Der Unabhängige

Der Unabhängige Der Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger erklärt, warum vieles, was heute gegen den Klimawandel getan werden könnte, nicht realisiert wird.

Von Christian Urech

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Der Unabhängige

Der Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger ist einer der profiliertesten Vertreter der Energiewende. Er erklärt, warum vieles, was heute gegen den Klimawandel getan werden könnte, nicht realisiert wird.

Bei meinem Treffen mit Gunzinger in einem Sitzungszimmer in seiner Firma will ich als erstes von ihm wissen, ob er mit der Umsetzung der Energiestrategie 2050 zufrieden sei. Das ist ein rhetorische Frage, er ist es natürlich nicht. 2016 habe die Welt etwa 250 Terawattstunden neue erneuerbare Energie zugebaut. Im Vergleich dazu stehe die Schweiz miserabel da: «Wenn unser Land nur mit dem Durchschnitt gleichziehen würde, dann hätten wir 2017 bereits gleich viel Energie aus erneuerbaren Energien produzieren müssen wie alle unsere AKWs zusammen. Die Realität ist, dass wir mit erneuerbaren Energien momentan lediglich zwei kleine AKWs wie Beznau 1 und 2 oder Mühleberg ersetzen könnten. Da sind wir also nirgends.» Gunzinger findet das auch ökonomisch unsinnig, weil die neuen Erneuerbaren langfristig gesehen den riesigen Vorteil hätten, viel billiger zu sein als alle anderen Energieträgern. Das hänge mit dem Grenzkostenbetrag zusammen: Wenn die Anlagen einmal amortisiert seien, dann koste die Energie sozusagen nichts mehr, weil sie praktisch wartungsfrei und deshalb wenig personalintensiv seien. Schon heute sei Solarenergie günstiger als Ölenergie. Ein Dach aus Solarpanels koste heute nicht mehr als ein Ziegeldach.

Ich will von Gunzinger wissen, warum das so sei. «Eine solche Umwälzung struktiert immer auch die Machtverhältnisse um», hebt der Professor zur Erklärung an. In den USA könne Solarstrom selbst bei Vollkostenrechnung heute günstiger produziert werden als mit Ol. «Wenn das der Bevölkerung klar wird, wird niemand mehr Ölernergie beziehen. Wenn Sie nun auf 100 Milliarden Vermögenswerten von Ölschürfrechten sitzen, dann besteht die Gefahr, dass die von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert sind. Was tun? Sie investieren einige Millionen in den Wahlkampf von Trump, damit der 30% Importzölle auf Solarpanels erhebt und damit den Wertzerfall der Ölenergie zu verlangsamt.« Durch die Energiewende würden die Machtverhältnisse völlig umgebaut. Um das zu verhindern, würden Think-tanks engagiert, um die Wahrheit zu verdrehen.

Und diese »Denkfabriken« leisteten gute Arbeit – auch wenn es beispielsweise darum gehe, die Kostenwahrheit bei den AKWs zu verschleiern. Damit kommt Gunzinger wieder in die Schweiz: Die Entsorgungskosten würden einfach ausgeblendet und kein Politiker, keine Politikerin getraue sich das anzusprechen, nicht mal die Linken und Grünen. Kernkraftwerke seien wahrscheinlich das grösste finanzielle Desaster, das die Schweiz je produziert habe. Keiner der Stromkonzerne werde die Kosten stemmen können, die da auf sie zukämen.

Für eine »neue Mobilität«

Auch von einer vernünftigen Verkehrspolitik hat Gunzinger eine dezidierte Meinung. Er rechnet vor: »Ein Velofahrer braucht etwa 10, ein ÖV-Benutzer in der Stadt etwa 15 und in der gesamten Schweiz im Durchschnitt etwa 25 Quadratmeter, während der Autofahrer etwa 100 Quadratmeter beansprucht. Von den 800000 Personen, die sich täglich in der Stadt Zürich bewegen, benutzen etwa 25 Prozent das Auto, brauchen aber 76 Prozent der Fläche der Infrastruktur für den Fahrverkehr.« Dieses Problem werde auch die Elektromobilität nicht ändern. »Würden mehrere Leute im gleichen Auto fahren, könnte das die Situation verbessern, aber der Trend läuft umgekehrt: Fuhren 1970 im Durchschnitt noch 2,4 Personen in einem Auto, sind es jetzt nur noch 1,3.« Komme hinzu, dass das Durchschnittsauto damals 700 kg gewogen habe, während es heute 1,4 Tonnen schwer sei. Folglich müsse für die gleiche Mobilität etwa viermal mehr Masse bewegt werden und so werde auch viermal mehr Energie verbrannt. Da nütze eine Verbesserung des Verbrennungsmotors um ein paar Prozente kaum etwas.

Was die Finanzierung angehe, sehe man, dass der Autoverkehr eigentlich nur 20 Prozent seiner Kosten bezahle. 80 % bezahle der Steuerzahler. Das gelte zwar nicht für die Autobahnen, die sogar überfinanziert seien, aber wie überall in derartigen Netzen verursachten nicht die Autobahnen die höchsten Kosten, sondern es sei vor allem die »letzte Meile«, also der Zubringer zu jedem Haus, der ins Gewicht falle. Und das gehe auf Kosten der Gemeinden oder der Kantone. »Also müsste das Benzin um den Faktor 4 teurer sein als es heute ist, wenn die Kostenwahrheit berücksichtigt würde.« Auch der ÖV müsste etwa doppelt so teuer sein. Mobilität sei generell zu günstig, vom Flugverkehr gar nicht zu sprechen.

Ich frage Gunzinger, ob er für seine Überzeugungen nicht auf dem Feld der Politik kämpfen müsste. Nein, sagt er, er habe alle derartigen Anfragen abgelehnt. Er schätze seine »Hofnarrenfunktion«, die es ihm erlaube, aus voller Unabhängigkeit den Mächtigen auch unangenehme Wahrheiten unter die Nase zu reiben. »Wenn ich sage: Ein Liter Benzin sollte 10 Franken kosten, dann habe ich 300 Leserkommentare im Blick, die nicht nur nett sind. Aber ich kann das sagen, weil ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss.« Und ein bisschen im «Olymp der Politik» sei er trotzdem angekommen, habe er doch schon mit allen Grössen aus Wirtschaft und Politik in öffentlichen Debatten die Klingen gekreuzt. Ob es allerdings etwas nütze, wisse er nicht. Manchmal sei er schon auch verzagt angesichts des Schneckentempos, mit dem man sich hierzulande vorwärts bewege. Aber er habe immerhin sagen, dass er das Beste versucht habe, um den Enkeln und Urenkeln auch künftig eine lebenswerte Welt zu hinterlassen.

Wenig Zuversicht

So optimistisch und energiegeladen Gunzinger wirkt, auf die ökologische Zukunft des Planeten angesprochen gibt sich der Professor eher pessimistisch: »Ich glaube, das grosse Lernen fängt erst nach dem Schmerz an.« Es werde wegen des Klimawandels wahrscheinlich Millionen von Toten geben, und vielleicht wachten wir dann auf. Man wisse heute, was passieren werde – klimatische Veränderungen seien nicht auf Knopfdruck ungeschehen zu machen. Konrad Steffen, der Chef des Instituts für Schnee-, Wald- und Lawinenforschung, habe vor einem Jahr einen Vortrag gehalten und gesagt: Wenn die Polkappen schmelzen würden, würde der Meeresspiegel um 66 Meter ansteigen. Das könne zwar schon 200 bis 300 Jahre dauern, aber es gebe nichtlineare Phänomene, die den ganzen Prozess beschleunigen könnten. Wenn an den Polen ein Eisbrocken von der Grösse der Schweiz abbreche und der in Richtung Süden drifte, dann werde der Schmelzvorgang enorm viel schneller ablaufen, weil das Wasser da wärmer und die Sonne stärker sei. Mittlerweile lebe über die Hälfte der Menschheit in Megacitys, die in Meeresnähe oder direkt Meer lägen. Die Geschwindigkeit, mit der der Schmelzvorgang der Polkappen sich vollziehe, sei eine unmittelbare Gefahr für diese Städte. »Mit jedem Meter, den das Meer steigt, haben wir 100 Millionen zusätzliche Flüchtlinge. Die Situation, die wir heute haben, ist dagegen ein Klacks.«

Und wie stellt sich der 62-jährige Gunzinger, der dem Pensionsalter entgegen geht, seine persönliche Zukunft vor? Er sei daran, die Nachfolge in seinem Geschäft zu regeln, sagt er. Er ziehe sich schrittweise aus dem operativen Geschäft zurück. Sein Engagement für eine gesunde Energiezukunft will er aber noch lange nicht aufgeben.

Anton Gunzinger (56) ist ein weltweit ausgezeichneter Computer-Bauer. Er führt im Zürcher Technopark die Firma Supercomputing Systems SCS mit rund 120 Mitarbeitende und doziert am Institut für Elektronik der ETH Zürich über angewandte Computer-Architektur. Und er ist ein unermüdlicher Kämpfer für die Energiewende.

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