»… sonst ist Theologie sinnlos«

Der emeritierte Theologieprofessor Pierre Bühler engagiert sich für die Flüchtlinge. Er findet, dass sich im Glauben das Herz mit der Hand verbinden muss.

Von Christian Urech

Pierre Bühler, emeritierter Professor für systematische Theologie, insbesondere Hermeneutik und Fundamentaltheologie an der Universität Zürich, Jahrgang 1950, wuchs in einer Täufergemeinde in Tramelan im Berner Jura auf. Seine Familie pflegte eine alltägliche Glaubenspraxis. Das sei ein erster prägender Einfluss gewesen, der ihn schliesslich dazu gebracht habe, sich mit Theologie zu beschäftigen. Zuerst brauchte es aber dazu einen weiteren wichtigen Einfluss: sein Philosophieprofessor Pierre-André Stucki am französischen Gymnasium in Biel, das er mit dem ursprünglichen Ziel besuchte, eine Laufbahn als Tierarzt, Agronom oder Physiker einzuschlagen. Dieser Professor, der stark von den Theologen Rudolf Bultmann und Gerhard Ebeling geprägt war, weckte in ihm das Interesse am Dialog zwischen Philosophie und Theologie und veranlasste ihn dazu, Theologie an den Universitäten Lausanne und Zürich zu studieren. Nach der Ordination zum Pfarramt in der Zürcher evangelisch-reformierten Kirche, wurde er bei Gerhard Ebeling Assistent und promovierte unter dessen Betreuung. Nach 15 Jahren Professur an der Universität in Neuchâtel kehrte er an die Universität Zürich zurück, wo er schliesslich während 18 Jahren als Oridinarius (und Prodekan und Dekan) der Theologischen Fakultät wirkte. Ausserdem war er auch Präsident der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft.

Wieso haben Sie sich auf Hermeneutik und Fundamentaltheologie spezialisiert?

Hermeneutik ist die Theorie der Auslegung. Mit welchen Begriffen, mit welcher Sprache kann man heute die Botschaft der biblischen Texte interpretieren, so dass sie für die Menschen verständlich wird? Gerhard Ebeling hatte die Hermeneutik stark verbunden hat mit der Frage, was Theologie eigentlich sei, wie sie gestaltet und mit welchen Prinzipien, nach welchen Regeln sie betrieben werde, warum es die verschiedenen Disziplinen brauche und wie sie zusammenhingen. Das sind Fragen der Fundamentaltheologie. Die Auseinandersetzung damit diesen Themen ist mit der systematischen Theologie verbunden: Wie stellt man den Glauben heute dar? Wie legt man den Glauben etwa an den heiligen Geist oder an Jesus Christus aus? Wie vermittelt man das einer weitgehend säkularisierten Menschheit in einer heutigen Sprache?

Was waren ihre prägendsten Erlebnisse während ihrer langen Jahre als Professor an der Uni Zürich?

Nach 15 Jahren an einer kleinen Universität wie Neuchatel beeindruckte mich zunächst in Zürich die Grösse des universitären Betriebs. Der interdisziplinäre Kontakt war vielfältiger, und es liessen sich sehr viele Bezüge herstellen, gerade auch in der Hermeneutik. Das war vor allem auch für die Weiterentwicklung des Instituts für Hermeneutik und Religionsphilosophie wichtig, die ich mitbestimmen konnte. Als 2006 das Bologna-System revidiert wurde, übernahm ich die Aufgabe, ein Nebenfach Hermeneutik für Studierende aus den verschiedenen Fakultäten zu konzipieren. Dadurch wurde Hermeneutik ein Unterrichtsfach für ganz unterschiedliche Studierende aus verschiedenen Disziplinen. Sehr eindrücklich war für mich natürlich auch der Tod von Gerhard Eberling, den ich in seiner letzten Lebensphase ein Stück weit begleitet habe. Die Zeit als Dekan der Fakultät hat mich auch stark geprägt, ist dieses Amt doch mit sehr vielen Herausforderungen und grosser Verantwortung verbunden. Dadurch ist man in die gesamte Universität eingebunden und lernt die Institution von innen her kennen.
Sehr wichtig war für mich während meiner ganzen Karriere die Beziehung zur Kirche und zur Gesellschaft. Mich beschäftigte schon immer die Frage, welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche wahrnehmen soll. Das hat dann auch zu gewissen Auseinandersetzungen geführt, wie zum Beispiel in der Frage, ob ein Führungsmitglied von Nestlé im Stiftungsrat von HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz) Einsitz nehmen soll (Nestlé-Schweiz-Direktor Roland Decorvet trat Ende 2010 aus dem Stiftungsrat von HEKS aus, Anm. d. Red.). In diese Auseinandersetzung war ich stark involviert. Aber zum Beispiel auch die ganze Thematik von Migration und Asyl habe ich auch immer wieder aus theologischer Perspektive wahrgenommen.

Wie haben sich die Studierenden im Verlauf Ihrer Karriere verändert?

Als ich Student war und in den ersten Jahren meiner Assistentenzeit, kurz nach dem Mai 68, haben die Studierenden sehr politisch bewusst studiert. Da stand die ganze Frage der gesellschaftlichen Verantwortung von Theologie und Kirche im Vordergrund. Das hat sich später abgeschwächt, auch wenn das Interesse zum Beispiel an der Befreiungstheologie in Lateinamerika oder an feministischer Theologie immer noch präsent war. Durch die Einführung des Bologna-Systems wurde der ganze universitäre Bereich teilweise verschult, wodurch viele Studierende versucht waren, ihr Studium vor allem auf Kreditpunkte auszurichten und die Nützlichkeit für ihre Karriereplanung in den Vordergrund zu stellen. Ein System, in dem alles mit Punkten berechnet wird, die man erwerben muss, führt zu einer gewissen Anpassung. Das ist natürlich nicht nur in der Theologie so. Es gab und gibt aber natürlich immer wieder Studierende, die aus innerer Berufung sehr bewusst Theologie studiert haben und studieren. Bei gewissen Studierenden kann das Berufungsbewusstsein allerdings evangelikal geprägt sein, was dazu führt, dass sie Probleme haben mit der hermeneutischen Theologie, die mit ihrem historischen Bibelverständnis vieles in Frage stellt. Das gibt dann manchmal Spannungen mit den Studierenden, die eher liberal orientiert sind.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Theologie und Religion in dieser Zeit verändert oder war das eine kontinuierliche Entwicklung?

Es war eher eine stete Entwicklung, Aber ich habe durch meine universitäre Tätigkeit immer wieder neue, herausfordernde Impulse bekommen. Zum Beispiel wurde die Theologische Fakultät hier in Zürich vom Erziehungsdepartement aufgefordert, den Religionsunterricht «Religion und Kultur» für die Oberstufe in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule neu zu entwickeln. Das haben wir zusammen mit der Pädagogischen Hochschule entwickelt. Diese Zusammenarbeit war sehr interessant und hat mir viele neue Perspektiven eröffnet. Ich war zuständig dafür, den zukünftigen Lehrkräften in einem Semester das Christentum näherzubringen, während in den übrigen Semestern die anderen Weltreligionen dargestellt wurden.

Sie haben ein Buch geschrieben über »Das bildhafte Erleben in Todesnähe und hermeneutische Erkundungen einer heutigen Ars Moriendi«, also einer Kunst des Sterbens. Was sind die wichtigsten Ergebnisse dieser Erkundungen?

Das Buch ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Simon Peng-Keller, der katholischer Herkunft ist und jetzt einen Lehrstuhl für Spiritual Care an der Theologischen und der Medizinischen Fakultät hat. Das war ein grosses Forschungsprogramm des Nationalfonds mit dem Titel «End of Life». Unser Beitrag war theologisch-hermeneutisch: Was gibt es am Lebensende für religiöse Verstehensprobleme? Wie setzt man sich mit dem Tod auseinander, mit Erfahrungen der Todesnähe? Mit welchen Bildern, mit welchen Texten? Wir arbeiteten in Tagungen mit verschiedenen Institutionen zusammen, und der Band, den Sie erwähnt haben, ist einer der Tagungsbände.

Gibt es so etwas wie eine Ars moriendi?

Das ist so allgemein schwierig zu beantworten. Jene, die Sterbende begleiten, haben sicher Ideen entwickelt, was gutes Sterben oder schlimmes Sterben heisst. Viele Aspekte sind mit dieser Frage verbunden: medizinische, psychologische, theologische, spitalseelsorgerliche. Wie sich die sterbende Person mit dem Tod auseinandersetzt, ist sehr unterschiedlich. Es gibt jene, die das Sterben und den Tod ablehnen und im Kampf oder in der Resignation sterben, und andere, die sich darauf vorbereiten, sich mit dem Ende einverstanden erklären und dann im Frieden gehen können. In der heutigen Gesellschaft, in der das Alter zunimmt, ist das ein wichtiges Thema.

Und in einer Zeit, in welcher der Tod immer unsichtbarer wird. Der Tod als Tabu…

Genau. Es gibt eine Medizin, die unglaublich hartnäckig das Leben um jeden Preis verlängern will. Es gibt aber auch eine andere Medizin, die viel offener ist für spirituelle Begleitung.

Interessant finde ich auch Ihre Beschäftigung mit Friedrich Dürrenmatt. Haben Sie Dürrenmatt noch persönlich gekannt?

Ich bin ihm drei-, viermal an öffentlichen Anlässen begegnet. Ich konnte dann jeweils kurz mit ihm sprechen, und er sagte: „Ja, das müssen wir noch weiter diskutieren, rufen Sie mich doch an.“ Am Telefon wurde ich von der Sekretärin aber jeweils abgewimmelt, der Meister sitze gerade über einem Manuskript oder bereite sich auf eine Reise vor. Deshalb habe ich leider nie ein ausführliches Gespräch mit ihm führen können.
Aber ich habe mich schon zur Gymizeit mit ihm befasst. Er war auch mein Maturaautor für die Deutschprüfung. Für meine Theologie war es wichtig, dass ich immer wieder das Gespräch mit der Kultur gesucht habe, mit der Literatur, aber auch mit dem Film oder der bildenden Kunst. Die Theologie sollte sich nicht in einem Elfenbeinturm verkriechen. Dass es gerade Dürrenmatt war, hing natürlich auch damit zusammen, dass er in Neuchâtel lebte. Seit der Eröffnung arbeite ich mit dem Dürrenmatt-Zentrum zusammen, führe Veranstaltungen durch und veröffentliche Publikationen. Deshalb ist Dürrenmatt für mich das Paradebeispiel für das Zwiegespräch zwischen Theologie und Kultur.

Dürrenmatt kam aus einem Pfarrhaus und beschäftigte sich immer wieder mit theologischen Fragen, auch in seiner Malerei. Es waren immer die grossen philosophischen Fragen, die ihn bewegten. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Literatur von Dürrenmatt und der Theologie?

Dass er aus einer Pfarrfamilie kam, prägte ihn sehr. Schon früh las er den «Römerbrief» und die «Kirchliche Dogmatik» von Karl Barth. Ganz am Schluss seines Lebens sagte er, ohne den Philosophen Sören Kierkegaard sei er als Schriftsteller nicht zu verstehen – und Kierkegaard ist ja auch für mich sehr wichtig. In seinen Theaterstücken oder Romanen tauchen immer wieder Glaubensfragen auf. Die Themen der Gnade, der Spannung von Glaube und Zweifel, des Ringens um Gerechtigkeit und der Frage nach Gott sind in seinem Werk allgegenwärtig. Er bezeichnete sich selbst am Schluss seines Lebens als einen Mann, für den der Zweifel ebenso wichtig sei wie der Glaube. Das hat mich immer wieder fasziniert.

Sie setzen sich für die Migrationscharta ein und haben dafür ein theologisches Plädoyer gehalten. Wie kam es dazu?

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat für mich schon in den Achtzigerjahren angefangen. Meine Frau beschäftigte sich sehr früh mit Flüchtlingen, indem sie als Rechtsvertreterin für diese tätig war vor allem eritreische Familien. So wurde auch ich mit der Asylfrage konfrontiert. Weil die Eritreer keinen Priester hatten, taufte ich Kinder, traute Ehepaare und leitete Beerdigungen. Und wir haben auch ab und zu Asylbewerber, die rechtlos geworden sind, bei uns beherbergt, bis sich eine andere Lösung finden liess. Dadurch beschäftigte ich mich auch als Theologe mit der Asylfrage. Ich richtete mein Augenmerk darauf, wie die Kirchen mit dem Asylthema umgingen oder eben nicht umgingen. Mit dieser Haltung bin ich nicht immer nur auf Zustimmung gestossen. Die Kirchen sind sehr zurückhaltend in Asylfragen, weil sie gesellschaftlich heikel sind, und sie Angst haben, sie könnten Mitglieder verlieren, wenn sie sich in dieser Hinsicht zu sehr engagieren. Und das Thema ist sowohl in Europa als auch in der Schweiz in letzter Zeit ja nicht weniger heikel geworden.
Wir feiern dieses Jahr das 50. Todesjahr von Karl Barth. Von vielen wird Karl Barth sehr dafür gepriesen, wie er sich für die jüdischen Flüchtlinge eingesetzt hat, aber von denen, die ihn loben, vernehme ich kaum etwas zur heutigen Flüchtlingstragödie. Für mich ist das ein Widerspruch angesichts der schrecklichen Situation auf dem Mittelmeer und in den libyschen Flüchtlingslagern. Man lässt die Menschen einfach ertrinken, kein Schiff darf sie mehr retten, die Grenzen werden abgeschottet.

Kürzlich rechtfertigte ein SVP-Politiker in einer Sendung des schweizerischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens die schlimmen Zustände in diesen Lagern mit dem Argument, sie würden eine abschreckende Wirkung haben…

Das ist schon lange die Taktik der Schweizer Behörden: Man will die Schweiz unattraktiv machen, damit möglichst wenige Flüchtlinge angezogen werden. Die Schweiz profitiert unglaublich von den Dublin-Abkommen, durch die sie Asylsuchende einfach abschieben kann. Die Schweiz ist das Land mit den meisten Dublin-Abschiebungen in ganz Europa. Das fordert mich theologisch sehr heraus und manchmal werde ich einfach sprachlos. Wenn wir protestieren, werden wir nicht einmal mehr gehört.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie angesichts des kommenden Wehnachtsfests an die Situation in Europa und in der Welt denken und insbesondere an das Erstarken von populistischen Bewegungen mit ihrer flüchtlings- oder generell fremdenfeindlichen Haltung?

Das ist ein Phänomen, das mich stark beunruhigt, weil es in ganz Europa im Aufwind ist, in Ungarn extrem, aber auch in Österreich, in Deutschland, in Italien, und ich habe Angst um die Demokratie. Jede sachliche Auseinandersetzung wird überspült von Ängsten und Massnahmen, über die nicht mehr wirklich diskutiert, sondern die einfach durchgesetzt werden. Wenn wir noch die USA, die die gleiche Abschottungs- und Verteufelungsmentalität vertritt, sowie Erdogan und Putin dazunehmen, muss man feststellen: Der Welt geht es im Moment katastrophal.

Was würden Sie sich zu Weihnachten wünschen?

Eine Welt, in der die Menschenrechte wieder als Grundprinzip anerkannt werden. Dass die Menschen, auch die Politiker, die Sorge um die Aufrechterhaltung der Menschenwürde ins Zentrum stellen. Und zwar für alle – nicht nur für gewisse Eliten, sondern auch für die weniger Privilegierten wie Flüchtlinge, Arme, Alte, für die Behinderten, die seit dem 25. November stärker kontrolliert und als Missbrauchende verdächtigt werden können. Das wäre in dem menschgewordenen Gott, der in der Krippe als Flüchtling geboren wurde, eigentlich angelegt. Ich zitiere in letzter Zeit sehr oft Matthäus 18, 10: »Nehmet acht, keinen dieser Kleinen zu verachten, denn jeder hat einen Engel vor meinem Vater im Himmel.«
Ihre Rubrik heisst »Herz und Hand«, und als ich mich auf das Interview vorbereitete, fand ich, das sei ein schönes Thema: Wann wird unser Herz auch zu einer Hand? Das ist eine theologische Herausforderung, die heute sehr wichtig ist. Mein Herz und meine Hand, wie hängen sie zusammen? Es war für mich immer ein Anliegen, dass die Theologie nicht nur im Herzen stattfindet, sondern sich auch mit der handelnden Hand verbindet. Die Theologie muss sich im politischen und im gesellschaftlichen Leben offenbaren, sonst ist sie sinnlos.

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