Ehrlicher Roman über Hoffnung und Scheitern der Revolution

Im Roman «Die Republik der Träumer» lässt der ägyptische Autor Alaa Al-Aswani seine Figuren die Tage der anschwellenden Proteste auf dem Tahrir-Platz im Januar 2011, die Absetzung des Langzeitdiktators Husni Mubarak und die darauffolgenden dramatischen Ereignisse durchleben.

Von Amira Hafner-Al Jabaji

Alaa Al-Aswani, Die Republik der Träumer, 464 Seiten, Hanser Verlag, München 2021

Der Roman beginnt mit der Einführung von Generalmajor Ahmed Alwani. Zu seinen täglichen Ritualen gehört gleichermassen der Moscheebesuch, die Pflichtgebete, der Pornokonsum und das Foltern von Gefangenen. Mit bitterer Ironie schildert der Autor das Hand-in-Hand-Gehen brutaler Unterdrückungsmethoden durch Staat und Armee, einer machthungrigen, sich religiös gebenden Clique, repräsentiert durch den salafistischen Prediger Scheich Shamil und der nach Privilegien und Statuts gierenden Oberschicht-Frauen. Zu ihnen gehört auch die Star-Moderatorin Nurhan, die bei Heirat und Scheidung nach Kalkül entscheidet und ihre zur Schau getragene Frömmigkeit zu ihren Gunsten einzusetzen weiss.

Staat, Armee und religiöse Bruderschaften bilden ein komplexes Geflecht. Es ist von Repression, illegaler Geschäfte und Begünstigung bestimmt und nimmt durch die Beherrschung der Medien Einfluss auf die Ägypterinnen und Ägypter. Die Verkommenheit und Bigotterie der ägyptischen Oberschicht dekliniert Al-Aswani an mehreren männlichen und weiblichen Figuren durch.

Drei Liebespaare Ashraf, der erfolglose Schauspieler, und seine Haushälterin Ikram, Dina und Chaled, die beide Medizin studieren, sowie die junge, unangepasste Lehrerin Asma’ und der Ingenieur Mazen bilden die Antagonisten zu den korrupten Systemanhängern. Manche von ihnen gehören, wie der Autor selbst, der Kifaya-Bewegung an, welche schon Jahre zuvor auf die Absetzung Mubaraks hingewirkt hatte. In unterschiedlicher Weise sympathisieren, organisieren und unterstützen sie tatkräftig die Revolution und geraten dabei in Lebensgefahr.

Auch wenn die Figuren teilweise oberflächlich wirken, vermögen sie dennoch als Repräsentant*innen ihrer Gruppen zu überzeugen. Man fühlt mit den mutigen, von Hoffnung und Gerechtigkeitssinn getriebenen Menschen an den Protestmärschen. Gleichermassen durchleidet man mit ihnen die Entwürdigung und Folter, der einige von ihnen in den Untersuchungsgefängnissen ausgeliefert sind.

«Wir sind das einzige Volk in der Geschichte, das seine Herrscher für Götter gehalten hat» 

Alaa Al-Aswani

Wenn Al-Aswanis Erfolgsroman «Der Jakubiyān-Bau» (Lenos-Verlag 2007) eine kritische Auseinandersetzung mit der ägyptischen Gesellschaft in der Moderne war, so ist dieser Roman eine schonungslose Abrechnung mit der Gegenwart. Im Grunde spricht der Autor, der inzwischen im Exil in den USA lebt, dem ägyptischen Volk die Mündigkeit für eine freiheitlich-demokratische Umwälzung (noch) ab. Mit Rückgriff auf die jahrtausendalte Geschichte Ägyptens erklärt Al-Aswani das Scheitern der Revolution. «Wir sind das einzige Volk in der Geschichte, das seine Herrscher für Götter gehalten hat. Die ägyptische Kultur, die wir von den Pharaonen geerbt haben, ist eine Kultur des Gehorsams gegenüber den Mächtigen», lässt er im Buch Issam Sha’alan, den gealterten kommunistischen Aktivisten und jetzigen Direktor eines Zementwerkes, resigniert sagen. Heute sei es der Islam, der Gehorsam gegenüber dem Herrscher verlange, selbst dann, wenn der foltere und stehle.

«Die ägyptische Kultur, die wir von den Pharaonen geerbt haben, ist eine Kultur des Gehorsams gegenüber den Mächtigen.»

Alaa Al-Aswani

Doch nicht nur die Mächtigen, auch die einfache Bevölkerung kriegt ihr Fett ab. Allzu leicht lässt sie sich durch die Verlautbarung offizieller und staatstreuer Medien hinters Licht führen. Stereotype Feindbilder, wie die Idee einer israelischen Verschwörung, die Chaos und den Sturz der Strukturen herbeiführen wolle, die Aufwiegelung verschiedener Religionsgemeinschaften gegeneinander und gezielte Gerüchte von «gekauften Agenten», «Verrätern», die im Auftrag ausländischer Kräfte eine Revolution anzettelten, verfangen im Volk letztlich genauso, wie die Einsicht, dass das Fressen vor der Moral kommt. So wollen die Arbeiter des Zementwerks lieber weiterhin ein unterdrückerisches System erdulden, das ihnen mageres Gehalt zusichert, als dass sie ohne Arbeit und Einkommen in einem von Chaos regierten Land leben müssen.

«Die Republik der Träumer» ist ein ehrlicher Roman über die hoffnungsvollen Tage der Revolution auf dem Tahrir-Platz und ihrem Scheitern. Man merkt dem Buch an, dass der Autor selbst Teil der Protestbewegung war und seine Figuren nicht der Fiktion, sondern realen Vorlagen entspringen. Die Zeugenaussagen mancher Akteure lesen sich stellenweise wie Protokolle, was die literarische Erzählweise Al-Aswanis unterbricht. Dabei entfalten die dokumentarischen Zeitzeugnisse aber ihre ganz eigene erzählerische Kraft.

Wer tiefer in die komplexen Ereignisse des ägyptischen Frühlings eintauchen möchte als sie Newssendungen vermitteln und dabei auch die Nähe zu den Menschen und zur Gesellschaft des Landes sucht, um die Geschehnisse besser zu verstehen, dem/der sei der Roman sehr empfohlen. Dass er in Ägypten und anderen arabischen Ländern verboten wurde, zeigt, dass er einen Nerv trifft.

 

 

 

Ein Kommentar:

  1. Ein Roman ist ein Roman!
    Darin lassen sich Situationen idealtypisch verdichten, so auch angsteinflößendes Böses.
    Das, was nach Änderung schreit: schreiende gesellschaftliche Ungerechtigkeit, extreme Heuchelei und die geschilderten Brutalitäten sind bei „uns“ so nicht nicht (mehr) gegeben, doch ist es bei „uns“ im Grundsatz wirklich anders?
    Der Roman dürfte sich von gleichartigen Romanen nicht besonders unterscheiden, bis auf die Schilderung der Gestalt des Generalmajors Ahmed Alwani, wo es verdeckt um Religion geht.
    Eine solche Person könnte auch unter „christlichen“ Verhältnissen beschrieben werden. Doch da ist das Gottesbild anders.
    Der Autor des Buches übernimmt indirekt Bert Brecht, der fragen lässt:„Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?“

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