Die Woche der Religionen 2021

Die Woche der Religionen 2021 ist Geschichte. Aktuell aber bleiben die Einsichten, über die der aufbruch-Blog hier berichtet. Redaktionsteam-Miglied Gian Rudin rapportiert über den interreligiösen Rundtisch in der Zürcher Pfarrei Maria Lourdes, der sich um die Entschärfung gesellschaftlicher Konfliktpotenziale bemüht. Sodann diskutiert dieser Blog kontrovers Wiedergeburt und Reinkarnation. Der dritte Beitrag dreht sich um Abbilder von Buddha und Jesus. Im religionsgeschichtlichen Vergleich eröffnen sie spannende, unterschiedliche Perspektiven ihrer Deutungsgeschichte. (Red.)

Im aufeinander Hören der Zukunft entgegenblicken

Zusammenkommen, aufeinander hören, inspiriert werden. Diese Schlagworte beschreiben die seit 2018 in der Pfarrei Maria Lourdes in Zürich-Seebach stattfindenden interreligiösen Rundtische. Dabei steht die Entschärfung gesellschaftlicher Konfliktpotentiale, welche sich anhand religiöser Verwerfungslinien zu bilden drohen, im Vordergrund. Das probate Gegenmittel hierzu lautet einmal mehr: Beziehungspflege.

Von Gian Rudin

Dazu werden thematische Abende organisiert, an denen nach einer Lektüre einschlägiger Bibel-und Koranpassagen die Teilnehmenden zum gemeinsamen Gespräch eingeladen sind. Im gegenseitigen Austausch den eigenen Horizont weiten. Diese gilt nicht nur für das Kennenlernen von fremdreligiösen Traditionen, sondern auch für den Blick auf die eignen Glaubensvorstellungen, welche durch den Blick von anderswo her bereichert und vertieft werden können. Im Zentrum steht dabei die gemeinsame Wahrheitssuche. Respekt ist hierbei essenzieller Bestandteil der Begegnungskultur. Die Blickrichtung wird gewendet, um sich so gemeinsam und auf Augenhöhe dem Absoluten anzunähern. Wichtig ist dabei, die Gesprächspartner nicht herabzuwürdigen und deren Meinung zuzulassen, auch wenn sie allfälligen oder klischeeartigen Denkgewohnheiten über die andere Religion entgegensteht. So werden Vorurteile abgedämpft und freundschaftliche Verbundenheit gefördert.

Wichtig ist, die Gesprächspartner nicht herabzuwürdigen und deren Meinung zuzulassen.

So war denn ein Abend im Rahmen der Woche der Religionen, der im Pfarreisaal von Maria Lourdes stattfand, auch von einer warmherzigen und familiären Atmosphäre getragen. Nach jeweils zwei Impulsreferaten von muslimischer und christlicher Seite über die Bedeutung der Heiligen Schrift in den spezifischen Religionen kam es zum gemeinsamen Austausch in kleinen Gruppen. Es zeigte sich: Information und Diskussion sind die Grundbausteine einer gelungenen Verständigung.

Diese Form der gelebten interkulturellen Verbundenheit hat auch ein Pendant in einer Ausprägung der islamischen Religionspädagogik, die am diesjährigen Dies Academicus der Universität Luzern vorgestellt wurde. In ihrer Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde betont Mualla Selçuk den positiven Wert religiöser Vielfalt. Unter Bezugnahme auf einschlägige Koranverse betont sie die Relevanz des Konzeptes taaruf, womit gemeint ist, einander kennenzulernen und sich gegenseitig zu erforschen. In der Rückbindung aller Menschen auf ihre Herkunft vom ersten Menschenpaar wird im Koran (wie auch in der Bibel) eine fundamentale Gleichheit postuliert. Diese Gleichheit ist nun jedoch keineswegs im Sinne einer monotonen Gleichartigkeit zu verstehen, sondern beruht auf Unterschiedlichkeiten, welche einander wechselseitig erhellen und so zu einem komplexeren Bild der Wirklichkeit beitragen. Als Religionspädagogin wendet die in Ankara lehrende Selçuk taruuf auf das Lernfeld der interreligiösen Verständigung an. Das interreligiöse Gespräch kann zu einem vertieften Verständnis der menschlichen Existenz beitragen. Hier sind die Religionen aufgerufen, ihr Wissen zusammenzuschauen, um die Unergründlichkeit der menschlichen Person immer weiter ans Licht zu heben. Es braucht empathische Kompetenz, sich auf fremdreligiöse Traditionen einzulassen und die Andersartigkeit der anderen zuzulassen. In dieser wahrhaften Toleranz, die sich mit mutwilligem Engagement auf das Fremde einlässt, besteht dann auch die Chance, sich der göttlichen Barmherzigkeit in ihrer Weite bewusst zu werden.

Die islamische Religionspädagogin Mualla Selçuk betont die Relevanz des Konzeptes taaruf, womit gemeint ist, einander kennenzulernen und sich gegenseitig zu erforschen. Foto: Wolf Südbeck-Baur

Eine derart eingeforderte Form von aufrichtigem Interesse am Gegenüber hat Hasan Hatipoglu bekundet. Der Präsident der Stiftung SERA, der am besagten Abend einen Kurzvortrag zum islamischen Koranverständnis vortrug, war während seiner Studienzeit an der ETH Zürich Teil einer christlichen Bibelgruppe, um so die Bibel besser kennenzulernen. Dies eben nicht nur durch eine eigene Lektüre, sondern durch das Einfühlen in die christliche Lesart der Bibel. Er hat sogar mit einem der Teilnehmenden privat noch mehrere Stunden pro Woche in der Bibel gelesen. Das ist ein sehr beeindruckendes Zeugnis von einem genuinen Interesse am Mitmenschen und seinen Überzeugungen und unterscheidet sich markant von Formen eines gleichgültigen Nebeneinanderher Lebens, die sich in den Mantel seichter Toleranz hüllen.                                                      


Wiedergeburt kontrovers diskutiert

Von Gian Rudin

Foto: Gian Rudin

Norbert Bischofberger, Religions-Redaktor bei SRF, moderierte anlässlich der Woche der Religionen im November einen Diskussionsabend zum Themenfeld Widergeburt. Der reformierte Pfarrer Jiri Dvoracek diskutierte mit Imam Fahredin Bunjaku und der Biologin Selina Knöpfli. Ein Versäumnis der Veranstaltung war sicherlich, dass keine Stimme aus dem indischen Subkontinent zu vernehmen war.

In den Upanischaden, einer konstitutiven Schriftsammlung der indischen Religionen, finden sich erste Hinweise für die Widerverkörperungslehre. Atman, das unsterbliche Individual-Selbst, wird mit einer Raupe zum Zeitpunkt der Metamorphose verglichen. Wie diese ihre äussere Gestalt ändert, aber in Bezug auf ihr Wesen identisch bleibt, so ist es auch der Seele möglich, verschiedene Körper zu bewohnen. Diese Vorstellung ist eng mit dem Ideenkomplex des Karmas verzahnt. Hierbei spielt die Verknüpfung von Handlung und Folgewirkung eine massgebende Rolle. Schlechte Taten produzieren negatives Karma, das sich in der Folge in widrigen Umständen manifestiert und so den Fortgang des Lebens bestimmt. Da das Karma aber in einen ewigen Kreislauf des Seins eingebunden ist, endet die karmische Kontoführung nicht an der Todesgrenze. Daher besteht eines der Hauptziele der hinduistischen Lebensführung in der Überwindung des Geburtenkreislaufs und der damit einhergehenden Erlangung der Glückseligkeit.

Eines der Hauptziele der hinduistischen Lebensführung besteht in der Überwindung des Geburtenkreislaufs und der damit einhergehenden Erlangung der Glückseligkeit.

Der an der Diskussion vertretene islamische Standpunkt weist die Lehre der Wiederverkörperung zurück und betont die Einmaligkeit des menschlichen Lebensvollzuges. Das Jüngste Gericht ist das letztinstanzliche Forum, vor dem der Mensch in selbstbewusster Verantwortlichkeit Rechenschaft ablegen muss. Dennoch haben sich an den Randzonen der islamischen Rechtgläubigkeit abweichende Biotope gebildet, wo der Glaube an mehrere Erdenleben zum festen Bestandteil der Weltanschauung wurde. Zu nennen sind hier beispielsweise die vor allem in Syrien verbreiteten Alawiten. Die Reinkarnation ist hier in ein gnostisches Weltbild eingepasst, wobei die Befreiung der Lichtseele aus der Kerkerhaft des Materiellen im Zentrum steht. 

An den Randzonen der islamischen Rechtgläubigkeit haben sich abweichende Biotope gebildet, wo der Glaube an mehrere Erdenleben zum festen Bestandteil der Weltanschauung wurde.

Auch die reformierte Position bekräftigt den Gedanken der Gradlinigkeit, anstelle der zyklischen Bewegung der Wiederkehr. Das Leben ist Bewährungsraum der menschlichen Freiheit und unumkehrbar einzigartig. Es endet mit dem natürlichen Tod, somit ist auch die Seele sterblich. Das katholische Konzept des Purgatoriums und Totengebete widersprechen dem nüchternen Geist des reformierten Protestantismus.

Aus Naturwissenschaftlicher Sicht lässt sich zum Themenkomplex nichts Gesichertes beitragen, das hat methodische Gründe. Spekulationen über eine mögliche Fortexistenz nach dem Tod lassen sich nicht in eine Versuchsanordnung bringen. Aber das Phänomen der Nahtod-Erfahrungen eröffnet einen Horizont, wo die Naturwissenschaft der Begrenztheit des eignen Fassungsvermögens gewahr wird. Hier eröffnet sich ein breiter Interpretationsspielraum, in dem auch den Religionen der Ball für mögliche Deutungen zugespielt werden darf und so der teilweise bitter ausgetragene Kampf zwischen Glauben und Wissen auf einer höheren Ebene versöhnt (synthetisiert) werden könnte.

Aber das Phänomen der Nahtod-Erfahrungen eröffnet einen Horizont, wo die Naturwissenschaft der Begrenztheit des eignen Fassungsvermögens gewahr wird.

Im grossen Stil in die öffentliche Debatte der westlichen Hemisphäre eingespeist wurde das Reinkarnations-Konzept durch den Spiritismus. Im Zentrum steht die Entwicklung und Ausfaltung von Potenzialen. Der Mensch ist fähig seine eigene Moralität stetig zu perfektionieren, um so dem Göttlichen näher zu kommen. In dieser Denkform wird die Reinkarnation zu einem spirituellen Äquivalent der darwinischen Lehre von der Evolution der Arten und folgt so einer Art vom moralischem Selektionismus. Hier liegt denn auch eine mögliche Übereinkunft zwischen monotheistischen und aus Indien herstammenden Vorstellungkomplexen.

Foto: Gian Rudin

Insgesamt sind die Religionen von der Hoffnung getragen, dass der Mensch sich höherentwickeln kann und einem moralischen Idealzustand entgegenstrebt.

Wie Norbert Bischofberger bemerkte, lässt sich über das Leben nach dem Tod nur in Bildern spekulieren. Insgesamt sind die Religionen von der Hoffnung getragen, dass der Mensch sich höherentwickeln kann und einem moralischen Idealzustand entgegenstrebt. Die Endlichkeit des Menschenlebens wird hier zum Problemüberhang. Ein mögliches Hoffnungsbild darauf könnte ein postmortales Fegefeuer sein, wo die Entwicklung des Menschen weitergeht. Oder eine Wiederverkörperung. Aber auch die sich im Gericht erweisende Barmherzigkeit Gottes rechnet damit, dass das Streben nach dem Guten nach dem Tod nicht erlischt.


Buddha und Jesus: Was deren Abbilder über ihre Bedeutung zu sagen haben

Im tibetischen Kulturzentrum «Songtsen House» in Zürich Oerlikon fand im Rahmen der Woche der Religionen reichhaltig bebilderter Vortrag über die Ursprünge des Buddha-und Christusbildnisses statt. Der Kunsthistoriker Michael Henss hat rares Bildmaterial aus der frühbuddhistischen Kunstgeschichte Zeugnissen der anfänglichen Christus-Ikonographie gegenübergestellt.

Von Gian Rudin

Die Frühformen der bildlichen Darstellungen der beiden Religionsstifter erhellen die Entwicklungslinien der beiden Weltreligionen und deren zentrale Lehrgehalte. So gibt es regional unterschiedliche Überlieferungsstränge, die sich in vielgestaltigen Bildprogrammen niederschlagen.

Einer der Prototypen der Buddha-Darstellungen ist der lehrende Buddha. Das Anstossen des Rades der Lehre ist sodann wesentlicher Bestandteil der Religion. Die Erkenntnis der grundlegenden Verfasstheit der Welt und die Rolle des menschlichen Begehrens darin bewegt den Menschen zum Beschreiten des Edlen Achtfachen Pfades, auf dem dieser zur Erlösung gelangt. Der Buddha gilt als Lehrer des mittleren Weges. Nachdem er sich in disziplinierter Strenge einem asketischen Rigorismus hingegeben hatte, erkannte er die Einseitigkeit dieser Praxis. Die abgemagerten Buddha-Figuren aus thailändischer Tradition zeichnen den Buddha ganz in der Manier indischer Sadhus.

Die Erleuchtung als zentrales Ereignis im Leben des Buddha wird bildlich durch eine hornförmige Erhöhung auf seinem Kopf in Szene gesetzt. Seine Erleuchtung versetzt ihn in einer Zugkraft «nach oben», wo er dem irdischen Verhängnis mit dem wiedergeburtlichen Kreislauf entgeht. Der Buddha ist Lehrer der Vier Edlen Wahrheiten und hat Menschen inspiriert seiner Lehre zu folgen und so selbst zur Erleuchtung zu gelangen. So ist aus der buddhistischen Lehrtradition allmählich das Konzept des Bodhisattva erwachsen. Diese Erleuchtungsgestalten streben nicht nur nach individueller Erlösung, sondern lassen sich von ihrem Mitleid bewegen und stehen anderen auf ihrem Erlösungsweg bei.

Somit etabliert sich im Buddhismus langsam eine Ordnung himmlischer Erlösungsgestalten, denen rituelle Verehrung zuerkannt wird und die dadurch auch eine Art Vergöttlichung erfahren. Aber auch der Buddha selbst erfährt im Laufe der zeitlichen und geographischen Ausdehnung des Buddhismus eine Potenzierung und wird zur Erlösungsfigur emporgehoben. Ein Beispiel hierfür sind Bilder des Buddha als kosmischer Herrscher. Hier finden sich Parallelen in der byzantinischen Bildtradition, wo Christus als Allherrscher (griech. Pantokrator) in den runden Wölbungen des Altarraumes verewigt ist und so auf seine Wiederkunft als Weltenrichter verweisen wird.

In der Frühzeit des Christentums spielte das Bild keine wesentliche Rolle und eine anikonisch-symbolische Darstellungsweise dominierte. Das bekannte Christusmonogramm ist ein Sinnbild hierfür. Des Weiteren wurde auf antikes Bildrepertoire zurückgegriffen, um die Bedeutsamkeit Christi vor Augen zu führen. So wurde der Gott Hermes als Widderträger (griech. Kryophoros) dargestellt. Dies gab eine gute Vorlage für die biblisch-messianische Figur des Guten Hirten, die die Zugewandtheit Christi zu den Menschen in ein lebensweltlich fest verankertes Motiv goss.

Der Vortrag näherte sich mit der Methodik der Vergleichenden Religionswissenschaft den beiden Gründerfiguren und konkretisierte Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Weltreligionen anhand von beindruckendem Bildmaterial.

1 Gedanke zu „Die Woche der Religionen 2021“

  1. Religion ist Menschenwerk, was Christus hinterlies ist nichteinmal die Grundlage dafür, nämlich kein einziges von ihm selbst geschriebenes Wort. Es blieb viel von seinem Geist erhalten in den Menschen, die ihn erlebten. Zu behaupten, mit dem irdischen Tod ist alles aus und sich Christ nennen, halte ich für paradox. Die Auferstehungsgeschichten könnten erfunden sein, zumindest weit weg von der Wirklichkeit. Aber das Jesus lebt, dafür würde ich die Hand ins Feuer halten.

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