Auf den Spuren von Religionen und Kulturen in Ostdeutschland vom 24. bis 29. September 2024

aufbruch-Lesereise mit Redaktor Wolf Südbeck-Baur und Gian Rudin, Theologe und Kulturwissenschaftler, zu ausgewählten Perlen im Osten Deutschlands in der Schnittmenge von Religion, Politik und Literatur

Der aufbruch ist eine besondere Zeitschrift. Deshalb darf eine aufbruch-Reise auch etwas Besonderes sein. Es geht darum nicht um touristisches »Abhaken«, sondern um das Verstehen von Wechselwirkungen von Gesellschaft, Politik und Religion. Unsere Reise bewegt sich darum auch abseits klassischer Touristenrouten und besticht durch ein vielfältiges Programm. Dabei tauchen wir ein ins Mittelalter und beschäftigen uns mit der Spiritualität der Zisterzienser ebenso wie mit der Drachentöterlegende rund um den Heiligen Georg. Zudem beschäftigen wir uns selbstverständlich mit zeitgenössischen Fragen. So betrachten wir auf der Fahrt in Richtung Chemnitz, wie die AfD einen nationalen Opfermythos kultiviert. Darüberhinaus lernen wir die kulinarischen Feinheiten unserer Reiseziele kennen. Auf der Reise machen wir immer wieder halt bei UNESCO Welterbestätten. Dabei erfahren wir, wie in dieser Institution nationale Eigenheit und universelle Geltung miteinander verknüpft sind. Entsprechend stellen thematische Impulse die bleibende Bedeutung etwa von Maulbrunn und die Wartburg in einen grösseren Zusammenhang.

Impulse

Die zisterziensische Reform

Der Zisterzienserorden und seine neuen Bauten richteten ein besonderes Augenmerk auf Einfachheit und Funktionalität. Der Raum sollte die Betenden ohne Ablenkung auf Gott hin ausrichten. Auch in der Spiritualität vollzog sich ein Umbruch, die Körperlichkeit des Menschen wird zum Bezugspunkt spiritueller Erfahrung, wie uns ein Blick auf Bernhard von Clairvaux vor Augen führt.

Der Heilige Georg und seine kulturelle Bedeutung

Die Verehrung des Heiligen Georg hat kulturprägende Kraft entwickelt. Im Spätmittelalter trugen die kombinierten Ideale von Ritterlichkeit und Heiligkeit zu vielfältiger Legendenbildung bei. Auch in den Bildern von Wassily Kandinsky spielen Reiterfiguren eine entscheidende Rolle. Das bekannte Ritterstandbild beim Bamberger Dom St. Peter und Georg gehört ebenfalls in diese Wirkungsgeschichte.

Die spirituelle Bedeutung der 14 Nothelfer

Seit dem Mittelalter blüht die Verehrung der 14 Nothelfer. Diese beliebten Volksheiligen befriedigen das Bedürfnis grosser Bevölkerungsteile nach lebensnaher Glaubenspraxis. Die Legenden der Nothelfer zeigen uns, die wir unsere persönlichen Wunden verwandeln können und aus ihnen Potentiale für ein gelungenes Leben schöpfen dürfen.

Luthers Mystik

Martin Luther war tief in der Frömmigkeit und Mystik seiner Zeit verwurzelt. Dies zeigt sich an der Bedeutsamkeit seines Beichtvaters von Staupitz, aber auch an der anonym überlieferten Schrift «Theologia deutsch», worin sich das Gnadenverständnis des Reformators bereits anbahnt.

Die Geburt des Deutschen Idealismus

Die Universität Jena ist eine Keimzelle der Philosophie des Deutschen Idealismus. Dabei ging es darum, die Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in einem System zu vereinigen. Dieses Denken stand auch in Wechselwirkung mit der romantischen Literatenszene, welche ebenfalls inJena zur Blüte gelangte.

Friedrich Nietzsche und das Christentum

Schriften wie «Der Antichrist» oder «Ecce homo», welche mit dem Ausruf «Dionysius gegen den Gekreuzigten» endet, zeigen die polemische Nähe Nietzsches zum Christentum. Was für Potentiale schlummern in Nietzsches Philosophie, welche vielleicht auch zu einer Erneuerung des christlichen Glaubens beitragen können?

Der Hallische Pietismus

Die Sozialwerke der Frankeschen Stiftungen sind eng mit dem Pietismus verbunden. In der der Spielart, wie sie von Hermann August Francke 1663-1727) vertreten wurde, spielt die persönliche und einmalige Bekehrung eine wesentliche Rolle. Seine Erziehungsmethode beruht auf dem Erzählen biblischer Geschichten und dem Lernen anhand von persönlichen Vorbildern und man kann ihr auch für heutige pädagogische Herausforderungen etwas abgewinnen.

Das Bauhaus

Seit seiner Gründung in Weimar entwickelte sich das Bauhaus zum Inbegriff der Moderne. Dabei spielt die Vorstellung des Gesamtkunstwerkes eine tragende Rolle. Vergleichbar zur mittelalterlichen Dombauhütte geht es um eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk. Die Nazis verunglimpften das neue Bauen als «Wüstenarchitektur» und rechneten es der entarteten Kunst zu. Viele Bauhaus-Protagonisten fanden in Tel Aviv – die israelische Stadt wurde 1909 gegründet – neue Möglichkeiten der schöpferischen Tätigkeit und bauten dort an der «Weissen Stadt».

Spielarten des Marxismus

Karl Marx hat in seinen Schriften eine fundierte Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse in den Zeiten der Industrialisierung vorgelegt. Politisch wurde der Marxismus weiter entfaltet und hat totalitäre Züge hervorgebracht. Anhand von Beispielen wie Trotzkismus und Maoismus werden wir uns mit der Wirkungsgeschichte von Karl Marx beschäftigen.

Richard Wagners Kunstreligion

Mit seinem Bühnenweihfestspiel «Parsifal» hat Richard Wagner etwas Einmaliges geschaffen. Kunst in der Form des Rituals. Explizit hat er dazu angeleitet, dass dieses Stück nur in dem dafür angefertigten Festspielhaus in Bayreuth aufgeführt werden soll. Friedrich Nietzsche klassifizierte am Schluss seines Lebens die Kunst von Wagner als dekadent und begründete dies auch mit der Wende Wagners zum Religiösen.

Reiseverlauf

1. Tag: Basel – Maulbronn – Bamberg

Der Zisterzienserorden lag in seiner Reform besonders Wert auf Einfachheit und Funktionalität. Der Raum sollte die Betenden ohne Ablenkung auf Gott ausrichten. Auch in der Spiritualität vollzog sich ein Umbruch.

In Maulbronn (UNESCO) befindet sich eine der eindrücklichsten Klosteranlagen im nördlichen Alpenraum. Hier fanden verschieden mittelalterliche Baustile zueinander. Auf dem Weg nach Bamberg, einem Wirkort des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmann, beschäftigen wir uns mit der Faszinationskraft des Unheimlichen. In Bamberg erwarten uns der eindrucksvolle romanische Dom St. Peter und St. Georg inmitten der Altstadt (UNESCO).

2. Tag: Bamberg – Vierzehnheiligen – Wartburg – Erfurt

Die Basilika der Heiligen Vierzehn Nothelfer in Bad Staffelstein wurde vom Meister des süddeutschen Barocks, Balthasar Neumann, entworfen. Welche spirituelle Bedeutung haben die Vierzehn Nothelfer für die heutige Zeit? Auf der Wartburg (UNESCO) treffen wir auf ein deutsches Nationalsymbol und beschäftigen uns mit den Quellen der Spiritualität Martin Luthers. Zudem soll Elisabeth von Thüringen (1207-1231) auf der Burg gelebt haben. Am späten Abend erreichen wir Erfurt (UNESCO) und bummeln durch die Stadt.

3. Tag: Erfurt – Jena – Naumburg

An der Universität Jena befindet sich die Keimzelle der Philosophie des Idealismus. In welchem Zusammenhang stand dieses Denken mit der romantischen Bewegung? Auf der Weiterfahrt nach Naumburg lassen wir uns auf das Denken von Friedrich Nietzsche ein und dessen Konsequenzen und Potentiale für das Christentum. Ein Abstecher zu seinem Wohnhaus darf nicht fehlen. Im Dom von Naumburg (UNESCO) lassen wir uns von der lebensechten Bildhauerkunst des Naumburger Meisters verzaubern.

4. Tag: Naumburg – Halle (Saale) – Dessau

Im Geist seiner pietistischen Frömmigkeit gründete August Hermann Francke (1663-1727) in Halle (Saale) die nach ihm benannten Stiftungen (UNESCO Tentativliste) und reformierte so die Pädagogik. In einer Begegnung vor Ort gehen wir auf Tuchfühlung mit dieser Spielart protestantischer Frömmigkeit. In der ehemaligen Residenz der Magdeburger Erzbischöfe besuchen wir das Kunstmuseum Moritzburg. Eine aktuelle Ausstellung widmet sich der Verarbeitung von Krieg und Gewalt anhand der Werke von Sandra del Pilar. Am Nachmittag besuchen wird in Dessau den Bauhauskomplex (UNESCO) und erleben einen Ursprungsort moderner Architektur.

5. Tag: Leipzig -Chemnitz – Bayreuth

Am Völkerschlachtendenkmal in Leipzig lässt sich die Vorstellung einer nationalen Erinnerungskultur vergegenwärtigen. Nach dem Besuch des imposanten Bauwerks fahren wir nach Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt und befassen uns mit den verschiedenartigen Ausprägungen des Marxismus in kommunistischen Staaten. Das Karl-Marx-Monument ist nach der Sphinx der zweitgrösste freistehende Kopf auf dem Globus. Am Schornstein des Heizkraftwerks Chemnitz-Nord lässt sich wunderbar die Idee hinter der Konzeptkunst erläutern. In der Kunstsammlung amTheaterplatz beschäftigen wir uns mit dem Werk von Karl Schmidt-Rottluff, einem Vertreter der expressionistischen Künstlergemeinschaft «DieBrücke». Nach dem Abendessen Weiterfahrt nach Bayreuth.

6. Tag: Bayreuth – Basel

Das Markgräfliche Opernhaus (UNESCO) gilt als das wohl am besten erhaltene Theatergebäude des Barock. Wir besuchen zudem das Wagner-Museum und tauchen ein in sein kunstreligiöses Verständnis, wie dies beispielhaft in seinem Bühnenweihfestspiel «Parsifal» aufscheint. Beim Denkmal des Dichters Jean Paul hören wir Auszüge aus seiner «Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sey» und haben so einen Impuls, uns auf der Heimfahrt mit der literarischen Verarbeitung der Apokalypse zu beschäftigen.

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