Gespür für die Risiken

Der Klimawandel stellt die Gerechtigkeitsfrage in einer neuen Dimension

Das Schmelzen des arktischen Eises lässt den Meeresspiegel ansteigen. Zwei Gletscher in Nordgrönland. (Bild: Greenpeace)

Das Schmelzen des arktischen Eises lässt den Meeresspiegel ansteigen. Zwei Gletscher in Nordgrönland. (Bild: Greenpeace)

von Martina Läubli

So können wir nicht weitermachen – dies ist kurz gefasst die Botschaft des neusten Uno-Klimaberichtes vom Frühling 2014. Der Weltklimarat IPCC zeigt darin, dass die durch den Klimawandel verursachten Risiken grösser sind als bisher erwartet: Unter anderem werden Stürme, Hochwasser und Dürren zunehmen, Ernteeinbussen vor allem in trockenen Regionen den Hunger verstärken, das

Schmelzen des arktischen Eises lässt den Meeresspiegel ansteigen. Die Frage, was nun zu tun ist, stellt sich also ganz akut – und bleibt dennoch oft abstrakt, »weil wir kein intuitives Gespür für die Risiken haben, die entstehen, wenn viele Menschen zusammenwirken«, erklärt der Klimaethiker Dominic Roser. Handlungsstrategien, denen wir im Alltag folgen, führten bei globalen Klimarisiken nicht weiter. Auch mit biblischen Geboten müsse man vorsichtig sein. In der Bergpredigt sagte Jesus: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.« Dieser Ratschlag könne heute auch in die Irre führen, stellt Roser fest.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Nachdem der Klimawandel mehrheitlich als naturwissenschaftlich-technisches Thema wahrgenommen wurde, beschäftigt sich der Weltklimarat in einem Kapitel zum Thema Ethik nun mit dem Handeln. Roser begrüsst dies, denn Probleme von so globalen Dimensionen könne man nicht durch Eigeninteresse lösen, sondern müsse sie ethisch angehen. »Der Klimawandel ist eine Gerechtigkeitsfrage enormen Ausmasses«, sagt der in Oxford forschende Ethiker.

RoserDominic

Dominic Roser forscht zu globaler Gerechtigkeit, Klimaethik und dem Verhältnis von Ethik und Wirtschaft.

Einerseits gehe es um die Gerechtigkeit zwischen den Generationen. »Wir müssen uns fragen: Was für eine Welt hinterlassen wir unseren Nachkommen?« Die Hauptwirkungen heutiger CO2-Emissionen sind erst in einigen Jahrzehnten spürbar. Zwar steigt die Lebensqualität weltweit nach wie vor, aber mit dem immer noch steigenden Ausstoss von Treibhausgasen und der Erwärmung nehmen wir das Risiko in Kauf, dass das Leben in diversen Zonen der Erde bald nicht mehr möglich ist. »Die Wahrscheinlichkeit eines Supergaus ist viel zu hoch«, stellt Roser fest. Allein dies verpflichte bereits zum Handeln.

Dabei geht es nicht um kleine Schritte: »In den nächsten 40 Jahren muss der CO2-Ausstoss um 80 bis 90 Prozent reduziert werden«, schätzt Roser. Und die Hauptlast und Verantwortung bei den westlichen Ländern – sie, inklusive die Schweiz, müssten den finanziellen und den Forschungseffort leisten, so Roser. Das ist die andere, globale Seite der Gerechtigkeitsfrage: Nutzen und Lasten sind beim Co2-Ausstoss sehr ungleich verteilt. Seit der Industrialisierung stammt der Löwenanteil der Emissionen von den westlichen Ländern, während sich die schädlichen klimatischen Auswirkungen mehrheitlich in Entwicklungsländern zeigen und diese in ihrem Kampf gegen die Armut zurückwerfen.

Trotz der deutlichen Befunde des IPCC-Berichtes und früherer Forschungen gibt es immer noch viele Menschen, die nicht sehen, wie ernst das Problem des Klimawandels ist. Das liegt laut Roser vor allem an den extrem erfolgreichen Lobbyisten, die in einer Allianz mit Journalisten versuchen, der Öffentlichkeit ein falsches Bild zu vermitteln. »Die Klimaskeptiker sind eine kleine Minderheit, doch in den Medien finden sie unverhältnismässig viel Gehör.« Auch dadurch würden Massnahmen gegen den Klimawandel gebremst – dabei »hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie ein so grosses Problem gegeben«.

Weniger Wachstum?

Auch die Schweiz ist Teil des Problems. »Viele Menschen in der Schweiz verstehen nicht, dass wir immer noch zu denjenigen Ländern gehören, die sehr viel Co2 ausstossen«, stellt der Wissenschaftler fest. Die Schweizer bauten Minergie-Häuser und hielten sich für klimabewusst, doch die Energieeffizienz wird vom hohen Lebensstandard wieder aufgehoben. »Wir müssen über unseren Lebensstandard nachdenken«, sagt Roser – im Hinblick auf den persönlichen Lebensstil, aber stärker noch auf eine weniger wachstumsorientierte Politik. Hierfür gebe es verschiedene Möglichkeiten, beispielsweise die Einführung einer Co2-Steuer.

Mit der Frage des Wachstums ist auch die Frage des Bevölkerungswachstums verbunden. »Leider verhindert die schlecht gestaltete Ecopop-Initiative eine konstruktive Diskussion über das Thema.« Doch eine Diskussion hält der Wissenschaftler durchaus für nötig, schliesslich bewirken Kinder Emissionen, inden Industrieländern ein Vielfaches von Entwicklungsländern. »In der Schweiz müssen wir uns fragen: Wie können wir die Bevölkerung lenken, ohne in die persönliche Freiheit einzugreifen? Wie können wir einen gesellschaftlichen Ausgleich schaffen, der nicht spezifisch auf Familien fokussiert?« Im Hinblick auf die globale Gerechtigkeit seien die Bekämpfung der Armut und der Zugang zu Bildung für Frauen wichtige Aufgaben.

Politik ist gefragt

Bei Herausforderungen, die die ganze Menschheit betreffen, fragt man sich, wer diese nun konkret anpacken soll. Rosers Einschätzung: Der Klimawandel müsse primär auf staatlicher Ebene angepackt werden, denn das sei effizienter und vor allem fairer, da der Aufwand gerecht verteilt werden könne. Natürlich könne der Staat nicht alles lösen und den Einzelnen nicht bis ins Kleinste vorschreiben, wie sie Energie zu sparen haben. Handeln aus persönlicher Überzeugung ergänzt staatliche Massnahmen und hat Signalwirkung für die Politik. Doch aus klimaethischer Perspektive plädiert Roser dafür: »Wenn der Staat seine Aufgabe nicht macht, müssen wir ihn zum Handeln bewegen.« Dies bedeutet auch, dass die Politik umdenken und ihren Horizont über die nächste Wahlperiode in die Zukunft hinaus erweitern müsse.

Für das konkrete politische Handeln empfiehlt der Ethiker: »Wählt Leute ins Parlament, die dem Klimaschutz auch tatsächlich Priorität geben!«

Zusammen mit Christian Seidel hat Dominic Roser ein Buch zur Ethik des Klimawandels verfasst.

Ein Kommentar:

  1. Bernhard Sidler

    Ein guter Richtwert für eine Selbsteinschätzung ist der individuelle «ökologische Fussabdruck» jedes Menschen. Ich hielt mich für ziemlich klimabewusst, weil ich im Verhältnis zu unserer westlichen Lebensweise wenig Energie verbrauche, kein Flugzeug benutze und das (kleine) Auto sehr sparsam einsetze. Wenn aber alle Menschen so leben würden, wie ich es im Moment tue, benötigten wir 2–2.5 Erden, um den Energie- und Rohstoffhunger der Menschheit zu befriedigen. Das ist ziemlich ernüchternd…

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