Es braucht jetzt echten Fortschritt!

Über die humane Pflicht zu einer neuen Normalität. Text: Hanspeter Schmitt

Bild: Apollo22 auf Pixabay

Krisen sind schmerzlich, aber auch Anlass, zu wachsen und mit neuem Bewusstsein zu leben. Angesichts der Opfer und wegen der einschneidenden Beschränkungen, die in der „Corona-Krise“ verfügt wurden, fällt diese Aussage schwer. Es könnte zynisch wirken, daraus Gutes ziehen zu wollen. Gleichwohl hat uns das Gefühl einer lauernden Gefahr Einsichten aufgedrängt, die im sogenannten normalen Alltag nur beiläufig entstehen. Wie unter einem Brennglas war erkennbar, dass alles Leben verletzlich und von Grenzen bestimmt ist.

Deutlich wurde aber auch, wie sehr Menschen, Bereiche und Länder verbunden und aufeinander angewiesen sind. Selbst jene fielen auf, die immer zu kämpfen haben und benachteiligt sind, jedoch meist übersehen werden: Menschen aus kaum entwickelten Regionen, an der Peripherie, in prekären Lagen. Auch einfache Angestellte, Arbeitsmigranten, Pflege- und Ordnungskräfte, Ältere, Erziehende und Familien, denen gesellschaftliche Anerkennung sonst fehlt, gerieten in den Fokus.

„Corona“ hat zu einer erhöhten Aufmerksamkeit geführt – über die gewohnte Wahrnehmung hinaus.

Inzwischen stehen die Zeichen auf Rückkehr zur Normalität. Das hierzulande niedrige Niveau täglicher Neuinfektionen scheint die Lockerung und Rücknahme der pandemiebedingten Vorschriften zu erlauben. Wirtschaft, Arbeit, Bildung, Kultur, Freizeit und persönliches Leben – es soll möglichst laufen wie zuvor, Hygiene und Distanzen vorausgesetzt. Doch bei allem Verständnis für das Bedürfnis nach früheren Gewissheiten, nach Produktivität und eingespielten Abläufen: Im Zug der Reaktivierung alter Normalität drohen jene wieder aus dem Blick zu geraten, die uns erst „dank Corona“ wirklich auffielen und zu interessieren begannen.

Dabei gab es in der Krise auch Ideen einer neuen Normalität, die über Hygiene und onlinebasiertes Management hinausgeht!

Man sprach von der humanen Pflicht, die zuvor Unsichtbaren, Fremden und Vergessenen dauerhaft zu unterstützen und zu würdigen. Doch was ist daraus geworden?

Beispiel Pflegekräfte: Dass ihre Arbeitsbedingungen und Entlohnung gemessen an ihrem Einsatz miserabel sind, wurde in der Krise offenkundig. Kaum ist der Krisenmodus überwunden, hört man nichts mehr von den Beteuerungen, hier endlich für Reformen und Lohngerechtigkeit zu sorgen. Oder Asylsuchende in den Lagern weltweit: Während wir uns von privater Quarantäne erholen, Freiheit und Grundrechte zurückgewinnen, bleiben sie eingepfercht und entrechtet wie vor der Krise, die ihr Elend überdeutlich werden liess. Beispiel USA: Der strukturelle Rassismus der „Vorzeigedemokratie“ zeigt sich in Polizeiwillkür gegen Schwarze und Indigene, aber eben auch darin, dass die meisten Pandemieopfer aus ihrer Gruppe kommen. Kein Ende abzusehen!

Wer angesichts solcher Einsichten nicht nur zum Alten zurück will, sondern eine neue, sprich faire Normalität anstrebt, muss zu einem tiefgreifenden Wandel bereit sein. Mit bisherigen gesellschaftlichen und politischen Strickmustern ist die Fortsetzung sozialer, ökologischer und ökonomischer Verwerfungen und Leiden vorprogrammiert.

Es braucht jetzt echten Fortschritt, der vom menschlich Wesentlichen ausgeht und das Wohl fremder Schichten, Länder und Kontinente genauso anzielt wie das eigene.

 

Prof. Dr. theol. habil. Hanspeter Schmitt
Lehrstuhl für Theologische Ethik
Theologische Hochschule Chur

(Erstpublikation: Bündner Tagblatt vom 01. Juli 2020)

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