debatte nicht mehr Gewicht bekommen, er könnte jedoch zum Beispiel hinter der Diskussion um den gefürchteten Autonomieverlust bei Übertritt in ein (kostspieliges) Pflegeheim versteckt sein.

aufbruch: Was muss sich gesundheitspolitisch ändern, um dem Suizid im Alter den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Gabriela Stoppe: Ich denke, in den Richtlinien für die Weiterbildung der Berufsgruppen, die mit alten Menschen zu tun haben, muss den psychischen und altersspezifischen Bausteinen mehr Gewicht beigemessen werden. Nach meiner Beobachtung leiden viele Pflegekräfte daran, dass sie im psychischen und auch spirituellen Bereich im Blick auf die Gesundheit alter Menschen mit unzureichenden Kompetenzen ausgestattet sind.

 

„Wir brauchen kein weitgehend unkontrolliertes Angebot von Sterbehilfsorganisationen, sondern eine Institution beziehungsweise. Anlaufstellen, die den Sterbewunsch eines betagten Menschen ernst nehmen.“

 

aufbruch: Steht hinter diesen Vorschlägen die Frage, wie wir angesichts von altersbedingten Krankheiten wie etwa Demenz miteinander umgehen wollen?

Gabriela Stoppe: Entscheidend ist, wie viel und welcher Platz alten Menschen in der Gesellschaft zugestanden wird. Warum sollte ich mich umbringen, wenn ich als alter Mensch darauf zählen kann, dass ich von der Gesellschaft bis zu meinem Tod gepflegt und umsorgt bin? Wenn Gesundheitsökonomen und Politiker behaupten, dass dafür in einer der reichsten Gesellschaften der Welt  das Geld fehlt, müssen die Prioritäten neu verhandelt werden.

aufbruch: Die katholische Kommission für Justitia et Pax kritisiert in ihrer gerade erschienenen Studie Suizidhilfe im Alter scharf das Faktum, dass sich hierzulande zunehmend alte Menschen Hilfe zum Sterben holen. Bischof Felix Gmür sagt, der organisierte Tod sei inakzeptabel. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Gabriela Stoppe: Ich begrüsse, dass die Kirche eine eindeutige Position bezieht. Ob man damit allerdings dem Trend und der Akzeptanz von Exit und Co als Agenten für einen guten, weil selbstbestimmten Tod Gegensteuer geben kann, ist fraglich. Aus meiner Sicht brauchen wir kein weitgehend unkontrolliertes Angebot von Sterbehilfsorganisationen, sondern eine Institution beziehungsweise. Anlaufstellen, die den Sterbewunsch eines betagten Menschen ernst nimmt.

aufbruch: Wie meinen Sie das?

Gabriela Stoppe: Ein Arzt und vor allem Psychiater muss jemanden, der einen Suizidwunsch äussert,  in eine psychiatrische Klinik einweisen, ein Seelsorger wird das Gespräch suchen, um sein Gegenüber vom Sterbewunsch abzubringen. Mit anderen Worten: es gibt aus der Sicht vieler Menschen niemanden, der für den Wunsch, sterben zu wollen, auch wenn man nicht schwer krank ist, Verständnis aufbringt. Aus meiner Sicht sollte darum darüber nachgedacht werden, eine Alternative zu den Sterbehilfsorganisationen einzurichten, die Gespräche zum Wert des Lebens und der Rolle des Sterbens anbietet. Denn es geht auch um die Kultur des Lebens, beispielsweise wie wir Hilfsbedürftigkeit erleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass immer mehr Menschen nie einen Toten oder einen Sterbenden gesehen haben und damit die Vorstellungen und Ängste dazu an Bedeutung gewinnen. Wir bräuchten eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Sterben.

 

„Ich wünsche mir von den Kirchen, dass sie Menschen mit einem Sterbewunsch ein offenes Gespräch ermöglichen selbstverständlich mit dem Ziel, jemanden im Leben zu halten. Ein solches offenes Gespräch sollte zudem nach Alternativen Ausschau halten, vielleicht auch einen gemeinsamen Weg skizzieren.“

 

aufbruch: Meinen Sie, der Staat müsste gesetzgeberisch aktiv werden?

Gabriela Stoppe: Nein, der Staat muss sich nicht für oder gegen die Sterbehilfe aussprechen, aber er muss dafür sorgen, dass das Leben der Bürger maximal geschützt ist. Da dem Staat unter anderem eine ordnende Funktion zukommt, wird der Staat hellhörig werden müssen, wenn auf diesem Gebiet Monopolstellungen entstehen. Die Sterbehilfeorganisationen müssen aus meiner Sicht stärker kontrolliert werden.  Die Publikation von Daten durch die Organisationen selbst reicht nicht aus. .

aufbruch: Exit hat über 95‘000 Mitglieder…?

Gabriela Stoppe: Ob eine Quasi-Monopolstellung von Exit gegeben ist, mag man diskutieren. Ich halte den Zulauf, den Exit verzeichnet, für bedenklich. Darum brauchen wir dringend eine Kontrolle von Exit, die Auskunft darüber gibt, wer zum Beispiel bei Exit nach welchen Kriterien als Sterbehelfer agieren kann. Wie wählt Exit seine Mitarbeiter aus? Darüber wissen wir nichts. Auch gibt es keine unabhängigen Kontrollen. Eine Meldepflicht gibt es erst nach dem ausgeführten Suizid. Aus meiner Sicht sind bei Sterbehilfeorganisationen wie Exit Kontrolle und Transparenz dringend geboten. Und es braucht in diesem Tabubereich eine breite gesellschaftliche Debatte über Alternativen, wo Menschen mit ihren Sterbewünschen hingehen  können. Dabei denke ich, dass viele der Älteren, die sagen, ich will nicht mehr leben, damit signalisieren, ich halte meine Situation nicht mehr aus, ich will „anders leben“. Vor diesem Hintergrund halte ich es für dringend geboten, über Würde und Menschenwürde zumal im Alter zu diskutieren. Ist Hilfsbedürftigkeit im Alter würdelos? Zudem halte ich es für wichtig, zu diskutieren, dass Abhängigkeit durchaus auch schöne, positive Aspekte impliziert, da wir als soziale Wesen alle voneinander abhängig sind und helfen und Hilfe erhalten das menschliche Miteinander bereichern.

aufbruch: Die Kirchen werden sich an einer solchen Debatte kaum beteiligen, weil sie das Leben als Geschenk Gottes einstufen, über das der Mensch nicht verfügen kann….?

Gabriela Stoppe: Ich wünsche mir von den Kirchen, dass sie Menschen mit einem Sterbewunsch ein offenes Gespräch ermöglichen selbstverständlich mit dem Ziel, jemanden im Leben zu halten. Ein solches offenes Gespräch sollte zudem nach Alternativen Ausschau halten, vielleicht auch einen gemeinsamen Weg skizzieren. Darum würde ich es sehr begrüssen, wenn sich die Kirchen an einer etwaigen  zivilgesellschaftlichen Initiative beteiligen würden, die die Schaffung von neutralen Beratungsstellen für Menschen mit einem Sterbewunsch anstrebt.

Gabriela Stoppe ist Psychiatrieprofessorin in Basel. In Ihrer MentAge-Praxis kümmert sich die Ärztin um die mentale Gesundheit in der zweiten Lebenshälfte. Stoppe ist Herausgeberin des Fachmagazin „Psychotherapie und Palliativmedizin“, das 2016 in der Reihe „Psychotherapie im Alter“ erschienen ist.

 

Ein Kommentar:

  1. Hofmann, Marlise

    Ein sehr guter Beitrag der in der Praxis unbedingt ankommen sollte. Ja, hier sollte Kirche sich einbringen. Die offizielle Haltung der Kirche zum organisierten Tod ist sicher richtig, aber ich bin auch der Überzeugung wie die Referentin erwähnt, dass dies nicht genügt, um Sterbewillige davon abzuhalten. Die Menschen müssen und wollen mit diesem Wunsch von der Kirche ernst genommen und angehört werden.

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