Häresieverdacht gegen US-Nonnen: Rom ist im Unrecht

(Foto: Südbeck-Baur)

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Mit Billigung von Papst Franziskus hat der oberste Glaubenswächter Kardinal Gerhard Ludwig Müller den Dachverband der Ordensfrauen der USA unter Häresieverdacht gestellt. aufbruch-Kommentatorin Doris Strahm kommt zu einem  anderem Urteil und zitiert Hildegard von Bingen: „Unser Ungehorsam ist Licht für unseren Geist.“

Von Doris Strahm

Eine neue „Theologie der Frau“ hat Papst Franziskus, Hoffnungsträger vieler nach Reformen dürstender KatholikInnen, letzthin angeregt. Dass er damit keine feministische Befreiungstheologie anvisiert, hat mich nicht überrascht. Denn bekanntermassen vertritt der Papst, was seine Theologie betrifft, ganz die Linie des Lehramtes, gerade auch in Fragen von Sexualmoral und Geschlechterrollen. So liess er in einem Interview mit der Jesuitenzeitschrift verlauten: „Die Räume für eine wirkungsvollere weibliche Präsenz in der Kirche müssen weiter werden. Ich fürchte mich aber vor einem ‚Machismo im Rock‘, denn Frauen sind anders strukturiert als Männer. (…) Die Kirche kann nicht sie selbst sein ohne Frauen und deren Rolle. Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria – eine Frau – ist wichtiger als die Bischöfe.“ Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, worum es dem Papst und den Kirchenoberen geht: Weibliche Mitwirkung in der Kirche ja, aber kein Anspruch auf männliche Leitungsämter und keine Veränderung der traditionellen, untergeordneten und demütigen Rolle der Frau und der „göttlichen“ Geschlechterordnung; eine Theologie der Frau ja, aber keine Veränderung patriarchaler Theologiekonzepte und männlicher Machtstrukturen – und natürlich kein Ungehorsam gegenüber dem männlichen Lehramt.

Was es heisst, wenn man die angeblich wichtige weibliche Präsenz in der Kirche nicht im Sinne Roms ausübt, hat der Dachverband der Ordensfrauen der USA, die „Leadership Conference of Women Religious“ (LCWR), die 80 Prozent der Nonnen in den USA vertritt, in diesen Tagen erneut zu spüren bekommen. Bereits vorletztes Jahr wurden der LCWR von der Glaubenskongregation lehrmässige Mängel in ihren Veranstaltungen vorgeworfen sowie eine Abweichung von der katholischen Lehre bezüglich Abtreibung, Priesterweihe für Frauen, Feminismus und Homosexualität. Papst Franziskus hat diese Massregelung gutgeheissen und von den Nonnen ebenfalls Gehorsam verlangt. Nun hat sich die Situation nochmals verschärft: Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, stellt die LCWR jetzt unter Häresieverdacht. Den Ordensfrauen, die für ihr grosses soziales Engagement und ihren Einsatz für eine zeitgerechte Erneuerung der Kirche letztes Jahr den „Herbert-Haag-Preis für die Freiheit in der Kirche“ erhalten haben, werden schwere Glaubensirrtümer vorgeworfen und Ungehorsam gegenüber vatikanischen Weisungen. Gemeint ist unter anderem die Ehrung der feministischen Theologin und Ordensfrau Elizabeth Johnson, die Müller Ende April als „offene Provokation“ gegenüber dem Vatikan bezeichnete. Der renommierten Theologin wurde 2011 vom „Komitee für Lehrfragen“ der US-amerikanischen Bischofskonferenz vorgehalten, ihr Buch „Quest for the Living God“ stimme nicht mit der katholischen Lehre überein.

Was können wir tun? Leisten wir gemeinsam Widerstand, seien wir solidarisch mit den „ungehorsamen“ Nonnen, seien wir radikal ungehorsam – im Wissen, dass die Kraft des lebendigen und freimachenden Geistes auf unserer Seite weht. Oder um es mit den Worten einer anderen Ungehorsamen an ihren Bischof zu sagen: „Ich bin nicht nur ungehorsam, ich bin empört. Ein Sturm der Entrüstung schüttelt meine Seele. In Gottes Wahrheit sage ich Ihnen: ‚Sie sind im Unrecht und wir sind im Recht.'“ (Hildegard von Bingen)

Dr. Doris Strahm ist freischaffende feministische Theologin und Publizistin; www.doris-strahm.ch

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare:

  1. Friedrich Griess

    Sehr geehrte Frau Strahm,

    Sie müssten aber auch berücksichtigen, dass Kardinal Walter Kaspar, der gegenüber den amerikanischen Nonnen eine sehr positive Meinung vertritt, bei Papst Franziskus hohes Ansehen hat. Was wir offenbar noch zu wenig verstehen, ist, dass Franziskus kein autoritärer Herrscher sein will, sondern seinen Mitarbeitern freie Hand lässt und auf vom Heiligen Geist geleitete Synodalität setzt.

    Friedrich Griess

  2. Eduard Werner

    Wir haben doch Glaubensfreiheit. Wer einen anderen Glauben als die katholische Kirche vertritt, kann dies gern außerhalb der Kirche tun und eine eigene Gemeinschaft gründen. Aber den Glauben unserer Kirche so verwässern, dass er nicht mehr authetisch ist, kann ich nicht ertragen. BItte lassen Sie doch uns unseren Glauben und richten Sie sich Ihren Glauben so ein, wie Sie wollen. Ich bitte um Toleranz. Eduard Werner, Ausgsburg

  3. Esther Gisler Fischer

    Die angeführte „vom Geist geleitete Synodalität“ (F. Griess) wie die Bitte um Toleranz (E. Werner), sind Feigenblätter und verhüllen, worum es bei der Sache wirklich geht: Da werden seitens Roms patriarchale Lehrmeinungen verteidigt gegenüber selbst denkenden Frauen, welche vielfach sozial und evangeliumsgemäss sehr engagiert und auch feministisch-befreiungstheologisch tätig sind. Anstatt mit solchen Kräften als Kirche diskursiv unterwegs zu sein, werden innovative und der Gerechtigkeit verpflichtete Kräfte lieber von der Hierarchie diszipliniert. Esther Gisler Fischer

  4. Marlise Hofmann

    Zum Umgang von Rom mit den US-Nonnen gibt es verschiedene Meinungen. Meine Meinung entspricht nicht ganz jener von Frau Strahm, doch darum geht es mir an dieser Stelle nicht.
    Was mich am Beitrag von Frau Strahm etwas nachdenklich macht, ist, wie sie mit grosser Entschlossenheit schreibt (ich zitiere):“…seien wir radikal ungehorsam – im Wissen,dass die Kraft des lebendigen und freimachenden Geistes auf unserer Seite steht.“
    Woher nimmt Frau Strahm die Gewissheit, dass der Geist auf „ihrer“ Seite steht? Ich meine, die Bibel mache klar und deutlich: „Der Geist weht, wo Er will.“

    Der Heilige Geist will bestimmt auch in und mit uns wirken, aber er lässt sich nicht vereinnahmen, und in unserer Begrenztheit können wir letztlich auch nie ganz zwischen „Begeisterung“ für ein Anliegen und „dem Erfülltsein mit dem Heiligen Geist“ unterscheiden. Marlise Hofmann

    • Esther Gisler Fischer

      Liebe Frau Hofmann
      „Der Geist“ ist in der biblischen Ursprache weiblich und heisst „ruach“. Die Heilige Geistkraft weht, wie SIE will; -da gehe ich mit Ihnen einig: Inner- und ausserhalb der KIrche(n). Die Männerherrschaft in der römisch-katholischen Kirche muss dennoch gebrochen werden!
      Esther Gisler Fischer

  5. Ich finde es unerhört, wie ein sich „christlich“ nennendes Internet-
    forum wie „kath.net“ wider besseres Wissen die amerikanschen
    Nonnen diffamiert.

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