«Ich glaube, mir fehlt der Glaube»

Am 17. April fand in der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich die Vernissage mit Podiumsdiskussion zum soeben erschienenen Buch «Ich glaube, mir fehlt der Glaube» von Michelle de Oliveira statt. Die Veranstaltung war gut besucht und stiess auf reges Interesse.

Von Christian Urech

Das Buch

Eine Yogalehrerin, eine queere Pfarrerin, ein Atheist, eine Astrologin, eine buddhistische Nonne, eine Astrophysikerin, ein junger Katholik, der im Kloster lebt, und viele mehr – sie alle hat die Journalistin Michelle de Oliveira nach ihrem Glauben, ihren Zweifeln, nach ihrer Spiritualität und ihrem Weg hin zu oder weg von Gott befragt. Denn nicht nur in der Schweiz, auch weltweit boomen moderne wie traditionelle Formen von Spiritualität. Warum? De Oliveira hat Fragen und ist auf der Suche nach Antworten. Vierzehn persönliche Gespräche über das Leben und den Glauben, über Altbackenes und Neuentdecktes. Vierzehn Texte darüber, wie moderne Spiritualität ist und sein könnte.

Michelle de Oliveira
Ich glaube, mir fehlt der Glaube
14 Gespräche über Religion, Glaube und Spiritualität
Pano Verlag
2024, 232 Seiten, Paperback mit Farbfotografien
ISBN 978-3-290-22071-6
CHF 29.80 – EUR 29,80

Hinweis in eigener Sache: Ein ähnliches Buch ist 2015 unter dem Titel «Wie hast du’s mit der Religion? Gespräche über Gott und die Welt» erschienen. Die Autor:innen sind alle ehemalige und gegenwärtige aufbruch-Redaktor:innen: Benno Bühlmann-Villiger, Martina Läubli und Wolf Südbeck-Baur. Wer kenn sie nicht, die berühmte «Gretchenfrage» in Goethes Faust: «Nun sag, wie hast dus mit der Religion?» – eine Frage, die heute so aktuell ist wie eh und je. Für das vorliegende Buch haben sich die Autor:innen dieser bedeutsamen Fragestellung angenähert und mit 27 Persönlichkeiten «Gespräche über Gott und die Welt» geführt. Bekannte Schweizer Schriftsteller wie Peter Bichsel, Lukas Hartmann, Franz Hohler, Eveline Hasler, Charles Lewinsky und Peter Stamm sind dabei ebenso vertreten wie die Clownin Gardi Hutter, der bekannte Schweizer Mundart-Rocker Polo Hofer oder engagierte Politker:innen wie Maya Graf, Josef Lang und Jean Ziegler. Sie alle geben in den Gesprächen einen spannenden, biografisch geprägten Einblick in ihr persönliches Verhältnis zu Religion, Gott und Spiritualität. Für alle, die Sinn und Tiefe des Lebens auf der Spur sind, bietet dieses Buch vielfältige Anregungen zum Nachdenken über existenzielle Fragen. Ein gehaltvolles Buch, das auch als Geschenk bestens geeignet ist! Gebunden, Hardcover, 206 Seiten, db-Verlag, CHF 24,80.

Die Autorin

Michelle de Oliveira (38) wächst katholisch auf. Erwachsen merkt sie: Die Kirche passt nicht zu ihr – und sie tritt aus. Aber es fehlt ihr etwas, sie beginnt, sich mit ihrem Glauben zu beschäftigen. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben: «Ich glaube, mir fehlt der Glaube».

Es sind die Fragen ihrer Kinder, die sie zum Nachdenken bringen. Woher kommen wir? Wer hat uns gemacht? Michelle de Oliveira weiss selbst nicht, was sie eigentlich glaubt. Sie fängt an, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Sie fragt sich: «Habe ich überhaupt einen Glauben?» Unbewusst sei sie wohl schon immer auf der Suche gewesen. Seit sie 2017 aus der katholischen Kirche ausgetreten ist.

Die 38-Jährige wächst in Zug römisch-katholisch auf. Nicht weil ihre Eltern sehr religiös sind, sondern weil «man das einfach so machte». Taufe, Erstkommunion, Firmung. Das stellt sie nicht infrage, weil, wieder: «Das machte man einfach so.» Die Kirche und den Katholizismus stellt sie das erste Mal infrage, als sie mit ihrer Familie in der Kirche den Rosenkranz für ihren verstorbenen Grossvater betet. «Ich bin ein Sünder und muss um Vergebung bitten» – das stimmte für sie nicht. De Oliveira ist Ende 20 und spricht mit ihren Eltern darüber. Auch die Mutter hat Zweifel. Nicht am Glauben, aber an der Institution Kirche. 32-jährig tritt de Oliveira schliesslich aus der römisch-katholischen Kirche aus.

«Das war kein grosser Akt für mich. Ich wollte es einfach erledigt haben», sagt sie. De Oliveira ist «diesen alten Zopf los», suchend ist sie noch immer. Sie fühlt sich oft orientierungslos, wünscht sich Sicherheit, etwas, an dem sie sich festhalten kann. Sie bastelt sich aus spirituellen Praktiken ihren eigenen Glauben zusammen. Doch das braucht grossen Effort – und vor allem befriedigt es de Oliveira nicht wirklich. Auf der Suche nach Antworten kommt ihr die Idee für ein Buch. «Das Thema hat sich mir aufgedrängt», sagt de Oliveira. Sie ist sich sicher, dass viele die gleichen Fragen haben wie sie. Ihr Buch «Ich glaube, mir fehlt der Glaube. 14 Gespräche über Religion, Glaube und Spiritualität» erschien Mitte März. Dort schreibt die 38-Jährige: «Ich stehe am Anfang meiner Glaubensreise.»

Nach wie vor geht de Oliveira gerne in eine Kirche und zündet eine Kerze an. «Darf ich das? Ich bin ja ausgetreten?», fragt sie sich dann. Warum sie sich trotz Kirchenaustritt hin und wieder in eine Kirchenbank setzt, beschreibt sie wie folgt: «Es ist das Gefühl der Ruhe. Ich kann durchatmen. Ich kann hinhören, was mich beschäftigt, und auch etwas deponieren. Ich spüre eine Energie und die Anbindung an etwas Höheres, das ich nicht fassen kann.»

Michelle de Oliveira will glauben, sie weiss bloss noch nicht was. Ein Leben ohne zu glauben, dass es etwas Höheres gibt, will sie nicht. Es sei schöner, zu glauben, dass es etwas gibt. Dass sie in einem grossen Ganzen aufgehoben ist. «Das kann ich jetzt zulassen und sagen.» Ihre Glaubensreise öffentlich zu machen, war ihr zuerst unangenehm. Wie reagiert ihr Umfeld? Wird sie als Esoterikerin abgestempelt? Als naiv? Diese Bedenken hat sie überwunden. Auch weil sie sich sicher ist, dass viele offene Fragen haben und nicht wissen, ob sie glauben und woran sie glauben.

Michelle de Oliveira wohnt seit zwei Jahren mit ihrer Familie in Portugal.

Die Veranstaltung

Im Gespräch mit Stephan Jütte, Leiter Theologie und Ethik der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), loteten Mirjam Haymann (Jüdin, Yogalehrerin), Kathrin Awi (Designerin, Medium), Dorothea Lüddeckens (Professorin für Religionswissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich) und Michelle de Oliveira (Journalistin) ihren (Nicht-)Glauben aus. Es ging um Zweifel und Vertrauen, um Spiritualität und den Weg hin zu oder weg von Gott.

Die sehr lebendige, spannende und anregende Diskussion drehte sich um die verschiedenen Spannungsfelder, die sich durch die Begriffe «Religion» und «Spiritualität» auftun: Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen «Wohlfühl-Spiritualität» und «religiöser Disziplin», zwischen Sicherheit und Beheimatung in Traditionen und dem mit Unsicherheit verbundenen spirituellen «Aufbruch ins Offene». Die Journalistin und die Religionswissenschaftlerin reflektierten ihre Doppelrolle als distanzierte Beobachterinnen von aussen und ergriffene Beteiligte, wobei der Journalistin mehr kreative Freiheiten im Umgang mit dem Thema zugestanden werden als der Wissenschaftlerin, die an die methodischen Vorgaben ihrer Disziplin gebunden ist.

Worin sich alle einig sind: Das Thema bewegt heute viele und zwar durch alle Bevölkerungschichten hindurch, das zeigte sich auch an dem zahlreich erschienenen Publikum, das etwa zu gleichen Teilen aus Jungen und Alten, Männern und Frauen bestand. Ebenso einig sind sich die Teilnehmenden, dass Religion und Glauben positive wie negative Potenziale hat: Im guten Fall erhöhen und verbessern sie die Lebensqualtät des Menschen und machen ihn frei, während im schlechten Fall die religiöse Praxis mit Machtmissbrauch, Intoleranz und Dogmatismus verbunden ist. Ebenso klar ist für die Runde, dass verschiedene Wege zum Glauben führen, dass aber die vom Individuum zusammengebastelte Patchworkreligion Herausforderungen und sogar Gefahren in sich birgt. Es drohen Beliebigkeit und mangelnde Ernsthaftigkeit, Religion droht zum Lifstyle-Gaget zu verkommen. Mirjam Haymann, die Yogalehrerin, ist dezidiert der Meinung, dass religiöse und spirituelle Entwicklung Selbstdisziplin und harte Arbeit voraussetzen. Das Wort Yoga stammt aus der altindischen Sprache Sanskrit und wird wörtlich mit «Joch» übersetzt. Ein Joch ist das Zuggeschirr, welches Ochsen verbindet, die einen Wagen ziehen. Somit bedeutet Yoga zwar «Verbindung, Vereinigung und Einheit», aber auch Anstrengung. «Yoga zu üben, ist nicht lustig», sagt Mirjam Haymann. Ähnliches gilt wahrschienlich auch für den Zenbuddhismus, der mit stundemlangem Sitzen in der immer gleichen Position verbunden ist. Man probiere es ruhig mal aus. Spätetstens nach zehn Minuten hat man das dringlichste Bedürfnis, seine Position zu verändern (hübsch nachzulesen im sehr empfehlenswerten Buch «Yoga» von Emmanuel Carrère).

Von links nach rechts: Kathrin Awi, Dorothea Lüddeckens, Stephan Jütte, Michelle de Oliveira, Mirjam Haymann. Stehend: Patrick Schwarzenbach, Pfarrer an der Offenen Kirche St. Jakob.

Mirjam Haymann bringt ein Beispiel aus dem Judentum: Orthodoxe Juden verrichten am Schabbat keine Tätigkeiten, die gemäss der Halacha als Arbeit (hebräisch מלאכה Melacha) definiert sind. Also auch kein Handy, keine Mails, keine Ablenkung. Das mag manchem als schwieriger Verzicht erscheinen, kann aber auch als Möglichkeit erkannt werden, aus dem Hamsterrad auszusteigen.

Kathrin Awi war eine erfolgreiche Designerin und ist heute als Medium tätig. Sie ist mit einem Mann aus Ghana verheiratet und hat sechs Jahre in Ghana gelebt. Dort hat sie eine ganz andere Haltung zu Religion und Spiritualität kennengelernt als in der Schweiz. In Ghana gehört der Glaube ganz selbstverständlich zum Alltag. Bis heute haben sich reine Formen der traditionellen Religionen gehalten, doch auch Mischformen aus Christentum oder Islam mit Elementen der traditionellen Religionen (Synkretismus) sind häufig. In den traditionellen Religionen gibt es in der Regel ein höchstes Wesen, welches aufgrund seiner Mächtigkeit zu sehr respektiert wird, als dass es sich für die alltägliche Anbetung eignet. Vielmehr werden kleinere, häufig lokal sehr eingegrenzte Gottheiten verehrt, um als Mittler zwischen den Menschen und dem höchsten Wesen zu fungieren.

Die Ahnen und Geister gehören neben den Göttern selbstverständlich zur Religion und werden respektiert und verehrt. Für die Ghanaer hängt ihre spirituelle Welt an vielen Stellen mit der realen Welt zusammen. So kann ein verärgerter Gott durchaus eine Krankheit, Dürre oder gar den Tod verursachen. Die Ahnen werden häufig um ihren Beistand gebeten und sollen Reichtum bringen. Sie gelten als nächste Verbindung mit der spirituellen Welt und haben daher eine besondere Rolle für die gläubigen Menschen. Der traditionelle Glaube teilt den Ahnen zudem die Rolle der Überwacher und Lenker zu. Die Konfrontation mit dieser Art der religiösen Praxis hat es Kathrin Awi ermöglicht, zu ihrer medialen Begabung zu stehen und sie zur Grundlage ihrer beruflichen Tätigkeit zu machen.

Michelle de Oliveira hat bewusst darauf verzichtet, in ihre Beschreibung von Lebensläufen solche Menschen aufzunehmen, die extreme oder destruktive Formen der Religionspraxis ausüben. «Ich wollte diesen Menschen keine Plattform bieten», erklärt sie.

Mein Fazit des Abends: Der Weg zum Glauben und zur Auseinandersetzung mit den sogenannten «letzten Fragen» ist schwieriger, aber auch spannender geworden im Vergleich zu vergangenen Zeiten. Das verunsichert die einen und eröffnet den anderen neue Möglichkeiten. Und bedeutet für die institutionelle Religion zweifellos eine grosse Herausforderung.

4 Gedanken zu „«Ich glaube, mir fehlt der Glaube»“

  1. Glaube – ob religiös oder profan – kann geistige Heimat sein. Sie bietet Lebensqualität und kann auch eine bedeutende Ressource sein für das Gesundwerden und Gesundbleiben nach Krankheit oder Unfall. Jener Glaube ist der Richtige, der dem individuellen Gläubigen hilft und der Gesellschaft mindestens keinen Schaden zufügt. In meiner Lebens- und Berufserfahrung erwies sich der Glaube an die Empathie (Nächstenliebe) und an die Solidarität als besonders hilfreich. Mein Wunsch ist, dass sich das Christentum in Richtung eines christlichen Humanismus weiterentwickelt. Jesus hat nicht nur gepredigt, sondern auch gezeigt, welche Wirkungen mit Liebe und Solidarität erzielt werden können. Die wissenschaftliche Erforschung des Lebens Jesu zeigt, dass Jesus Jude war und als aufmüpfiger Jude am Kreuz gestorben ist. Wir Christen sollten deshalb mehr auf die Leistungen von Jesus fokussieren, die er während seiner zwei- bis dreijährigen öffentlichen Tätigkeit vollbracht hat, als auf sein Leiden und seinen Tod. Die Narrative, die sich nach Jesu Tod entwickelt haben, schätzen wir als Zeugen der Religions- und Geistesgeschichte. Aber für die praktische Lebensgestaltung sind Empathie und Solidarität wichtiger als dogmatische Konstrukte.

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  2. Das Zitat: „Wir Christen sollten deshalb mehr auf die Leistungen von Jesus fokussieren, die er während seiner zwei- bis dreijährigen öffentlichen Tätigkeit vollbracht hat, als auf sein Leiden und seinen Tod. .“

    Diese Zeilen sprechen mir sehr aus dem Herzen. Danke! – Beim Lesen erinnere ich mich an ein kurzes Gespräch im Anschluss an ein Treffen vorwiegend katholischer Frauen mit einem Mann mittleren Alters. Plötzlich stand da die Frage nach der Konfession im Raum, die er sehr geschickt beantwortete: „Ich bin Christ und zahle katholische Kirchensteuer“. Aha! – Das beinhaltet doch sehr viel mehr als zu sagen, er sei katholisch.

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  3. Beim Lesen des sehr interessanten Artikels bin ich über diese Zeilen gestolpert: Nach wie vor geht Frau de Oliveira gerne in eine Kirche und zündet eine Kerze an. Sie fragt sich dann: „Darf ich das? Ich bin ja ausgetreten?“ Wenn sie sich hin und wieder in eine Kirchenbank setzt, gibt ihr das ein Gefühl der Ruhe. Sie kann durchatmen, hinhören, etwas deponieren. Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen, denn mir geht das genau so. Nur bin ich selber nicht aus der Kirche ausgetreten. Ich weiss, was der Unterhalt einer Kirche kostet und dass das nicht alles gratis zu haben ist. Wir sehen, wie die reformierte und katholische Kirchen sich immer mehr mit dem Thema von Kirchenschliessungen (Umnutzung, Verkauf) auseinander setzen müssen. Wollen wir wirklich, dass es dereinst in den Städten in den Kirchen noch mehr Restaurants o. ä. gibt und anderweitige Umnutzungen stattfinden müssen und die Orte der Besinnung dadurch vollständig verschwinden? Ich weiss, meine Zeilen mögen vielleicht zu sehr nach Kosten-Nutzen-Rechnung tönen, aber in der Konsequenz ist es halt doch so, dass je mehr Leute aus den Kirchen austreten, je weniger Kirchen effektiv noch unterhalten werden können. Das sollte man sich einfach immer bewusst sein.

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