Eine Ära von Mauern

Zusammengenommen seien Grenzbefestigungen heute weltweit 41000 Kilometer lang, schreibt Marc Engelhardt, Herausgeber des spannenden und lesenswerten Titels »Ausgeschlossen. Eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen« (DVA, 2018). 60 neue Grenzzäune, -mauern und -absperrungen seien seit 1990 errichtet worden, würden gerade geplant oder gebaut. »Im Kalten Krieg waren es gerade einmal 19, von denen noch zehn erhalten sind«, schreibt er.

Indien und Pakistan – »Line of Control«

Zwischen dem indischen und pakistanischen Teil von Kaschmir erstreckt sich ein bis zu drei Meter hoher Grenzzaun. Die 550 Kilometer lange Grenzanlage besteht aus meterhohen Stacheldrahtzäunen. Teile stehen unter Strom, sind mit Bewegungssensoren, Wärmebildkameras und Stolperdrähten ausgerüstet. An einigen Stellen sind Minen vergraben. Anfang 2014 gaben die indischen Grenzbehörden bekannt, dass sie die Anlage weiter ausbauen wollen. Ein 40 Meter breiter und 10 Meter tiefer Graben soll dazukommen.

Indien und Bangladesch – »Null-Linie«

Es ist die längste Grenzbefestigung der Welt: Mit 4000 Kilometern Stacheldraht grenzt sich Indien von Bangladesch ab. Die »Null-Linie« ist ein bis zu zwei Meter hoher, mit Stolperdraht gesicherter Schutzwall. Teile des Zauns lassen sich unter Strom setzen. Schätzungen zufolge bewachen etwa 50000 Soldaten die Grenzanlage.

Nordirland – »Peace Lines«

Durch das nordirische Belfast zieht sich eine bis zu sieben Meter hohe Mauer (»Peace Line«), die aus Ziegelsteinen, Stacheldrahtzaun, Beton und aufgesetzten Gittern besteht. Die Mauer hat Durchgänge für Fussgänger und Tore für den Verkehr, die nachts geschlossen werden. »Peace Lines« wie diese gibt es viele in Nordirland. Seit 1990 hat sich ihre Zahl von 18 auf heute 48 erhöht, die meisten stehen in Belfast und Londonderry. Die Gesamtlänge aller »Peace Lines« beträgt über 34 Kilometer. Im Nordirlandkonflikt kamen zwischen 1969 und 1998 mehr als 3.500 Menschen ums Leben.

Süd- und Nordkorea – »Demilitarisierte Zone«

An der 248 Kilometer langen Grenze zwischen Nord- und Südkorea verläuft ein hochgerüsteter Zaun, gesichert mit Stacheldraht, Wachtürmen, Scheinwerfern und mehr als einer Millionen Minen. Panzersperranlagen, Schützengräben und Hochspannungszäune bilden zusätzliche Barrieren. Sie gilt als die am stärksten befestigte und bewachte Grenze der Welt. Zu beiden Seiten der Grenzanlage befindet sich eine jeweils zwei Kilometer breite »demilitarisierte Zone«. Das Betreten dieser Zone ist untersagt.

Zypern – »Grüne Linie«

Auf Zypern trennt eine über 1880 Kilometer lange Grenzanlage die Insel in zwei Hälften. Sie besteht aus Mauerabschnitten, Stacheldrahtzäunen, Trümmern und Wachtürmen und wird von Tausenden nord- und südzyprischen Soldaten bewacht. Die Grenze verläuft mitten durch die gemeinsame Hauptstadt Nikosia, die seit dem Fall der Berliner Mauer die letzte geteilte Hauptstadt der Welt ist. Sie wird zudem von UN-Truppen bewacht. Seit 2003 ist die »Grüne Linie« zwischen dem Norden und Süden durchlässig. Viele türkische Zyprioten pendeln täglich in den reicheren Süden, um dort zu arbeiten.

Israel und Gaza – »Sperranlage um den Gazastreifen«

Im Süden Israels verläuft eine 52 Kilometer lange Sperranlage, die den gesamten Gazastreifen bis zur ägyptischen Grenze umschließt. Sie ist lückenlos und kann nur an wenigen Kontrollpunkten passiert werden. Auf palästinischer Seite befindet sich eine bis zu 300 Meter breite Sicherheitszone, die nicht betreten werden darf. Trotz Grenzanlagen und Bewachung gelingt es den Palästinensern immer wieder, Waffen und andere Güter durch ein selbstgegrabenes Tunnelsystem in den Gazastreifen zu bringen.

Israel und Westjordanland – »Sperranlage um das Westjordanland«

Auf einer Länge von etwa 708 Kilometern erstreckt sich zwischen Israel und das Westjordanland eine weitere israelische Sperranlage. In den dichter besiedelten Gebieten sind ungefähr 30 Kilometer durch eine bis zu neun Meter hohe Betonmauer gesichert.

Melilla und Ceuta

Um die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im Norden Marokkos ziehen sich jeweils rund zehn Kilometer lange Grenzanlagen. Ein sechs Meter hoher Zaun umgibt die Küstenstädte, der in drei Reihen angeordnet ist. Teilweise ist der Zaun mit dem sogenannten Nato-Stacheldraht gesichert – Draht, der beim Versuch, ihn zu überwinden, besonders tiefe Wunden hinterlässt. Bewacht wird die Anlage von der Guardia Civil, einer paramilitärisch ausgerichteten Polizeieinheit. Zusätzlich ist der Zaun mit Infrarotkameras, Bewegungs- und Geräuschmeldern ausgestattet.

Marokko und Westsahara – »Berm«

Durch die Westsahara zieht sich ein über 2700 Kilometer langer mit Steinen befestigter Sandwall, der die Region in zwei Hälften teilt. Bis zu drei Meter ist er hoch, gesichert mit Stacheldraht, Gräben und Minen. An einigen Stellen besteht er aus einer Steinmauer. Teilweise dienen auch Berge als Hindernis. Über die gesamte Grenze verteilen sich Wachposten. Insgesamt sind dort mehr als 150000 marokkanische Soldaten stationiert.

Mexiko und Vereinigte Staaten – »Tortilla Wall«

Genau 3141 Kilometer lang ist die amerikanische Südgrenze. Über 1126 Kilometer erstreckt sich die Anlage. Gesichert wird sie mit Video- und Infrarotkameras, Nachtsichtgeräten, Bewegungsmeldern, Flugdrohnen und Wärmesensoren im Boden. Teilweise ist die Grenzanlage mit Stacheldraht, Beleuchtungstürmen, meterhohen Metallwänden, Stahlpfosten und Fahrzeugbarrieren befestigt. Von der ungefähr 21400 Polizisten umfassenden United States Border Patrol bewachen rund 18500 die Grenze zu Mexiko.

Grenzzäune in Osteuropa

Seit Ende 2015 steht an der griechisch-mazedonischen Grenze ein doppelreihiger Zaun, der Flüchtlinge an der Weiterreise nach Norden hindern soll. Schaffen sie es doch, warten weitere Zäune in Ungarn, Slowenien und Österreich.

Grenzzäune am Ärmelkanal

Auch der Ärmelkanal wird mittlerweile sowohl auf französischer, als auch auf britischer Seite umzäunt.

Betonmauer in Bagdad (Irak)

Um eine sunnitische Enklave vom schiitischen Stadtteil Sadr in Bagdad zu trennen, errichteten US-Soldaten im Jahr 2007 eine vier Meter hohe und fünf Kilometer lange Betonmauer, die seither den von knapp zwei Millionen Menschen bewohnten Stadtteil in eine südliche und eine nördliche Hälfte trennt. Bis zur Fertigstellung der Mauer zählte Sadr City zu den grössten Sicherheitsrisiken der amerikanischen Besatzungskräfte im Irak.

Grenzmauer zwischen der Türkei und Syrien

2016 machte der türkische Präsident Recep Erdoğan mit seinen Plänen, eine Mauer zu Syrien zu bauen, ernst. Seither wird die Grenze zwischen der Türkei und Syrien Meter für Meter geschlossen. Rund 900 Kilometer der drei Meter hohen Betonmauer sollen entstehen – inklusive automatischer Selbstschussanlagen. Durch die Mauer werden syrischen Flüchtlinge im Bürgerkriegsland eingesperrt oder zu noch gefährlicheren Fluchtrouten gedrängt. Auch die Europäische Union profitiert vom Mauerbau in der Türkei, da dadurch weniger Flüchtlinge über die Türkei in Griechenland oder Bulgarien landen.

 

Diskussion über das Buch der Heinrich-Böll-Stiftung und von weltreporter.net

Kaum einen Sprechchor stimmen Anhänger von US-Präsident Trump so leidenschaftlich an wie diesen: »Build that wall!« – Bau die Mauer! Dass wir uns in einer Ära der Mauern und des Grenzschutzes befinden, wird aber nicht nur in den USA deutlich: Heute gibt es weltweit mehr als dreimal so viele Grenzzäune, Mauern und Absperrungen wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. Zusammengenommen sind sie 41.000 km lang, aneinandergereiht würden sie einmal um die ganze Erde reichen. Auch die EU baut kräftig mit, in Afrika und anderswo.

Mauern sind in Beton gegossene Furcht. Sie werden errichtet um die auszuschließen, die unerwünscht sind. Ungleichheit wird zementiert: Reiche schützen sich vor Armen, Gewinner vor Verlierern. Dabei lenkt der neue Mauerboom davon ab, dass die großen Probleme der Menschheit keine Grenzen kennen: Weder Klimawandel noch Terrorismus, Hunger oder Seuchen machen vor Mauern Halt.

Die Weltreporter sind diese Grenzen auf verschiedenen Kontinenten entlang gereist. Sie haben Baustellen besucht und Architekten, Unternehmer und Politiker getroffen, Grenzschützer, Schleuser und Flüchtlinge gesprochen.

Vier Korrespondenten, die aus unterschiedlichen Ecken der Welt berichten, erzählen an diesem Abend von ihren Erkundungen.

Mit den Weltreporterinnen und Weltreportern:
– Anke Richter (Christchurch)
– Bettina Rühl (Nairobi)
– Marc Engelhardt (Genf)
– Wolf-Dieter Vogel (Mexiko Stadt)
– Moderation: Markus Bickel, Chefredakteur des Amnesty-Magazins

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