Turbulent, pittoresk und mystisch – unsere Leserreise von Avignon nach Barcelona

Die aufbruch-Leserreise führt von Avignon nach Barcelona. aufbruch-Ehrenherausgeber und Reiseleiter Erwin Koller kennt die Geschichten rund um mystische Zisterzienserklöster, trutzige Katharer Burgen und die Gaudi-Kathedrale Sagrada Familia. Der Theologe gibt einen kleinen Vorgeschmack von spannenden Geschichten und Religionsgeschichte in malerischer Umgebung, die die Teilnehmenden vom 2. bis 13. Mai 2022 erwartet. Es sind noch einige wenige Plätze frei.

Interview von Wolf Südbeck-Baur

Erwin Koller, Sie leiten die Leserreise im Mai nach Avignon/Barcelona. Avignon mit der trutzigen Festung des Papstpalstes ist eng verbunden mit dem Avignoner Exil. Warum verlegte der Papst 1309 seinen Sitz nach Avignon (1309-1377)?

Erwin Koller: Das war nicht geplant, sondern Resultat eines Missmanagements. Die Kardinäle hatten zuvor in Rom zehn Monate beraten, wer Papst werden sollte. Im Streit um die Universalität und Vorherrschaft des Papsttums gegenüber dem mächtigen König von Frankreich erhielt keiner die nötige zweidrittel Mehrheit. Auf der Suche nach einem valablen Kompromisskandidaten fiel die Wahl 1305 auf den Erzbischof von Bordeaux Bertrand de Got. Der aber dachte gar nicht daran, zur Inthronisierung nach Rom zu kommen. Vielmehr beschied er den Kardinälen selbstbewusst, sie sollten die Inthronisierung in Lyon vollziehen. Gesagt, getan, und als de Got hoch zu Ross geschmückt mit der päpstlichen Tiara durch die Gassen zog, stürzte eine Mauer in sich zusammen. Der frisch gekrönte Papst Clemens V. stürzte vom Pferd, seine Tiara landete im Dreck. Das deuteten alle als ein schlechtes Omen für seine Regentschaft. Nach einigen Jahren mal in dieser, mal in jener Stadt Südfrankreichs erkor er schliesslich 1309 Avignon zu seiner Residenzstadt mitsamt Kurie, die sich noch raffgieriger entpuppte als zuvor die römische.

Gibt es neben den kunsthistorischen Schätzen dieser Zeit Einflüsse, die auch heute noch für das Verständnis des Christentums von Bedeutung sind?

Klerikale Arroganz bleibt bis heute ein Ärgernis. Päpste meinten, sie stünden über Kaiser und Königen. Denn deren Sünden könnten nur sie kraft ihres Amtes vergeben. Darob versündigten sie sich selber und verrieten ihre eigentliche Aufgabe, Verkünder des Wortes und Seelsorger der Menschen zu sein. Und eine zweite Herausforderung ist ebenso präsent bis in die Gegenwart: Die Überwindung jeglicher Spaltungen unter den Christen.

«Wenn die Bischöfe heute sagen, die katholische Kirche sei keine Demokratie, muss ich feststellen, dass sie die Geschichte der Kirche nicht kennen.»
Erwin Koller

Als Gegenpol hatten Orden wie die Zisterzienser mit ihren Klöstern wie zum Beispiel die Abtei Notre Dame de Sénanque grosse Anziehungskraft für die Menschen. Was wollten die Zisterzienser?

Der Zisterzienserorden war bereits im 11. Jahrhundert gegründet worden mit Reformabsichten gegenüber dem etablierten, reichen Benediktinerorden, der über immensen Grundbesitz verfügte. Dabei kommt dem abgelegenen Ort Sénanque  – sine aqua, ohne Wasser – symbolträchtige Bedeutung zu. Die Zisterzienser-Mönche haben bewusst ein spartanisches, einfaches Leben gewählt und Armut als kollektive Lebensnorm hochgehalten. Zudem kann man die Zisterzienser als Erfinder der Demokratie bezeichnen. Sie hatten bereits 1115 –hundert Jahre vor der Magna Charta von England – demokratische Ordensregeln eingeführt. Das Generalkapitel wählte den Generalabt, kontrollierte seine Macht und setzte ihn ab, wenn er die Ordensregeln missachtete. Wenn die Bischöfe heute sagen, die katholische Kirche sei keine Demokratie, muss ich feststellen, dass sie die Geschichte der Kirche nicht kennen. Demokratie, Mitbestimmung und Mitverantwortung jedes einzelnen Mönchs wurde in diesem Reformorden praktiziert und als die einzig vernünftige Weise betrachtet, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren. Wir sich diese Haltung auch in der Architektur der Zisterzienserklöster widerspiegelt, erleben wir zum Beispiel in der Abbaye de Sénanque. Sie gilt als Wunderwerk der provenzalischen Romanik.

Abbaye de Sénanque

Eine andere Bewegung, die die Welt des Mittelalters in Atem hielt, waren die Katharer. Ihren Spuren folgen wir in der Region um Carcassonne. Was erwartet die Teilnehmenden dort?

Die Katharer haben das Problem von Gut und Böse bearbeitet. Sie sagten, ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen und umgekehrt. Dieses anschauliche Beispiel haben sie auf die Welt übertragen: wenn es das Böse in der Welt gibt, kann es nicht vom guten Gott kommen, sondern muss von einer bösen Kraft stammen. So teilten die Katharer die Welt in Gut und Böse ein. Der Körper war schlecht, die Seele gut. Folglich stuften sie alles, was etwa mit Sexualität zu tun hat, als böse ein. Zölibatäres Leben folgte daraus, denn jeder Zeugungsakt verbreitete das Böse in der Welt. Auch wenn diese dualistische Lehre für uns heute nicht mehr nachvollziehbar ist, wäre das kein Grund gewesen, die Katharer mit grausamer innerchristlicher Verfolgung, Inquisition und Kreuzzug auszurotten. Auf Zeugnisse dieses christlichen Fundamentalismus treffen wir in den Katharer-Burgen. In Quéribus und Cucugnan treffen wir zudem auf die historischen Spuren des heiligen Dominikus (1170-1221).

«Demokratie, Mitbestimmung und Mitverantwortung jedes einzelnen Mönchs wurde im Zisterzienserorden praktiziert und als die einzig vernünftige Weise betrachtet, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren.» 
Erwin Koller
Erwin Koller begleitet die Gruppe während der ganzen Reise und steht gerne für Gespräche zur Verfügung.

Zum Schluss unserer Reise erwartet uns in Barcelona die weltberühmte Sagrada Familia mit der einzigartigen Architektur von Antoni Gaudi. Was ist das Besondere dieser Kathedrale?

Wegen ihrer mystischen Ausstrahlung gefällt mir diese Kirche unglaublich. Die katalanische Renaissance ist dem Überdruss an der neugotischen Ästhetik des 19. Jh. entsprungen und bringt um 1900 den Jugendstil im Modernisme Català zur Vollendung. Der urbane Stil antwortet mit natürlichen und bewegten Bauformen auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die die industrielle Revolution hervorgebracht hat. Gaudí (1852-1926) ist der bedeutendste Architekt des Modernisme. Ihm gelingt es, Weltoffenheit und Sehnsucht nach Modernität mit seiner Baukunst spirituell zum Ausdruck zu bringen. Die Sagrada Familia wird hoffentlich zu seinem hundertsten Todestag vollendet, ein Sehnsuchtsort ist sie schon heute.

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