Ist die Einführung einer Impfpflicht ethisch vertretbar?

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Corona-Pandemie ist die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht ein umstrittenes heisses Eisen in der öffentlichen Debatte im Spannungsfeld von Solidarität und Selbstbestimmung. Am 28. November entscheiden die Stimmbürger*innen über das Referendum gegen das COVID 19-Gesetz.

Thomas Beschorner ist Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen

Ja, aber nicht wünschenswert

Von Thomas Beschorner

Die Einführung einer allgemeinen Corona-Impfpflicht wäre die (vergleichsweise) schlechteste Option aus einem breiten Set von Möglichkeiten, um die anhaltende Pandemie besser zu kontrollieren, aber sie ist eine Option, die wir nicht voreilige politisch ausschliessen sollten. Ist sie ethisch vertretbar? Ja. Ist sie wünschenswert? Nein. Ist sie in der aktuellen Situation geboten? Nein. Dazu drei Thesen:

Erstens, Impfen ist keine Privatsache, sondern eine moralische Pflicht, denn die Impfung schützt nicht nur die geimpfte Person, sondern auch andere, da die Übertragung des Virus vergleichsweise geringer als bei Nicht-Geimpften ist. Unterschiedliche Ethiken – kantianische, utilitaristische, auch theologische – stützen diese Argumentation.

Auf dieser Grundlage kann man, zweitens, fragen, welche Umsetzungsoptionen es für eine derart verstandene Impfpflicht als moralische Pflicht gibt. Möglichkeiten sind vereinfacht und in dieser Reihenfolge: 1) Impfung aus Einsicht und Verantwortung, 2) Anreize/ Sanktionen (z.B. Zertifikatspflicht), 3) gesetzliche Regulierungen. Das u.a aus der katholischen Soziallehre bekannte Subsidiaritätsprinzip hilft bei der Sortierung zu präferierenden Alternativen. Wenn es der oder die Einzelne zu leisten vermag, so möge man sich mit Verordnungen und Gesetzen zurückhalten.

Drittens, wenn sich nicht hinreichend viele Menschen aus Verantwortung impfen lassen und/oder das Impf-Zertifikat bei dem Referendum einkassiert werde sollte, so fielen die Optionen 1) und 2) weg. Und sollte sich die Situation, z.B. aufgrund von weiteren Virusmutationen, Kenntnisse über Long-Covid o.ä. verschärfen, so gäbe es für die Politik nur noch drei alternative Handlungsstrategien: Lockdowns, Impfanreize in höheren dreistelligen Beträgen für die Impfung (die aus Gerechtigkeitsgründen auch für schon Geimpfte zu zahlen wären) oder die Einführung einer allgemeinen Corona-Impfpflicht.

Ersteres würde den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft massiv gefährden, die zweite Option wäre sehr, sehr teuer. Wer die dritte Option politisch kategorisch ausschliesst, handelt entweder aus Unwissenheit, populistisch oder verantwortungslos.

7 Kommentare:

  1. Wie verhält es sich bezüglich der Nebenwirkungen?
    Ist eine allgemeine Impfpflicht vertretbar, solange die Impf-Nebenwirkungen nicht seriös abgeklärt wurden ?
    Ein wesentlicher Punkt, der m.E. nicht genügend berücksichtigt wird.

  2. Seit Jahren unterstütze ich eine Organisation, die dafür kämpft, dass wir keine gentechnisch veränderte Pflanzen und Tierwelt haben. Und nun sollte mich der Staat zwingen können, dass ich mir ein gentechnisch hergestelltes Produkt einimpfen lasse? Nein, sage ich, und nocheinmal nein. In diesem frommen Land werden Lieder gesungen, die sagen: Gott hat mich in seiner Hand. Und was ist die Praxis? Null Glauben und Vertrauen. Ich wäre schon längst nicht mehr da, wenn es diese göttlich Kraft und Macht, die beschützen, bewahren und retten kann, nicht geben würde. Mit meinen 70 Jahren habe ich genug Erfahrung und sofort habe ich mich darauf eingestellt.

  3. Ich finde bei allem Verständnis Dinge bis ins Letzte zu analysieren, dass es uns an Zeit fehlt, diese diversen Optionen abzuwarten – handeln ist gefragt, sonst wirds gefährlich für uns alle, sowohl was die Zahlender Ansteckung betrifft, als auch den sozialen Frieden, wenn die Bettenkapazitäten nicht ausreichen und immer mehr Ungeimpfte auf den Intensivstationen liegen. Daher bin ich für eine baldige Impflicht.

  4. Sagen Sie mir bitte, warum nimmt die Pandemie nicht ab? – Die Mehrheit der Leute ist geimpft. Wenn Sie glauben, es liegt an denen die nicht geimpft sind, dann stecken Sie m. E. im Strudel der Medien, die mithelfen, dass Menschen, die aus verschiedenen Gründen diese Impfung nicht wollen, bestraft und mehr und mehr an den Rand gedrängt werden.

  5. Ja ist sie. Die eigene Freiheit hört dort auf, wo ich dem Nächsten schaden könnte. Daher ist es eine machbare persönliche Pflicht, mich so zu verhalten, dass der Nächste keinen Schaden nehmen muss. Daher erachte ich eine Impfpflicht in der gegenwärtigen Pandemie als gegeben. Paul Meier

    • Aus Ihrem Post:
      „Die eigene Freiheit hört dort auf, wo ich dem Nächsten schaden könnte.“ Ich stimme Ihnen zu, meiner aber, dass dieser Satz bezüglich seiner Verbindlichkeit noch Luft lässt, also nicht den vollen Ernst widerspiegelt.
      Auf einem anderen Portal schrieb ein Poster: „Ich muss alles tun, um einem anderen nicht zu schaden. Ich nahm diesen Poster ernst, gab jedoch zu bedenken, dass erst in der Umkehrung der Formulierung das Problem ganz aufscheine, nämlich: „Andere müssen alles tun, damit ich keinen Schaden erleide.“ – Das allgemeine Handeln würde dann von dem / den Ängstlichsten bestimmt.
      Wie steht es also um Kontrolle (Zwang) versus Freiheit; inwieweit ist jeder bereit, für seine Entscheidung persönlich einzustehen?

  6. Wissen Sie nicht, dass der Geimpfte Träger des Corona ist, dass ich von ihm angesteckt werden könnte?

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