Wenn sich religiöse Frauen begegnen

Eine Mutter, die dafür besorgt ist, dass die Kinder Sprache und Rituale der «alten», hinduistisch geprägten Heimat kennen und befolgen. Eine Familie, die die Mädchen mehr kontrolliert als die Buben. Die Erfahrung, dass man dafür in der Schule «Gas geben» kann. Dies sind nur einige Erfahrungen, die Frauen, «Secondas», bewegen und die beim Interreligiösen Frauenparlament zur Sprache kamen.

 

Von Sabrina Durante

 

Suzanne Schild, Zeinab Ahmadi und Laavanja Sinnadurai beim 4. interreligiösen Frauenparlament (Foto: Sabrina Durante)

Rund 50 Frauen aus allen Altersgruppen und aus verschiedenen Religionsgemeinschaften trafen sich Ende August zum 4. Interreligiösen Frauenparlament im Haus der Religionen in Bern. Zwischen Inputs, Gruppendiskussionen und Poetry Slam ging es um die Frage, welche Rolle religiöse Frauen in einer pluralen Gesellschaft einnehmen können.

«Ich kann nicht gegen das System kämpfen, also muss ich mich selbst ändern»

 

Was bedeutet es, in der hinduistischen Diaspora aufzuwachsen? Die erste Rednerin ist Laavanja Sinnadurai, eine junge «Seconda» aus Sri Lanka. Mit erfrischender Offenheit teilt sie ihre Erfahrungen: eine Mutter, die dafür besorgt ist, dass die Kinder Sprache und Rituale der «alten» Heimat kennen und befolgen. Eine Familie, welche die Mädchen mehr kontrolliert als die Buben. Die Erfahrung, dass man dafür in der Schule «Gas geben» kann, und dass dies der Emanzipation förderlich ist. «Ich kann nicht gegen das System kämpfen, also muss ich mich selbst ändern», realisierte sie im Laufe der Zeit. Als Mediatorin und Kulturelle Vermittlerin hilft sie heute anderen Menschen, mit ihrem persönlichen kulturellen Spagat zurechtzukommen. Der hinduistischen Gemeinschaft ist sie übrigens treu geblieben und setzt sich dort für mehr Gleichberechtigung ein.

«Die Frau ist die erste Lehrerin von Mitgefühl»

 

In den 20 Jahren, die T. Dolma Sumukkha in der Schweiz verbracht hat, konnte sie mitverfolgen, wie sich das Rollenbild der Frauen in der tibetischen Gesellschaft grundlegend änderte – nicht zuletzt durch den Einfluss des Dalai Lama. «Die Frau ist die erste Lehrerin von Mitgefühl», sagt das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, und so sieht auch Dolma ihre Rolle als Glaubensvermittlerin für ihre Familie, die nur sehr selten den Weg in das einzige tibetische Kloster der Schweiz auf sich nehmen kann.

 

«Muss man die muslimische Frau retten?»

 

«Muss man die muslimische Frau retten?» fragte Zeinab Ahmadi, Leiterin Bildung im Haus der Religionen, in ihrer Reflexion, wie in einer postkolonialen Gesellschaft die Identität als Muslima gelesen wird: als Opfer, als Unterdrückte? Dieses Bild, so Ahmadi, werde mit der aktuellen Berichterstattung über Afghanistan in den Medien noch mehr zementiert. Sie sieht ihre Aufgabe darin, diese Diskurse wieder vielstimmiger zu machen, Menschen, die etwas zu sagen haben, Platz zu geben. Wie? Indem sie einerseits Räume und Netzwerke für junge Musliminnen aufbauen hilft, andererseits auch transreligiöse Räume der Begegnung für Frauen, in denen offene Gespräche möglich sind, ermöglicht und anbietet.

Identitäten wie Halsketten

 

Die 63-jährige Christin Suzanne Schild ist siebenfache Mutter und mehrfache Grossmutter. Sie ist Pflegeassistentin, Kulturmanagerin und Theologin. Sie verbrachte ihre Jugend in Kamerun und mehr als die Hälfte ihres Lebens in der Schweiz. Ihre verschiedenen Identitäten sieht sie als «Halsketten», die sie eine über der anderen anzieht: An die einen muss man sich zuerst gewöhnen, und manchmal werden sie zu schwer. Trotzdem gehören alle zu ihr und machen sie zu dem Menschen, der sie ist. «Wir Frauen unterschätzen unsere Wirkkraft», findet sie. «Wir sind das Licht der Welt, und unsere Verantwortung ist es, zum Wohl der Gesellschaft beizutragen. Nicht Opfer, sondern Vorbilder wollen wir sein».

 

Vier Frauen, vier Religionen, zwei Generationen: die Rednerinnen am interreligiösen Frauenparlament machten exemplarisch die religiöse und kulturelle Vielfalt in unserem Land deutlich, die Vorurteile und Schwierigkeiten, mit denen sie im Alltag konfrontiert sind. Zugleich zeigten sie aber auch Wege auf, zu einer toleranteren Gesellschaft beizutragen. Und sie machten jede auf ihre Weise klar, dass Religion als Identitäts- und Kraftquelle dienen kann.

 

 

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