Reformen ohne die Bischöfe?

Sie ist alarmierend: die Ankündigung, dass die Pfarrei-Initiative sich wohl auflösen wird. Ebenso ein Alarmzeichen war der Kirchenaustritt von einem halben Dutzend sehr engagierter Kirchenfrauen. Ein Kommentar von Walter Ludin

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Für beides habe ich Verständnis, auch wenn aufgeben und austreten nicht meine Sache ist. Ich werde weiterhin – publizistisch und im Rahmen der tagsatzung.ch – mich weiterhin für Kirchenreformen einsetzen, wenn möglich auch in Form eines synodalen Vorgangs. Und als Mitglied eines franziskanischen Ordens bin ich in einer Art Teilkirche, die mir nach wie vor Heimat gibt.

Dennoch: Ich verstehe den Ruf nach «Selbstermächtigung» der kirchlichen Basis. Vor einigen Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass die Bischöfe nicht mehr lange Zeit haben, den Reformprozess mitzugestalten. Bald könne das beginnen, was Leo Karrer schon vor über einem Jahrzehnt «Selbsthilfe» genannt hat.

Das neueste Communiqué der Pfarrei-Initiative schlägt Beispiele dafür vor. Auf den ersten Blick wirken sie vielleicht revolutionär, sind es aber kaum. Schauen wir sie kurz an:

  • Gemeindeleiterinnen und -Leiter beginnen, Abendmahl zu feiern. Dies widerspricht zwar der festgefügten Ämterlehre, nimmt aber letztlich bloss eine urkirchliche Praxis auf. Damals sind ja in den Hauskirchen die Familienväter (und -Mütter!) dem Brotbrechen vorgestanden.
  • In den Pfarreien werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften gesegnet. Nur wer die (hebräische) Bibel fundamentalistisch auslegt kann dagegen sein. Ein kleiner Exkurs: In einem Pfarreiblatt wird in einem Leserbrief moniert, kein Jota von den biblischen Gesetzen abzuändern und somit das Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu befolgen. Der Schreiber wird kaum auf Schweinefleisch verzichten oder – solange es ihn noch gab – auf Zins von den Banken; obwohl beides ebenso streng im Alten Testament verboten ist.
  • Und schliesslich der Vorschlag, dass es überkonfessionelle Abendmahlfeiern geben soll. Vor genau 40 Jahren habe ich anlässlich einer Trauung eine solche Feier mitgestaltet. Die Welt ging nicht unter. Und das Paar ist immer noch beisammen …
    Walter Ludin, Kapuziner

 

6 Kommentare:

  1. Es wird diese Retter der verlorenen Welt- leider- wohl immer geben.

  2. Ich bin ein kritischer Katholik und bin Präsident der Kirchenpflege Männedorf-Uetikon. Schon oft wurde ich gefragt, warum ich mit meiner kritischen Meinung nicht austrete. Die Antwort ist sehr einfach, wer Austritt ändert nichts in der Kirche. Wenn der Klerus nicht mitmacht, dann eben ohne Klerus. Auch der Klerus hat bei den Anstellungen Eignungsmerkmale erfüllen und wenn nicht keine Anstellung. Bei der Amozonas-Konferenz wurden die Frauen wieder vorne weggelassen. Der Papst hätte nur mit dem kleinen Finger winken müssen und er hätte ein wichtiges Zeichen gesetzt. Er denkt an die Viri probati und ist noch immer in der Männergesellschaft des Klerus verwurzelt. Und wenn Sie immer noch an Änderungen glauben, dann lesen Sie das Buch Sodom, das die Verhältnisse in Rom beschreibt. Rückmeldungen zu diesem Buch sind: wenn nur 10 % dieses Buches stimmt, ist es sehr schlimm. Das eigentlich Schlimme ist, dass praktisch 100 % des Buches stimmt. Franziskus hat auf die Frage eines Journalisten, ob er diese Tatsachen gelesen habe, geantwortet, er hätte diese schon vorher gekannt. Und was wird er nun machen, mit den „viri probati“ Händchen halten.
    Veränderung, wenn nicht mit, dann ohne Klerus.
    Ich wünsche allen gesegnete Weihnachten.
    Rolf Eberli

  3. Martin Oberholzer-Riss, Prof.em.Dr.med.Dr.h.c.

    Sehr geehrter Herr Pater Ludin,

    ich verstehe Ihre Wut und Ihren Zorn gegenüber den Verantwortlichen der Römisch-katholischen Kirche, sei es in Rom oder bei uns in den Diözesen der Schweiz.

    Dennoch: Ich sehe den vernünftigen Weg allein im Dialog und nicht in einer Revolution oder gar in einem Austritt aus der Kirche. Jetzt sind Gelassenheit und Weisheit gefragt.

    Mein Vorschlag: Die von Ihnen zitierte Tagsatzung soll‘ sich doch neu konstitutieren mit neuen Persönlichkeiten. Es macht keinen Sinn, immer die gleichen Personen in allen katholischen Gremien der Schweiz anzutreffen. Die Tagsatzung könnte eine Synode 20 – analog der Synode 72 – für Laien organisieren und einberufen. Diese Synode 20 würde ein Dokument ausarbeiten, welches zur Vernehmlassung in den verschiedenen Pastoralräumen der Römisch-katholischen Kirche zirkulieren würde. Dieses Dokument würde dann an die Bischofskonferenz der Schweiz übergeben. Selbstverständlich müsste die Synode 20 Kontakte nicht nur zur Pastoral sondern auch zu den theologischen Fakultäten aufbauen.

    Die Synode 20 müsste ein sehr gutes Kommunikationskonzept entwickeln und systematisch an die Öffentlichkeit treten oder ein wenig provozierender ausgedrückt: auf die Strasse gehen. Ein nicht unbedeutendes Beispiel: Warum lassen es die Katholiken oder überhaupt die Christen ohne Widerspruch zu, was in den letzten Jahren aus der Weihnachtsgeschichte gemacht worden ist? Warum erheben sie nicht die Stimme für einen sozialen Kapitalismus (Paul Collier, 2019)? Zu diesem Thema ist alles wissenschaftlich vorgedacht. Wir müssten nur zugreifen.

    Ich bin überzeugt, dass eine solche Bewegung Fuss fassen würde. Ohne einen solchen Prozess der Begegnung, des Nachdenkens, des Studiums von biblischen Grundlagen, des Niederschreibens der Ideen («Schreiben ist Arbeit am Gedanken») und schussendlich der Arbeit mit dem Werkzeug des kritischen Rationalismus (Karl R. Popper) werden wir nur Fronten errichten und deshalb keinen Schritt weiterkommen. Ich möchte mithelfen, Gemeinschaft zu stiften, auch in anspruchsvollen (nicht schwierigen) Zeiten. Ein Austritt aus der Kirche kommt für ich aus diesem Grund überhaupt nicht in Frage. – Ich wäre dabei! Die Tagsatzug soll handeln!

    Mit freundlichen Grüssen
    Martin Oberholzer-Riss

  4. Agatha Gachnang-Dekker

    Ja, mulieres probatae und erst recht Klosterfrauen – welche je eine Weihung erhalten haben -, sollen vorgehen können in der Eucharistie . Die Bindung der Sakramentenspende an den geweihten Priester kann ohne weiteres gelockert werden. Wenn auch Frauen offiziell Gott vertreten können (salopp gesagt) hat dies einen starken Symbolgehalt mit Ausstrahlung über die Christenheit , andere Religionen und Atheisten hinaus. Synode 20 finde ich ein erreichbares Ziel!

  5. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Oberholzer-Riss!

    Der nachfolgend zitierte Satz aus Ihrem Beitrag, hat mich geradezu amüsiert, weil er – scheinbar nebensächlich – ein Hauptproblem skizziert, und zwar:
    „Es macht keinen Sinn, immer die gleichen Personen in allen katholischen Gremien der Schweiz anzutreffen.“

    Dazu:
    In einer weitbekannten Krimiserie aus GB wird eine ähnliche Situation so beschrieben: „Es sind immer dieselben Geier, sie sitzen jeweils nur auf anderen Ästen.“

    Persönlich kenne ich das Problem aus der Beschäftigung mit einer strikten politischen Anschauung: Dort haben zehn Leute ein Ziel, sie gründen dafür nicht einen Verein, sondern zehn Vereine; jede Person von diesen zehn Personen ist in jedem Verein Mitglied. Bei den allfälligen (gleichartigen) Resolutionen haben in zehn Vereinen je zehn Stimmen für eine Sache votiert; das macht einhundert Stimmen – und in der Öffentlichkeit Eindruck. Es sind aber nur zehn Personen.

    [ Hubert Krebser, ex exex exex exex exex 16740501; 47°29‘50.40“ N – 8°31‘11“ O ]

  6. In der Schweiz und in Deutschland herrscht Gott sei dank Religionsfreiheit. Wer sich in der katholischen Kirche nicht mehr wohl fühlt, kann doch austreten und seine eigene Kirche gründen. Aber er soll bitte mir meine katholische Kirche unverfälscht lassen, wie ich sie weiterhin haben möchte. Meine Familie und ich haben auch ein Recht auf Religionsfreiheit.

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