Erfolgreiche aufbruch-Veranstaltung mit Jean Ziegler

Der Vortragsabend mit dem Genfer Soziologen Jean Ziegler am 10. Februar 2010 in der Elisabethenkirche in Basel war ein voller Erfolg. Auf Einladung des aufbruch füllten rund 330 Personen den Kirchenraum, und es wurden 50 Exemplare von Zieglers neustem Buch („Der Hass auf den Westen“) verkauft. Hier folgt der Bericht der Nachrichtenagentur Kipa:

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler zu Religion und Hass auf den Westen

"Wer nichts tut, macht sich schuldig"

Von Katharina Truninger / Kipa

Basel, 11.2.10 (Kipa) Sowohl Terrorismus als auch die Verfehlungen des Kapitalismus haben nichts mit dem Grundgedanken der Religionen zu tun. So äusserte sich der Uno-Menschenrechtsberater und Genfer Soziologe Jean Ziegler am Mittwoch, 10. Februar, anlässlich eines Vortrags in der Basler Elisabethenkirche. Dabei ging er auch auf die Quellen des Hasses südlicher Länder auf den Westen ein und appellierte an christliche Werte wie Nächstenliebe und Gerechtigkeit.

"Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war im Gefängnis, ihr habt mich besucht. Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben." Diese Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium umschreiben für Jean Ziegler den christlichen Grundgedanken, aus dem sich die politischen Forderungen nach weltwirtschaftlicher Gerechtigkeit ableiten lassen.

Das Gefälle zwischen Industrienationen und den armen Ländern ist riesig, das weltweite Hungerproblem - Ziegler kennt es aus eigener Erfahrung als Uno-Berichterstatter - ist erdrückend. Dass täglich 47.000 Menschen verhungern und über eine Milliarde Menschen unterernährt sind, schreibt er der "kannibalischen Weltordnung des Finanzkapitals" zu - also der finanziellen Übermacht des Westens über den Süden.

Sechstes Gebot täglich missachtet

Gemäss Uno-Welternährungsbericht könnten mit der heute produzierten Nahrung zwölf Milliarden Menschen ernährt werden. "Es ist eine Frage des Zugangs. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet", so Ziegler in Basel. Und damit werde das Sechste Gebot - du sollst nicht töten - tagtäglich missachtet. "Wer um dieses Massaker weiss und nichts dagegen tut, der macht sich schuldig", sprach Ziegler den rund 400 Anwesenden ins Gewissen.

Ausdruck der von Ziegler gegeisselten Weltordnung sind die Börsenspekulation mit Nahrung, die Verarbeitung von Lebensmitteln zu Treibstoffen oder die Tatsache, dass die grössten 500 Konzerne 52 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts kontrollieren - eine ungeheure Machtkonzentration in den Händen weniger westlicher Investoren.

Traumatische Kolonialgeschichte

Die "kannibalische" Weltordnung ist gemäss Ziegler einer der Hauptgründe für den in den Ländern des Südens tief sitzenden Hass auf den Westen. Einen weiteren Grund sieht er in den traumatischen Ereignissen der Kolonialgeschichte, die er als "verwundetes Gedächtnis" der Völker des Südens bezeichnet. Erst heute, mehrere Generationen danach, entwickle sich daraus allmählich ein politisches Bewusstsein, das sich derzeit etwa in Bolivien manifestiert: Mit Evo Morales wurde 2006 erstmals ein Indio Präsident. Ihm ist es gelungen, 200 ausländische Firmen, welche die Bodenschätze des Landes ausbeuten, zu übernehmen. Nun kommen anstatt wie früher nur fünf Prozent über 80 Prozent der Erdölexporteinnahmen dem Land zu gut.

Eine weitere Quelle des Hasses auf den Westen ortet Ziegler in der Doppelzüngigkeit der Industrieländer punkto Menschenrechte. Als Beispiel erwähnte er, dass die Uno im Darfur-Krieg Blauhelme einsetzen wollte, jedoch während der israelischen Offensive im Gazastreifen nicht wirksam intervenierte. Wenn Menschenrechte bloss Instrument der Machtpolitik seien, werde das in den Ländern des Südens nicht verstanden.

Hass richtet sich nicht gegen Christentum

Der Hass auf den Westen richtet sich nicht gegen das Christentum, sondern gegen das kapitalistische System. Ziegler unterscheidet strikt zwischen dem beschriebenen "vernunftgeleiteten Hass", den er befürwortet, und dem "pathologischen Hass", den er ebenso vehement ablehnt.

Zum pathologischen Hass zählt er jegliche Art von Terrorismus, also auch den islamistischen, den es zu verfolgen gelte. Sowohl Terrorismus als auch die Verfehlungen des Kapitalismus haben nach Zieglers Ansicht nichts mit den Grundgedanken vieler Religionen zu tun, die Gerechtigkeit und Solidarität fordern.

Unermüdlich gegen Hunger und Unterdrückung

Der Schweizer Uno-Diplomat und Buchautor Jean Ziegler wurde 1934 in Thun geboren. Bis 2002 war er Soziologieprofessor an der Universität Genf und engagierte sich als SP-Nationalrat während Jahren gegen politische und soziale Missstände. Wegen seiner massiven Kritik an Politik, Wirtschaft und Finanzwesen der Schweiz, insbesondere an der Rolle des Landes während des Zweiten Weltkriegs, galt er in bürgerlichen Kreisen als Landesverräter.

Zwischen 2000 und 2008 amtierte Ziegler als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und erstellte Länderberichte unter anderem für Brasilien, die Palästinensergebiete, Äthiopien und Bolivien. Um den Hunger zu bekämpfen, forderte Ziegler etwa ein sofortiges Moratorium für landwirtschaftlich erzeugte Biotreibstoffe sowie ein Bleiberecht für Hungerflüchtlinge.

Derzeit ist Jean Ziegler Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats. Der Träger des internationalen Literaturpreises für Menschenrechte ist Autor zahlreicher sozialkritischer Bücher. Sein neustes Werk "Der Hass auf den Westen - Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren" erschien 2009 bei Bertelsmann.

(kipa/kat/bal)