Eintauchen in unterschiedliche Zivilisationen und Religionen Kleinasiens

aufbruch-Kulturreise nach Kleinasien/Westtürkei, 27. September bis 8. Oktober 2021 mit Dr. theol. Toni Bernet-Strahm

Interview: Wolf Südbeck-Baur

aufbruch: Toni Bernet-Strahm, Sie leiten die aufbruch-Leserreise nach Kleinasien im Westen der Türkei. Welche Wurzeln der europäischen Kultur sind dort zu beobachten?

Toni Bernet-Strahm: In der Prähistorie hat sich die Menschheit von Afrika her über Kleinasien/Anatolien nach Europa ausgebreitet. Die Stadt Catalhöyük, die wir besuchen, gilt als eine der ältesten Siedlungen, wo die Häuser bereits vor rund 9000 Jahren dicht aneinander gebaut wurden. Archäologen bezeichnen Catalhöyük als das Paris der Frühzeit. Hier stossen wir auf erste religiöse Spuren. Die Experten streiten sich, ob die Mutterfiguren, die dort zum Vorschein kamen, eine Muttergöttin sind und als Zeugnisse einer Mutterreligion – Matriarchat inklusive – zu deuten sind. Ziemlich sicher ist hingegen, dass wir es dort mit den Spuren einer egalitären Gesellschaft zu tun haben.

Paulus kann ebenfalls als Türke bezeichnet werden. Denn mit dem Apostel Paulus breitete sich das Christentum zuerst in Kleinasien aus. Ist da etwas dran?

Paulus wurde in Tarsos, also in der heutigen Türkei geboren. Er verkündete das Christentum in Ephesus von etwa 52-55, der wichtigsten kleinasiatischen Handelsstadt, in der damals die Römer herrschten.  Selbstverständlich setzten die Römer ihre Religion als Machtinstrument ein. Und schon sind wir bei der auch heute aktuellen Frage, inwiefern Religion Machtmissbrauch ist? Bis Kaiser Diocletian (284-305) verklärten sich die römischen Kaiser zu Göttern, denen zu Ehren Tempel gebaut wurden. Die geforderte Huldigung der Kaiser als Götter brachte den Christen Verfolgungen und Tod. In Ephesus, einem echten Höhepunkt der Leserreise, gründete der Apostel eine Art Theologenschule und schrieb von dort seine neutestamentlichen Briefe. In diesem Briefen entwickelte er seine Rechtfertigungslehre, die gemäss neuerer Forschungen auch eine soziale Dimension hat: Stichwort Sachzwänge, die letztlich zu Jesu Tod geführt haben. Weitergedacht landet man rasch bei ökologischen Sachzwängen: Rechtfertigen die Folgen der Klimaerwärmung, die heute Menschenopfer fordert, Eingriffe in die Grundrechte?

Was erwartet die Teilnehmenden archäologisch?

An den archäologisch interessanten, landschaftlich wunderbar gelegenen Orten der frühen Christenheit begegnen wir den Römern – Markus Antonius und Kleopatra organisierten von Ephesus aus den Krieg gegen Octavian, dem späteren Kaiser Augustus – und den damit verbundenen Konflikten des jungen Christentums mit dem System Rom, mit Religion und Kultus. Das Konzil von Ephesus 431 mit dem Streit zum Verständnis Marias als Christus- oder Gottesgebärerin wird lebendig. In Ephesus finden wir zudem den Artemistempel, die Marien- und Johannesbasilika. Weiter besuchen wir die Ruine des Athenatempels in Priene, den Apolontempel in Dydima. Unterstützt werden wir dabei vom türkischen Archäologen Kenan Canak.  Dazu kommen die innerchristlichen Auseinandersetzungen wie sie in der Apostelgeschichte und den paulinischen Briefen zum Ausdruck kommen. All diese Themen – die Hethiter inklusive – werden wir auf der Reise im lockeren Gespräch miteinander vertiefen.

In Konya erwartet die Teilnehmenden eine interreligiöse Begegnung der besonderen Art. Was hat es damit auf sich?

Über die Kontakte von Kenan Canak besuchen wir einen Imam. Er wird über seine seelsorgerliche Arbeit berichten. In Konya treffen wir eine Leiterin der Sufi-Bewegung, die vom Dichter und Mystiker Rumi (1207-1273) gegründet wurde. Rumi stellt die Liebe zu den Menschen ins Zentrum seiner mystischen Betrachtungen und charakterisiert Sufismus so: «Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt» (D 105). Nach Möglichkeit besuchen wir zudem einen Sufi-Orden in einer ehemaligen Karawanserei, wo wir die Drehtänzen der Derwische erleben sollten.

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