«Heilige Orte» und die Zukunft: Das Kirchen-Camp in Steinhausen (ZG)

Auf der Suche nach «Heiligen Orten» trafen sich am 24. und 25. August 2021 verschiedene Menschen zum Kirchencamp im Ökumenische Kirchen- und Begegnungszentrum Chilematt. Der Anlass war für alle offen, man musste sich nicht anmelden und konnte nach Belieben und Interesse kommen und gehen. Ein gelungenes Experiment.

Regula Grünenfelder (links)

Von CHRISTIAN URECH

Ich habe das Kirchencamp der Theologin Regula Grünenfelder (regulagruenenfelder.ch) als Experiment verstanden. Als Experiment, um herauszufinden, wie man bestehende «heilige Räume», sprich zunehmend leerer werdende Kirchenräume, neu bespielen, mit neuem Leben füllen kann, ohne die spirituelle Perspektive aus den Augen zu verlieren. Wir kennen es von den Friedhöfen: Sollten sie nicht geöffnet und zu Parks umgewandelt werden, in denen gejoggt, gechillt und Picknicks veranstaltet werden? Aber würde dabei nicht etwas verloren gehen? Entsprechend könnten wir auch die Kirchen öffnen und als Veranstaltungs- und Begegnungsorte x-beliebiger Sorte nutzen.

Das ist Regula Grünenfelder zu wenig, weshalb sie das oben erwähnte «Experiment» inszeniert hat. Das «Rezept» für die Inszenierung: Man nehme ein kanppes Dutzend Menschen der unterschiedlichsten Art, junge, alte, Frauen, Männer, religiöse, politisch engagierte, künstlerisch tätige, aber alle mit dem Wunsch in den Herzen und den Köpfen, sich an der Erschaffung einer «besseren Welt» aktiv mitzubeteiligen. Man lasse sie sich zwei Tage lang begegnen, austauschen, Ideen ausbrüten, aber auch zusammen tanzen und meditieren. Dabei entsteht eine Ahnung, wie sich «heilige Räume» in der Zukunft nutzen lassen, nicht in erster Linie in der Theorie, sondern in der Praxis des Zusammenseins, in der Entstehung eines Gemeinschaftsgefühl, eines gemeinsamen Spirits und einer transzendenten Sinnhaftigkeit. So wie ich, der an zwei Halbtagen im Camp war, es erfahren habe, ist das Experiment weitgehend gelungen.

 

Wie entstehen Heilige Orte?

In konzentrischen Kreisen sind verschiedene Fragen aufgetaucht. Da ist zunächst die Frage: Was bedeutet das überhaupt, «heilig»? Wie entstehen «Heilige Orte»? Werden sie durch eine Gemeinschaft von Menschen geschaffen oder braucht es auch eine örtliche Verankerung, ein Gebäude? Und wie können bestehende «Heilige Orte», sprich leere Kirchen, mit neuem spirituellen Leben gefüllt werden?

Eingebettet war der Anlass in die Utopie-Sommerkonferenz. Im ganzen deutschsprachigen Raum fanden am 24. und 25. August 2021 Utopie-Camps statt, die das Wohlergehen der Menschen von morgen erkunden. Begleitet wurden sie durch ein Live-Programm von Maja Göpel (Zukunftsforscherin, Autorin des Spiegel-Bestsellers «Unsere Welt neu denken»), Richard David Precht (Philosoph und Autor, bekannt aus der SRF-Sendung Sternstunde Philosophie) und Gästen im Libeskind-Auditorium der Leuphana Universität in Lüneburg. Das Motto des Utopie-Sommers 2021 lautete «Wohlstand im 21. Jahrhundert. Das utopische Momentum?» Der Utopie-Sommer verknüpft Ideenaustausch vor Ort in den verschiedenen Camps im ganzen deutschsprachigen Raum mit einem Live-Programm aus Lüneburg. Die Utopie-Camps sind überschaubare Zusammenkünfte, in denen ge­mein­sam ge­dacht und Zukünfte in die Welt ge­bracht wer­den können. Jedes Camp erkundet den Wohlstand von morgen anhand eines Projektes aus der Praxis, einer visionären Idee oder einer inspirierenden Frage. So treffen Projekte wie «Radikale Gastfreundschaft in Hamburg Altona» auf Ideen wie «Ein bedingungsloses Grundeinkommen für Europa?» und Fragen wie «Nachhaltiges Wachstum – eine Utopie?»

Regula Grünenfelder fand es unhaltbar, dass der religiöse Aspekt in den Utopie-Camps gänzlich fehlte und schaffte nun mit ihrem Camp in Steinhausen Abhilfe mit der Idee, in diesem Camp nach der Frage nach der zukunftsorientierten Funktion von «Heiligen Orten» nachzugehen. Durch einen «Siebensprung» mit den Campstationen Erfahren, Einordnen, Weiterdenken, Umkehren, Teilen. Lernen und Anknüpfen versuchten die Teilnehmenden sich den Antworten auf diese Fragestellung anzunäheren.

 

Ein Teil der Installation

Der «Siebensprung»

Erfahren: Den beiden bekannten Konzeptkünstlerinnen Monika Gasser und Pia Gisler ist es gelungen, durch eine Installation mit filigranen Stoffen und durcheinanderlaufenden Bändern in Kombination mit aromatischen Kräutern wie Rosmarin und Lavendel im wuchtigen Kirchenraum einen Kontrapunkt zu setzen und Beziehungsmuster sichtbar zu machen. Gleichzeitig bot der Raum den anwesenden Therapeutinnen und Coaches die Möglichkeit, den spirituellen Ursprungsort ihrer Arbeit zu erkunden.

Einordnen: Warum sollte Christentum und warum sollten Kirchen Teil der Zukunft sein? Aus persönlichen Antworten entstand ein Gesamtbild.

Weiterdenken: Die Heiligen Orte kommen aus sehr alter Zeit und werden in Zukunft in einer noch unbekannten Weise gebraucht. Hier konnten Informationen zum Mitdenken und Weiterschreiben abgeholgt werden.

Umkehren: Via Livestraem konnte das Referat des Philosophen Richard David Precht auch im Zentrum Chilematt mitverfolgt werden. Für Richard David Precht dreht sich heute alles um die falsche Frage: «Was bringt mir das?!», weswegen er einen Bausatz für «richtige» Fragen entwickelt hat.

Teilen: Kirchen bieten nur noch einem Teil der Gesellschaft ein Obdach, trotzdem besitzen sie viele Heilige Orte. Wie könnten sie auf Augenhöhe geteilt werden? Mit wem? Dieser Bedürfnis- und Ideentausch war sehr intensiv und aus ihm entwickelten sich zahlreiche kreative Ideen.

Lernen: Was können Kirchen gut, was können andere besser? Regula Grünenfelder stellte eine «Lebendige Bibliothek» mit Persönlichkeiten anderer Weltanschauungen zusammen, die sich als «Lebendige Bücher» dem kommunikativen Austausch mit den Camp-Teilnehmenden stellten. Dies waren unter anderem drei Vertreter*Innen der Brahma Kumaris-Bewegung (Ursula Breuss, Mathias Steffen, Anna Ziegler). Brahma Kumaris (die «Töchter Brahmas») ist eine religiös-spirituellen Gemeinschaft aus Indien mit mehreren hunderttausend Mitgliedern, die auch in Zürich eine «Aussenstation» hat. Gelehrt wird Raja Yoga, die liebevolle Verbindung zwischen Mensch und Gott. Weitere «Lebendige Bücher» (Lisa Breithut, Simon-Domique Wäckerlin) entstammten einer therapeutischen Wohn- und Lebensgemeinschaft in Degersheim, die sich als Teil der Gemeinschaft Terra Nova Schweiz verstehen und ein Modell für nachhaltiges, friedliches und liebevolles Leben auf der Erde aufbauen wollen.[1] Auch ein Vertreter der Klimabewegung stellte sich «Lebendiges Buch zur Verfügung, der Klima- und Medienaktivist Jann Kessler (climastrike.ch) sowie Chantal Studer vom Verein fra-z, einem beweglichen Frauen*zentrum in der Zentralschweiz, das dem Kirchen-Camp ihr Zelt zur Verfügung stellte. fra-z bietet einen «Raum für Frauen* von A-Z, die eine gute und gerechte Welt zur Sprache bringen und realisieren wollen. fra-z ist offen für Frauen aller Weltanschauungen, Kulturen, Generationen und Lebensentwürfe (fra-z.ch).

Anknüpfen: Vielfalt sei ein Merkmal des Christlichen, sagt Regula Grünenfelder und fragt: «Wie inspiriert sie kirchliches Teilen in die Zukunft?» Dieser Posten stellte Informationen zu dieser Frage zur Verfügung und lud dazu ein, eigene Gedanken beizutragen.

Der Weltmusiker, Musikjournalist und Masseur Fabian Moor umrahmte die Veranstaltung mit seinen wunderschönen einfühlsamen Klangbeiträgen und seinem sphärischen Gesang im Duett mit der jungen Musikerin Patricia Kudrnac.


Das Zentrum Chilematt

Die reformierte und die katholische Kirche sind in Steinhausen unter einem Dach vereint. Zusammen mit dem Jugendtreff im Untergeschoss ist das Zentrum der Begegnungsort für die Menschen der Ortschaft. Neben der alten neubarocken Pfarrkirche St. Matthias steht seit 1981 ein wichtiger Bau der modernen Schweizer Sakralarchitektur. Das multifunktionale Ökumenische Kirchen- und Begegnungszentrum Chilematt − erbaut 1978 bis 1981 vom Zürcher Architekten Ernst Gisel − bringt den Aufbruchsgeist des 2. Vatikanischen Konzils und der ökumenischen Bewegung zum Ausdruck. Zentrum des Zentrums ist das Foyer − in der ursprünglichen Wortbedeutung der häusliche Herd, der Ort, wo das Feuer brennt und sich alle versammeln − und darin der für Katholiken und Reformierte gemeinsame Taufbrunnen. Das Zentrum Chilematt ist eines der wenigen Zentren dieser Art in der Schweiz.


[1] Selbsbeschreibung der Lebensgemeinschaft

«Mit zehn Menschen in der Gemeinschaft leben wir ausgerichtet auf die Werte von Liebe und Konstruktivität. Dadurch arbeiten wir jeden Tag am Aufbau einer neuen Kultur, in der wirkliche Kooperation möglich ist. Immer mehr werden wir bereits vorhandene nachhaltige und systemische Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit aus verschiedenen Bereichen, wie Ökologie, Technik und Ökonomie in unser Modell integrieren.

Wir sehen die grundlegende Herausforderung zur nachhaltigen Umsetzung dieser Ansätze vor allem in der Integration und in der der Umsetzung im «menschlichen», namentlich im sozialen, emotionalen und spirituellen Bereich. Als Modellort für eine friedliche Lebensweise erschaffen wir  einen Rahmen, welcher es Menschen ermöglicht, ihr destruktives Verhalten zu sich selbst, in ihren Beziehungen, zur Welt und Natur nachhaltig, im Sinne einer zukunftsfähigen Lebensweise, zu wandeln.

Konkret heisst das in unserem Alltag, dass wir uns viel Zeit nehmen für Gruppenprozesse um unsere Beziehungen zu klären und Bewusstsein in unsere Denk- und Verhaltensmuster zu bringen, die verhindern, dass wir in Wahrheit und Liebe miteinander leben. Wir unterstützen uns, indem wir uns unsere nicht liebevollen Verhaltensweisen aufzeigen und uns immer wieder auf ein wahrhaftiges und liebevolles Miteinander ausrichten. So bringen wir Antworten auf die Frage hervor, wie das Potential der Menschheit aus den Strukturen von Krieg und Gewalt befreit wird und eine zukunftsfähige Lebensweise auf der Erde funktionieren kann.

Wir leben in einem grossen Gemeinschaftshaus mit grossem Garten, das viel Platz für uns,  Gäste und Seminare bietet.

Wir teilen unseren Alltag gerne mit Langzeitgästen und öffnen unser Haus für eine Gemeinschaftserfahrungs-und Kennenlernwoche pro Monat. Während und neben gemeinsamer Arbeit in Haus und Garten, lernt ihr dabei unsere Gemeinschaftsarbeit kennen.

Als Mitglieder des Vereins Terra Nova Schweiz engagieren wir uns in anderen Wandelprojekten und im Dorf Degersheim. Wir sind sehr interessiert an der Vernetzung mit anderen Gemeinschaften und gestalten darum auch GEN Suisse aktiv mit.»

2 Kommentare:

  1. Danke für die Möglichkeit meine Gedanken zu diesem Thema zu schreiben, mit
    dem ich mich schon seit meiner Kindheit auseinandersetzte und oft
    gelitten habe, wenn Verhaltensweisen wie Ausgrenzung, Unwahrheit,
    Neid und Intrigen passierten, egal ob es hierbei um mich ging oder
    andere. Wenn es mir sehr schlecht ging, habe ich mich unter „meiner“ Birke verkrochen und mein immaginäres “ Schatzkästchen“ (meiner Seele) geöffnet und die guten Erfahrungen aktiviert. Sofort ging es mir
    damals wie heute besser. Auch mit 68 Jahren sind mir Streit, Gewalt in jeglicher Form, Abwertung und Intriganz zuwider, und ich meide inzwischen die Begnung mit solchen Menschen, weil sie mir Angst
    machen.

    Ein Gruß von Herzen, Marie

  2. Ein anspruchsvolles Unterfangen

    Anstatt mich auf das Hauptanliegen einzulassen, beginne ich mit einer Erfahrung in Zürich bei meinem ersten Besuch dort.
    Als erstes besuchte ich die alten Hauptkirchen St. Peter, das Fraumünster und das Großmünster. Ich fand, mit Ausnahme des Chors des des Fraumünsters, alle diese Zeugnisse des Geistes der Stadt unglaublich nüchtern, des ursprünglich Heiligsten entkleidet, will sagen, ich empfand einen entsetzlichen Bruch mit dem, was diese Orte einmal waren, heilige Orte.
    Im Chor des Fraumünsters war mir, dass diesem Ort eine Genugtuung widerfahren ist in den großartigen Fenstern, die von Marc Chagall geschaffen und von einem Bürger der Stadt ermöglicht worden sind; Sie geben diesem Raum etwas von seiner alten Heiligkeit zurück.
    Heilige Orte verlangen Stille und Ergebung. Heil ist / kommt eher leise. Das erfährt man im Fraumünster, wenn die Horden geführter Besucher beim Mittagessen sind und man den Chor mit nur wenigen anderen Besuchern teilt, fast für sich alleine hat, für jedes Fenster einen anderen Platz einnehmen kann, lange sitzt.
    Offen bleiben muss hier, was „Heil“ ist, was „heilige Orte“ sind, wie sie sich ereignen,wie sie von Menschen wahrgenommen und gepflegt werden; auch wie sie vergessen, vernachlässigt, belastet, beschädigt, verunehrt werden.
    Selbst große lebendige Heiligtümer haben es nicht leicht, sie leiden unter Besucherandrang, vor allem durch solche Menschen, die einfach nur dort gewesen sein müssen; die Händler drum herum tragen das ihrige noch hinzu.

    P. S.
    Ich war noch einige Male im Fraumünster. Heute stehen die aufgezogenen großen Leporellos der Fenster im meinem Schlafraum an der freien Wand, werden frühmorgens von der Sonne angestrahlt.

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