Brahma Kumaris: Spiritualität als Brücke vom Ich zum Wir

Brahma Kumaris ist eine spirituelle Gemeinschaft, die aus dem Hinduismus entstanden ist, aber den Anspruch hat, keine religiöse Gemeinschaft im eigentlichen Sinn zu sein, sondern das «Herz», den innersten «esoterischen» Kern sämtlicher Religionen zu repräsentieren. Die Gemeinschaft betrachtet sich als offen für alle Menschen und als eine Lebensphilosophie, durch welche alle anderen Religionen erst richtig verstanden werden können. Am 13. November fand im Rahmen der «Woche der Religionen» in der Zürcher Niederlassung der Gemeinschaft eine öffentliche Veranstaltung – mit geführter Meditation, Vortrag, einem kurzen Filmausschnitt und einer Frage- und Antwortrunde statt – wegen Covid19 als Webinar.
Von Christian Urech

 

Das hat denn auch recht gut geklappt – abgesehen von ein paar Tonproblemen zu Beginn. Drei Vertreter*innen der Gemeinschaft, Ursula, Anna und Matthias, bestritten den Anlass gemeinsam. Das Thema des Abends –  Spiritualität als Brücke vom Ich zum Wir – wurde im Vortrag abgehandelt – wobei es sich nicht um einen Vortrag im eigentlichen Sinn handelte, sondern um eine lockere Folge von Statemants der drei Protagonist*innen, frei gesprochen und von den inneren Erfahrungen der Vortragenden ausgehend. Eine sehr angenehme Form der Vermittlung, da nicht irgendwelche Theorien präsentiert wurden, sondern lebendige Anschaulichkeit im Zentrum stand.

Für die drei Vortragenden basiert die Trennung zwischen «Ich» und «Wir» auf einer Illusion, entstanden durch die Trennung der einzelnen Seele – vergleichbar der Flamme einer Kerze – vom nährenden Licht Gottes. Durch Raja Joga[1], eine Meditationstechnik, kann diese Trennung aufgehoben und erfahren werden, dass wir im Innersten alle eins sind – gleichwertig und gleichberechtigt. «Wenn wir auf die spiriutelle Ebene gehen, dann sind wir automatisch miteinander verbunden, weil wir dann zu einer Familie gehören, der Familie von Gott. Dann ist diese Trennung gar nicht da – dann braucht es nicht einmal eine Brücke», sagte Anna im Vortrag. «Aber wir haben uns so daran gehört, uns als Körper zu sehen, und gerade in die Schweiz haben wir einen so grossen Individualismus, sind wir so privilegiert. Das hat aber auch seinen Preis. Es ist eine riesige Einsamkeit vorhanden. Wenn wir uns zurückbesinnen auf die ursprünglichen Werte der Seele und deren ursprüngliche Qualitäten, dann entdecken wir ganz viel Gemeinsames – viel mehr als Trennendes.»

Die indische Religions- und Ordensgemeinschaft der Brahma Kumaris wurde 1937 in Indien von Lekh­raj Kripalani gegründet. Lekhraj Kripalani (1876-1969), ein erfolgreicher Diamantenhändler aus Hyderabad/Sindh (heute Pakistan), erlebte ab 1936 spirituelle Visionen, worauf er seine Geschäfte aufgab und eine spirituelle Gemeinschaft gründete. Er selbst wurde fortan «Brahma Baba» genannt. Da er sich sehr für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzte, hatte er bald eine grosse Anhängerschaft junger Frauen um sich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, welche sich unter anderem aus dem strengen Zölibat für die Gläubigen ergaben, breitete sich die Gemeinschaft unter dem Namen «Brahma Kumaris» (die «Töchter Brahmas») rasch über ganz Indien aus. Brahma Baba übergab sein ganzes Vermögen einer Stiftung und setzte zu ihrer Leitung acht junge Frauen aus seiner Gemeinschaft ein. Drei von ihnen bilden noch heute die oberste Leitung der Gemeinschaft. Brahma Kumaris bezeichnet sich heute als «die weltweit grösste spirituelle Organisation, die von Frauen geleitet wird».

In den 1970er-Jahren breitete sich die Gemeinschaft auch nach Westeuropa aus. Nach eigenen Angaben ist sie heute auf allen Kontinenten und in über 110 Ländern vertreten. Weiter engagiert sie sich als internationale NGO, u.a. in der UNO und in deren Unterorganisationen. Das Hauptzentrum befindet sich seit 1950 in Mount Abu/Rajasthan in Indien und heisst mit vollem Namen «Brahma Kumaris World Spiritual University». Finanziert wird die Gemeinschaft über Spenden und freiwillige Mitarbeit. Weltweit beträgt die Mitgliederzahl nach Angaben aus der Bewegung rund 900’000.

Auf national-indischer und internationaler Ebene koordinieren die Brahma Kumaris partnerschaftlich verschiedene Projekte, die Menschen die Möglichkeit bieten, sich in sozialen und humanitären Bereichen zu engagieren. Die globalen Initiativen der Brahma Kumaris sind von den kreativen Köpfen Einzelner geprägt, die ihr eigenes spirituelles Wachstum in ihre tägliche Arbeit integrieren. Indem Spirituelles mit Weltlichem verbunden wird, werden aktuelle globale Fragen in einem grösseren gesellschaftlichen Rahmen erörtert, wobei auf kollektives Wissen und innere Einsichten zurückgegriffen wird. Die Kurse, Aktivitäten, Programme und Initiativen sind darauf zugeschnitten, Hilfestellung im täglichen Leben zu leisten.

Mehr über Brahma Kumaris erfahren Sie im folgenden ORF-Film:
https://www.youtube.com/watch?v=xo6GKU1xyJU

Webseite von Brahma Kumaris Schweiz:
brahmakumaris.ch

[1] Raja kommt von Rajan, das soviel wie „König“ oder „Herrscher“ bedeutet. Dabei geht es darum, die Herrschaft über den Geist zu erlangen. Durch tiefe Meditation und Selbstbeobachtung lernt man individuelle Muster kennen – so erfährt man, was einen einschränkt und was einen wiederum stärkt. Ziel ist es, alle acht Glieder der zugrundeliegenden Philosophie zu durchlaufen.

Im ersten, dem Yamas, wird das Verhältnis zur Umwelt geklärt. Danach widmen Teilnehmer sich der eigenen Person (Niyamas), lernen eine gute Körperhaltung (Asanas), die Energiekontrolle (Pranayama), das Sich-nach-innen-Richten (Pratyahara) und üben sich schließlich in Konzentration (Dharana). Abgeschlossen wird der Prozess durch die Meditation (Dhyana) und einer anschließenden Verschmelzung (Samadhi), in der das Alltagsbewusstsein überwunden und in eine neue Dimension des Seins überführt wird.

Lekh­raj Kripalani, genannt «Brahma Baba» (1884 – 1969), der Gründer von Brahma Kumaris (oben)

Das Zentrum der Gemeinschaft auf dem Mount Ab, Rajastan, Indien (unten). Die Geeminschaft wird von Frauen geleitet, das Weibliche hat in der Gemeinschaft einen hohen Stellenwert.

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