Nahtod-Erfahrungen
schaffen Hoffnung
Die Frage nach der Existenz eines
Jenseits beschäftigt die Menschen seit Urzeiten. In den vergangenen Jahrzehnten
berichteten zahlreiche Personen über Nah-Todeserlebnisse. Sie vermitteln damit
eine Ahnung dessen, was uns bei Lebensende erwarten könnte. Ein Gespräch mit
dem Soziologen Hubert Knoblauch über Jenseits und Todesnähe-Erfahrungen.
VON JUDITH STOFER
An diesem verregneten Freitagabend, an dem das vereinbarte Gespräch mit dem Soziologen im Theologischen Seminar der Uni Zürich stattfindet, scheint zuerst alles schief zu laufen. Hubert Knoblauch ist irritiert, weil die Journalistin ohne Tonband antritt (macht sie nur in schwierigen Fällen). Sie wiederum ist irritiert, weil er leicht gestresst wirkt. Es sei ein schwieriges Unterfangen, von Zürich aus, notabene neben der Erfüllung seiner Aufgaben, eine Wohnung in Berlin zu suchen, erklärt er. Er entschuldigt sich und verschwindet kurz in der Bibliothek, sucht dann etwas im Büro. Die Journalistin holt sich in der Zwischenzeit einen Tee. Schliesslich sitzen beide doch noch am runden Tisch.
Menschliche
Vorstellungen
Die Journalistin umreisst kurz das Thema des geplanten Gesprächs - was sagt
ein Soziologe zum Jenseits und den Vorstellungen darüber? Was gibt es über die
gesellschaftliche Rolle/Funktion solcher Konzepte zu sagen? Knoblauch
unterbricht: "Ich bin mit der Fragestellung nicht ganz glücklich. Sie ist
suggestiv, weil damit eine strenge Trennung zwischen Diesseits und Jenseits
unterstellt wird." Das sei irreführend und treffe so nicht zu. "Es
gibt viele Stufen zwischen Jenseits und Diesseits. Zum Beispiel kann man im
Drogenrausch Jenseitserfahrungen machen. Oder bei den Hopi-Indianern können
Lebende mit den Geistern der Vorfahren, die beispielsweise die Gestalt von Vögeln
angenommen haben, auftreten", führt er an, um seinen Vorbehalt zu
veranschaulichen. Die Soziologie, so Knoblauch weiter, definiere das Jenseits
nicht: "Für die Soziologie und die Religionssoziologie ist die Beschäftigung
mit dem Jenseits nur insofern relevant, als es für die Menschen, die sie
untersucht, von Bedeutung ist". Sie habe eine klassisch aufklärerische
Funktion und beschäftige sich statt mit den Toten mit den Lebenden und damit
mit dem Diesseits.
Berichte
aus dem Jenseits
Genau damit hat sich Knoblauch in seiner
wissenschaftlichen Arbeit auf indirekte Art und Weise speziell befasst. In einer
gross angelegten Studie der Universität Konstanz vor rund drei Jahren hat er
zusammen mit einem Team von SoziologInnen 2044 Frauen und Männer
unterschiedlicher Herkunft in Deutschland und dem östlichen Landesteil der
Schweiz befragt, die sogenannte "Todesnäheerfahrungen" gemacht haben
(1). Was heisst das "in der Nähe des Todes" gewesen zu sein?
"Solche ungewöhnlichen Erfahrungen treten auf, wenn Menschen in
Lebensgefahr sind, schwer verletzt werden oder durch einen anderen Anlass
glauben zu sterben. Manche von ihnen behaupten sogar, die Grenze überschritten
und erfahren zu haben, was jenseits davon liegt", definiert es Knoblauch.
Seit Beginn der
siebziger Jahre berichten immer mehr Menschen über solche Erlebnisse und
liefern damit quasi Berichte aus dem Jenseits ab. Unzählige Erfahrungsberichte
und Abhandlungen über Todesnäheerfahrungen wurden in Buchform publiziert - die
Literaturliste ist lang. Dank populärer Sachbücher des Amerikaners Raymond
Moody und der Schweizer Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross werden solche
Schilderungen auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Heute muss
niemand mehr befürchten, ausgelacht zu werden, wenn er oder sie über solche
Erfahrungen erzählt. Wie sind aber solche "Berichte über das
Jenseits" einzuschätzen? Tun die Betroffenen wirklich einen Blick in die
andere Welt? Können solche Erlebnisse tatsächlich als Beweis für ein Leben
nach dem Tod herangezogen werden?
Neue
Spiritualität
"Viele solcher Nahtoderfahrungen haben überhaupt nichts mit dem
Jenseits zu tun", hat Hubert Knoblauch nach langjähriger
wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Thema festgestellt. Der Soziologe
ist nun in seinem Element. "Solche Beschreibungen und Berichte sagen mehr
über die Leute, deren Lebenserfahrungen, deren soziales und kulturelles Umfeld
und deren Herkunft aus", betont er. Ob sich jemand allein im Jenseits
befinde oder einem Kollektiv gegenübertrete, habe mehr mit dem kulturellen
Hintergrund der Betroffenen zu tun. Die Auswertungsergebnisse ihrer Studie zeige
deutlich: Die Berichte über Nahtod-Erfahrungen klängen fast wie ein
vielstimmiger Chor, der gleichzeitig unterschiedlichen Kompositionen folge.
Knoblauch: "Was die Leute erfahren, und was sie sich vorstellen, sind zwei
Paar Stiefel. Berichte über Nahtoderfahrungen lassen sich nicht in eine
allgemeingültige Schablone zwängen."
Genau in diesem Punkt unterscheidet sich die Studie der Konstanzer SoziologInnen
zu den "KlassikerInnen"
der Erforschung der Nahtodeserfahrungen wie Moody und Kübler-Ross. Knoblauch:
"Moody und Kübler-Ross behaupten einen Katalog von Standarderfahrungen,
die nach demselben Muster in drei Phasen ablaufen." In einer ersten Phase
verlasse die unsterbliche Seele den Körper, in einer zweiten befinde sich die
Seele im Bereich des Ätherischen, nehme die Umwelt noch wahr, könne aber nicht
mehr mit ihr kommunizieren. In dieser Phase begegne sie Geistführern. Danach
gehe es durch einen Tunnel in die dritte Phase, ein Licht trete auf, das Liebe,
Göttlichkeit symbolisiere. "Damit entsteht eine Art neuer populärer
Religion. Alle können im Prinzip eine solche Erfahrung machen", sagt
Knoblauch.
Enttabuisierung
Warum sind solche Nahtod-Erfahrungen so populär? "Sie schaffen
Hoffnung. Sie versprechen ein gutes Fortleben im Jenseits. Jeder ist seines
eigenen Jenseits Schmied", bringt es der Soziologe auf den Punkt. Kein
strafender Herrgott warte auf der anderen Seite und werfe die Guten ins Töpfchen
und die Schlechten ins Kröpfchen. Das Leben rase an einem vorbei ohne
moralische Wertung. "Man kann es aber auch positiv formulieren",
schiebt Knoblauch nach, "die ganze Forschung um die Nahtod-Erfahrung hat
wesentlich zur Enttabuisierung des Todes beigetragen. Man ist sich wieder
bewusst, dass die Begleitung eines Sterbenden wichtig ist".
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Zur
Person: Empfehlenswerte
Literatur Hubert Knoblauch/Hans-Georg Soeffner (Hg), Todesnähe. Interdisziplinäre Zugänge zu einem aussergewöhnlichen Phänomen. Konstanz 1999, 335 Seiten. Raymond Moody, Leben nach dem Tod, Reinbek 1977. Elisabeth Kübler-Ross, Interview mit Sterbenden, Gütersloh 1977. |
Weitere
Beiträge zum Thema finden Sie im aufbruch Nr. 109
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