Abkapselung als Quelle einer erneuerten Beziehungskultur

Impulse aus dem Leben der Hl. Wiborada von St. Gallen. Text von Gian Rudin

Einsamkeit und Exponiertheit sind vielleicht nicht zwei Begriffe die intuitiv in einem Atemzug genannt werden würden. Ein Inklusentum mitten in der Stadt bietet nun aber genau dieses Spektrum: Durch die Abgeschiedenheit entsteht eine intensivierte Aufmerksamkeit, nicht nur für das eigenen Gefühlsleben, sondern auch für die Aussenwelt. Im Zuge des Projektes Wiborada 2021 hat Hildegard Aepli für den Zeitraum einer Woche als Inklusin gelebt. In ihrer aus Holz gezimmerten Zelle, die direkt an die Aussenwand der Kirche St. Mangen angebaut wurde, stehen zwei Stühle. Sinnbild für die in der Zurückgezogenheit ersehnte Gottesbegegnung. Diese Suche nach dem Göttlichen in der weiten Stille des eigenen Innenraums ist ein Grundzug mystischer Erfahrung. Ein Fenster nach aussen ist zu bestimmten Zeiten offen für Gespräche. Das war auch ein Grundzug der Lebensführung Wiboradas. Ihr karger Lebensstil förderte nicht ein elitäres Überlegenheitsgefühl zu Tage, sondern erhöhte ihre Kompetenz in puncto zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen. Daher wurde auf sie auch auf Initiative des Volkes hin heiliggesprochen, als erste Frau in der Kirchengeschichte.

Eine tiefschürfende Erfahrung

Für Hildegard Aepli war die Woche in der Zelle und die Zeit danach insgesamt eine tiefschürfende Erfahrung. Im Wissen um das Ausgesetzt-Sein entsteht eine Dünnhäutigkeit. Das Erspüren dieser Sensibilität kann mit einem Geburtsvorgang verglichen werden. Ein ähnliches Erlebnis hatte sie bei der Ankunft nach ihrer siebenmonatigen Pilgerreise an der Jerusalemer Grabeskirche.

Im Wissen um das Ausgesetzt-Sein entsteht eine Dünnhäutigkeit.

In die reformierte Kirche St. Mangen wurde im Zuge der Installation der Wiborada-Zelle sogar ein Loch in die Wand der Kirchenmauer eingelassen. Dies entspricht der konstruktiven ökumenischen Atmosphäre in der Stadt St. Gallen. Das jüngste Vermächtnis dieses interkonfessionellen Einvernehmens ist die unlängst fertiggestellte Corona-Bibel, welche nun in der Stiftsbibliothek aufbewahrt wird und 7 Bände handschriftlich abgeschriebener Bibeltexte umfasst.

Die heutige Zelle hat mehr Comfort als zu Wiboradas Zeiten. So betont denn auch Ann-Katrin Gässlein, die Kultur und Bildungsbeauftragte der Cityseelsorge St. Gallen, dass es bei dem Projekt nicht um eine Wiederbelebung der Vergangenheit im Sinne eines asketischen Wetteiferns geht. Die zehn Frauen und Männer, die als Inkluse bzw. Inklusin in der Zelle leben werden, hatten eine Vorbereitungszeit. Sie erfüllen gewisse Kriterien wie psychische Stabilität und Erfahrung mit kontemplativer Praxis. Die historische Zelle der Hl. Wiborada hatte Ausmasse von ca. 12 m². Als Schlafgelegenheit diente ein Stuhl und eine Nackenstütze, allenfalls noch ein wenig Stroh.

Mit Vergebungsbereitschaft gegen Klischees

Trotz der Ernsthaftigkeit ihrer asketischen Bemühungen werden von Wiborada warmherzige Anekdoten überliefert. Eine Frau, welche in der Verzweiflung ihren unehelichen gezeugten Sohn ertränkt hatte, wurde in der Nähe von Wiboradas Zelle sie an den Pranger gestellt, um von Schaulustigen plakativ beschämt zu werden. Besonders an Festtagen traten scharenweise Empörungswillige gegen sie auf. Wiborada soll der Frau mit seelsorgerlicher Sensibilität begegnet und ihr vergewissert haben, für den verstorbenen Sohn zu beten. So stellte sie ganz im Sinne Jesu die Barmherzigkeit Gottes in den Vordergrund. Die strenge Asketin atmete liebenswürdige Vergebungsbereitschaft und stellte sich so gekonnt gängigen Klischees entgegen.

Das citypastorale Projekt Wiborada 2021 will insbesondere die Bedeutung der spirituellen Hinterlassenschaft der Stadtheiligen für heutige Lebenswelten erschliessen. Zu diesem Zweck wurden religionspädagogische Materialien bereitgestellt und eine Vorlesungsreihe in Zusammenarbeit mit der HSG lanciert. Im Projekt schreibhalt setzen sich Menschen unter professioneller Anleitung mit der Interpretation von Psalmen auseinander, welche auch im Gebetsleben Wiboradas einen wichtigen Platz eingenommen haben. Nachdem der Sinngehalt und die innere Dynamik des Psalms erfasst ist, geht es darum, den Gebetstext in eigene Worte zu übertragen. So soll das Repertoire einer persönlichen Gebetssprache entwickelt werden. Noch bis zum 3. Juli wartet das Projekt mit einem vielgestaltigen Programm auf. Ein Blick auf die Webseite lohnt sich!

www.wiborada2021.ch

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