Beim Namen nennen

Kirchen und NGOs errichten am Flüchtlingstag vom 19./20. Juni in zehn Schweizer Städten öffentliche Mahnmale des Gedenkens. Text: Wolf Südbeck-Baur


Bild: www.offenekirche.ch

 

44000 Menschen haben seit 1993 auf der Flucht nach Europa ihr Leben verloren. Ein Netzwerk von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen errichten zum Flüchtlingstag am 19./20. Juni in zehn Schweizer Städten öffentliche Mahnmale des Gedenkens, aber auch des Protests gegen das fehlende Engagement der Schweiz zum Schutz von Menschen auf der Flucht. Wer will, kann sich spontan beteiligen an den Aktionen in den Offenen Kirchen in Bern, Basel, Luzern, Zürich, St. Gallen, Neuchatel, Genf, Lausanne, Thun und Chur.

«Ich musste meine Lieben, meine Arbeit, alles zurücklassen», erzählt Yegameh immer noch bewegt über seine Flucht über das Schwarze Meer. Schmuggler hatten dem Iraner einen Platz auf einem Boot verkauft. Als sie in Seenot gerieten, «fuhr ein Schiff trotz unserer Hilferufe vorbei und half uns nicht weiter». Yeganeh hatte Glück im Unglück und überlebte die gefährliche Überfahrt. Jetzt sitzt er in der Offenen Heiliggeistkirche in Bern und  berichtet vor den Medien. «Wir sind alle Glieder eines Körpers», spielt er auf den Apostel Paulus an. «Wenn ein Glied leidet, leidet der ganze Körper.» Und mit Körper meint er nicht nur die Kirche, sondern die ganze Menscheitsfamilie.

«Ich musste meine Lieben, meine Arbeit, alles zurücklassen»

Das darf so nicht weitergehen

Chika Uzor, Seelsorger für Flüchtlinge und Migranten in St. Gallen, erinnerte an die bewegende Aktion «Beim Namen nennen», die bereits im letzten Jahr schon einmal durchgeführt worden ist. «Wir hatten nicht geahnt, worauf wir uns einlassen», blickt der Priester zurück und zugleich nach vorn: «Das darf nicht so weitergehen», ruft er sanft in den Kirchenraum. Mit dem Niederschreiben der Namen von im Meer auf der Flucht Gestorbenen oder Getöteten, «sind so viele Erinnerungen, so viele Hoffnungen, so viele Träume verbunden, die auf der Flucht auf der Strecke bleiben». Und dann wird Uzor mit Blick auf die guten Lebensverhältnisse in der Schweiz deutlich: «Das darf nicht so weitergehen. Unterlassene Hilfe ist genauso kriminell wie töten!» Alle von den 136 Organisationen und Kirchen, die sich an der Aktion «Beim Namen nennen» beteiligen, «wollen da sein».

«Während jährlich tausende Menschen an den europäischen Aussengrenzen sterben, schaut auch die Schweiz weiter tatenlos zu.»

Im Pressecommunique halten die Organisatoren um Pfarrer Andreas Nufer fest: «Während jährlich tausende Menschen an den europäischen Aussengrenzen sterben, schaut auch die Schweiz weiter tatenlos zu. Dies obwohl schweizweit verschiedene Städte und Organisationen dem Bund konkrete und realistische Handlungsvorschläge zur Aufnahme von Geflüchteten unterbreitet haben.» Immerhin machen laut Nufer in der Schweiz 16 Städte und 23 kleinere Gemeinden in der Allianz mit. Länder wie Deutschland, Frankreich oder Portugal bewiesen, «dass einzelne Staaten ihre Handlungsspielräume nutzen und einen Anteil von aus Seenot geretteter Menschen (…) übernehmen».

Den Tod von Menschen nicht weiter in Kauf nehmen

Organisationen und Kirchen sowie die vielen Freiwilligen eine die Betroffenheit um die verstorbenen Flüchtenden und die Forderung, den Tod von Menschen nicht weiter in Kauf nehmen zu wollen. So entstehen auf den Flüchtlingstag am 19. Juni hin in Basel, Bern, Chur, Genf, Lausann, Luzern, Neuchatel, St. Gallen, Thun und Zürich «öffentliche Mahnmale mit den Namen der verstorbenen Personen. Zu ihrem Gedenken», heisst es weiter, «werden ihre Namen vorgelesen und die Umstände ihres Todes genannt».

Mit einer Postkarten Aktion rufen die Organisatoren der Aktion «Beim Namen nennen» dazu auf, National- und Ständeräte ihres Wohnkantons anzuschreiben mit der Forderung, dass die Schweiz ein sicherer Hafen werde.

 

Die Aktion «Beim Namen nennen» findet 2021 in folgenden Städten statt:

Basel, Bern, Chur, Genève, Lausanne, Luzern, Neuchâtel, St. Gallen, Thun, Zürich

in Kooperation mit UNITED for Intercultural Action – European network against nationalism, racism, fascism and in support of migrants and refugees.

Bei Fragen oder Interesse kann jede und jeder Kontakt aufnehmen via info@beimnamennennen.ch unter www.beimnamennennen.ch

Ein Kommentar:

  1. Urs Lachenmeier

    44’000 Menschen haben seit 1993 die Flucht aus ihrer Heimat nicht überlebt. Das darf so nicht weitergehen, da bin ich mit Chika Uzor völlig einverstanden.
    Was leider fehlt, ist die Betrachtung der Fluchtursachen, da wäre die wichtigste Korrektur gefordert! Flüchtende werden „gemacht“, in dem deren Heimat geplündert wird, meist von globalen Konzernen, gestützt durch Regierungen, welche ganz einseitig spät-koloniale Bemühungen unter fraglicher Flagge verharmlosen oder gar idealisieren!
    Die schlimmsten „Flüchtlingsmacher“ sind die Kriege, welche durchwegs völkerrechtswidrig geführt werden, angeblich um demokratisch unterentwickelten Gesellschaften Vorteile zu bringen.
    Die Folgen sind Tod, Verstümmelung, Zerstörung und Flucht.

    Ich finde es katastrophal unethisch, diese Zusammenhänge zu verschweigen, ja zu tabuisieren.
    Die bekannte Anti-Immigrations-Partei tut dies, denn Geschäft ist Geschäft, Batze und Weggli.
    Um so stossender finde ich, dass unsere ethisch motivierte „Menschenwürde-Bewegung“ diesbezüglich das gleiche tut:
    Die Fluchtursachen als gegeben zu dulden.

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