»Wir werden nicht als Fremde geboren«

Der Historiker Kijan Espahangizi stellt unbequeme Fragen zum Rassismus in der Schweiz.

von Martina Läubli

Wer gehört zur Schweiz? Bei der Antwort auf diese Frage beginnt der Rassismus bereits. (Bild: Flickr)

Wer gehört zur Schweiz? Bei der Antwort auf diese Frage beginnt der Rassismus bereits. (Bild: Flickr)

Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ist fremdenfeindlich. Eine neue Studie der Eidgenössischen Fachstelle für Rassismusbekämpfung stellt fest, dass 24 Prozent von 1700 in der Schweiz lebenden befragten Personen eine »systematisch fremdenfeindliche Haltung« haben. Dieser Wert ist zwar etwas geringer als vor vier Jahren, wo er 30 Prozent betrug, jedoch immer noch erschreckend hoch für ein Land, das sich in seiner Verfassung dazu bekennt, »in gegenseitiger Achtung Vielfalt in der Einheit zu leben« und »die Würde des Menschen zu achten und zu schützen«. Gleichzeitig könnte man aber auch erleichtert feststellen: Die grosse Mehrheit ist nicht rassistisch.

Rassismus als strukturelles Problem

Die aktuelle Studie des Bundes mache jedoch einen systematischen Fehler in der Analyse von gesellschaftlichem Rassismus, findet der Zürcher Historiker Kijan Espahangizi. Sie »entsorgt Rassismus fälschlicherweise am rechten Rand der Gesellschaft«, doch in Wahrheit sei Rassismus in der Schweiz jenseits von individuellen Haltungen ein übergreifendes strukturelles Problem. »Wenn nur eine Minderheit rassistisch wäre, wie erklärt man dann, dass erstens ein Viertel der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung keine Bürgerrechte hat, ein Prozent illegalisiert wird und auch Schweizer Bürgerinnen mit Migrationshintergrund strukturelle Diskriminierung erleben? Und zweitens, dass dieser Zustand nicht als gravierendes gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird?«

Während man sich etwa über Minarette lautstark empören konnte, bleibe hierzu ein öffentlicher Aufschrei aus. Dass dieser Zustand »nicht so schlimm« und normal wirkt, sei gerade das Problem, stellt der Wissenshistoriker fest. Bei Rassismus geht es nicht nur um individuelle rassistische Haltungen oder öffentliche Äusserungen, sondern vor allem um eine stillschweigende gesamtgesellschaftliche Ignoranz gegenüber der Diskriminierung der vermeintlich »Anderen«.

»Maschinerie der lebenslangen Fremdmachung«

Kijan Esppahangizi ist Historiker und Geschäftsleiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich (Bild: Privatarchiv)

Kijan Esppahangizi ist Historiker und Geschäftsleiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich (Bild: Privatarchiv)

»Wir sind nicht als Fremde geboren, wir werden zu Fremden gemacht«, sagte Espahangizi im Februar am Schweizerischen Migranteninnenkongress in Bern. Mit Verve kritisiert der Geschäftsführer des Zentrums Geschichte des Wissens der ETH und Universität Zürich die »gesellschaftliche Maschinerie der lebenslangen Fremdmachung«. Dieser gesellschaftliche Rassismus wirkt, wie er ausführt, auf drei Ebenen: Zum einen werden Menschen von Geburt an nach Herkunft, Kultur, Aussehen, Sprache in Gruppen eingeteilt, die man nicht einfach nach Belieben wieder verlassen kann. Zum anderen werden die Chancen auf Teilhabe, Rechte und Anerkennung ungleich auf diese Gruppenzugehörigkeiten verteilt. Zu guter Letzt wirkt das Ganze auch noch quasi natürlich und normal. »Dieser gesellschaftliche Rassismus funktioniert mittlerweie auch ohne expliziten Bezug zur Rasse, sondern zunehmend über Kategorien von Kultur oder Religion – und ohne, dass die Mehrheit der Menschen sich als Rassisten versteht.«

Bereits mit der Geburtsurkunde gehe die Fremdmachung rechtlich los. »In Kindergarten und Schule lernt man, dass man fremd ist, durch Tausende von Blicken, kleine Bemerkungen, durch penetrantes Nachfragen, wo man herkommt, Hänseleien und zuweilen handfestem sozialem Ausschluss.« Kinder hätten ein feines Gespür dafür, wer dazugehört und wer nicht, und reproduzierten leider die stillschweigende Übereinkunft der Dominanzgesellschaft. Später als Erwachsener verstehe man dann immer mehr, wie alles zusammenhänge, »die Gesetze und Behörden mit den kleinen Situationen im Alltag, die Geschichten in den Medien mit politischen Kampagnen, der explizite Rechtsextremismus mit dem implizit von der Gesellschaft akzeptierten strukturellen Rassismus der ungleichen Chancen und Rechte«.

Politik ist mitschuldig

Seit acht Jahren wohnt Espahangizi nun in der Schweiz und erlebt seither »eine politische Kampagne nach der anderen, die die Würde und Rechte vieler faktischer Mitbürger/-innen in der Schweiz mit Füssen tritt«. Die damit einhergehende parteipolitische Polarisierung erschwere es zudem, den stillschweigenden strukturellen Rassismus in der schweizerischen Gesellschaft zu thematisieren.

»Wir brauchen keine Integrationsdebatte. Es geht schlicht um die alte Forderung nach Demokratie: Gleiche Rechte und Teilhabemöglichkeiten für alle.«

Dass er in der Schweiz nicht als selbstverständlich dazugehörig betrachtet wird, merkt Espahangizi nicht nur an seinem Ausländerausweis, sondern auch in der öffentlichen Debatte. »Die Dominanzgesellschaft redet parteiübergreifend permanent über Zuwanderung und Integration, ohne Migrantinnen und Menschen mit Migrationshintergrund selbst als gleichberechtigte Mitbürger/-innen zu Wort kommen zu lassen.« Es sei absurd, Menschen zuerst auszuschliessen und dann über das Problem der Integration zu lamentieren. »Wir brauchen keine Integrationsdebatte. Es geht schlicht um die alte Forderung nach Demokratie: Gleiche Rechte und Teilhabemöglichkeiten für alle.«

Neue Vision des Zusammenlebens

Auch Alltagserfahrungen verstärken das Fremdheitsgefühl. »Man wird mit schwarzen Haaren in bestimmten Situationen auffällig häufig von der Polizei kontrolliert.« In anderen Situationen sind es einfache Blicke und Gesten. So fühlt sich Espahangizi auch fremd, wenn Kollegen wegen ihm wie selbstverständlich ins Hochdeutsche wechseln oder allzu forsch nach seiner Herkunft fragen. Schliesslich sei auch Neugier nicht unschuldig. »Überlegen Sie sich mal: Wer darf hier in der Schweiz eigentlich neugierig sein, ohne dass es komisch wirkt, und wessen Rolle ist es, Rede und Antwort zu stehen?«

Es gibt aber auch Orte, an denen sich Espahangizi nicht fremd fühlt, z.B. in seinem Wohnquartier Zürich-Altstetten oder im Zusammensein mit Freunden. Seine politische Arbeit etwa im Rahmen des Migrantinnen-Kongresses versteht er als »aktive Entfremdung meiner Lebenswelt«, also als Gegenmassnahme zum Fremd-gemacht-Werden. Der Kampf gegen Rassismus müsse dabei auf verschiedenen Ebenen geführt werden, im Alltag ebenso wie in Politik, Arbeit, Recht, Medien, Kultur und Bildung. Um gegen Rassismus anzutreten, »brauchen wir aber vor allem eine neue Vision eines solidarischen Zusammenlebens in der Vielfalt derjenigen, die bereits hier leben und derjenigen – ganz wichtig –, die noch kommen werden.«

Kijan Espahangizi ist Historiker und Geschäftsleiter des Zentrums Geschichte des Wissens  der ETH Zürich und Universität Zürich.

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