Trauer, immer wieder anders, jeden Tag aufs Neue

„Es beginnt der Tag./ Er ließ sich nicht umgehen./ Die Pflanzen stranden/ im Licht; reagieren“. Mit diesen kurzen Sätzen startet Anja Utlers Lyrikband. Was hier seinen Anfang findet, wird dann in gut 200 weiteren haikuartigen Gedichten fortgeführt:

Von Anna K. Flamm

„Es beginnt der Tag./ Sichtbar wird das, was sonst auch/ sichtbar war. Nichts hier/ ist sichtbar unterbrochen.“ „Es beginnt der Tag/ und die Naturgesetze/ gelten. Mein Wasser/ kocht auf seiner Bahn; Sonne.“ „Es beginnt der Tag/ zu allen Seiten. Wand und/ Licht. Dahinter fliegt/ der Kosmos auseinander.“ …

Mit ihrer eindrücklichen Rhythmik entwickelt Utlers Lyrik mit den kurzen, meist nur vier Zeilen umfassenden Gedichten binnen kurzer Zeit eine intensive Sogwirkung. Mantraartig kehrt immer wieder aufs Neue der Satz „Es beginnt der Tag“ zurück, fängt Alltägliches in einer nicht alltäglichen Situation auf eine intensiv beklemmende Art ein, um es unter den neuen Vorzeichen zu hinterfragen. Trivialität ist Trivialität ist Trivialität. Aber ist sie das wirklich und darf sie das unter veränderten Vorzeichen sein?

„Es beginnt der Tag;/ die Schachteln, Schübe setzen/ ihre Ordnung fort./ich gehe nicht hinein.“ „Es beginnt der Tag./Tasse geht zu Boden und/ der Tee. Auch ich bin/ abwaschbar; von innen nicht.“ … „Es beginnt der Tag,/ informativ und hilfreich./ korrekte Trauer-/ Dauer: Wochen.“ … „Es beginnt der Tag/bei der Wurzel griech. kédos:/ Sorge, Trauer, Be-/ gräbnis, verwandt, derzeit: Hass“ „Es beginnt der Tag,/ schalt aus, mein Hemdchen scheuert;/ Zwerchfell folgt auch jetzt./ Ich kotze, ruhig und rhythmisch.“

Ein Trauerrefrain

Wo eine bisher für sie tragbare Ordnung schwindet, eine Gewissheit, um die sie Leben, Denken und Fühlen herum gebaut hatte, gibt nun die Trauer darüber Tag für Tag den Takt an. Immer wieder neu akzentuiert und doch mit einem immer wiederkehrenden Refrain. 

„Anja Utlers Trauerrefrain beginnt mit einer Zäsur: dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der für die Dichterin jede politische, existenzielle und poetische Sicherheit infrage stellt. Von zwei Einsatzpunkten aus findet sie zur Sprache: in einer Folge von 209 kleinsten Gedichten und in einem luziden Essay. […] Die Jury würdigt die intellektuell brillante wie poetisch umsichtige Suche, die von der Hoffnung getragen ist (so Utler mit Václav Havel), „dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.““ So begründet die Jury des Peter-Huchel-Preises 2024 ihre Entscheidung, Anja Utler für ihren Gedichtband auszuzeichnen. Zu Recht.

„Es beginnt: Trauerrefrain“ ist kein Wohlfühlbuch. Aber es ist eines, das sucht, fragt, „auch die haarigen Gefühle“ in Sprache zu fassen versucht. So nimmt der die Gedichte begleitende Essay, in dem Anja Utler über ihre extremen Gemütszustände nachdenkt, Fragen auf wie: Was ist passiert? Ist meine Trauer zulässig? Ist sie nicht eine Frechheit gegenüber tatsächlich Betroffener? Und: Wie ist ein andere Umgang mit Gefühlen im Gedicht möglich?

Weil in ihrer Lyrik Sprechen und Sich Ereignen in eins fallen, eröffnen sich in Utlers Texten Räume, die es zu erkunden gilt – Erfahrungs-, aber auch Möglichkeitsräume. Damit wird ihr Text zu einem Sprachereignis mit Befehl: Hör mich an! Zu hören gibt es in ihrer Lyrik eine ganze Menge: Fragen, Wut, Hass, Hilflosigkeit, Trauer und nicht zuletzt Haltung. Sprachlich prägnant und gedanklich präzise bringt Anja Utler so auf den Punkt, was hier jetzt in dieser Welt los ist. Das macht ihr Buch nicht nur sehr lesens-, sondern unbedingt auch bedenkenswert – auf eine Zukunft hin, die die Stärke findet, immer wieder neu in Worte zu kleiden, dass das Subjekt ein verletzliches ist, eines, das in Beziehungen verstrickt ist, eines, das fühlen muss, um denken zu können. 

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