Warum schwieg Papst Pius XII.?

Der aufbruch, in Kooperation mit der Christkatholischen Kirche Basel-Stadt, lud am 25. Oktober 2021 zu einem Vortrag von Theologe und Journalist Peter Hertel mit Bildpräsentation von Christiane Buddenberg-Hertel in die Predigerkirche Basel ein. Themen waren die christlich-jüdische Geschichte in Westeuropa sowie der christliche Antisemitismus und dessen Folgen.

Papst Pius XII.

von Christian Urech

Seit der Vatikan seine Archive zu Pius XII. am 2. März 2020 geöffnet hat, wird uns die Beantwortung der Frage, warum Papst Pius XII. zum Holcaust und zur Shoa geschwiegen hat, etwas leichter gemacht. Üblicherweise würden die Archive erst am 10. Oktober 2027 geöffnet, 70 Jahre nach dem Tod des Papstes. Aber wegen der Haltung der römisch-katholischen Kirchenleitung zur Judenverfolgung hatte bereits Johannes Paul II. 2003 verfügt, die Archive Pius’ XI. (1922-1939) eher zu öffnen; Benedikt XVI. ordnete dies für Pius XII. an.

Damit die Sichtung dises Materials überhaupt möglich wird, mussten die Mitarbeitenden des Forschungsstabs das gesamte Material erst einmal zusammenstellen und katalogisieren. Und das war viel: 200’000 archivarische Einheiten vom Notitzzettel bis zum dicken Aktenstapel müssen entziffert und interpretiert werden. Einer der Gründe, warum der Vatikan die Archive zu Pius XII. frühzeitig öffnen liess, bestand darin, die Seligbesprechung von Pius XII. voranzutreiben. Dieses Ziel dürfte angesichts des umfangreichen Materials eher nicht erreicht werden.

Die eigentliche Arbeit der Historiker geschieht an einem der knapp 60 Arbeitsplätze im Benutzersaal des Hauptarchivs. Rund die Hälfte ist für jene reserviert, die sich Pius XII. widmen. Inwieweit die Resultate über das hinausgehen, was wir im Grunde seit Rolf Hochhuths Theaterstück «Der Stellvertreter» (1963) bereits wissen, muss sich erst noch zeigen.


Downloads:


Peter Hertels Ausführungen zum Umgang der christlichen Kirchen (nicht nur der katholischen!) mit dem Judentum und den Juden und zum christlichen Antisemitsmus sind überzeugend, spannend und lehrreich: Man merkt, dass sich hier ein Theologe und Sozialwissenschaftler zu Wort meldet, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt und viel dazu publiziert hat.

Peter Hertel, Theologe, Journalist, war als Radio-Redaktor u.a. für das Judentum zuständig (Bild: Südbeck-Baur)

Lange Geschichte des christlichen Antisemitismus

Über kirchenpolitische Auseinandersetzungen hinweg waren sich viele Päpste und weltliche Herrscher in ihrem Antijudaismus einig. Im christlichen Bewusstsein waren die Juden die Unterlegenen, die zu taufen seien. Die Kirche betrachtete das Judentum als «Vorläuferreligion» des Christentums und war bemüht, Jüdinnen und Juden zu christianisieren – dies sogar mittels Zwangtaufe.

Die Wurzeln des Antisemitismus lassen sich in der Konkurrenz zwischen frühem Christentum und Judentum finden. Der verhängnisvollste Vorwurf ist der, «die Juden» seien verantwortlich für die Kreuzigung Christi und «Gottesmörder». Mit der Christianisierung Europas verbreiteten sich judenfeindliche Vorurteile und Stereotype. Im Laufe des Mittelalters wurden sie weiter angereichert und ergänzt, bis es ab dem 13. Jahrhundert zu Verfolgungen und Austreibungen kam. Die antijüdische Feindschaft bezog sich nun nicht mehr nur auf die Religion, sondern auch auf die Herkunft.

Die Spannungen zwischen den ersten Christen*innen und Jüdinnen und Juden wuchsen in den ersten zwei Jahrhunderten. Im Zuge der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich und seiner Etablierung als Staatsreligion im Jahr 381 erliessen verschiedene Konzile antijüdische Verordnungen, die aus Jüdinnen und Juden zwar eine geduldete, aber eine diskriminierte Minderheit machten. Christen dürften die «Juden nicht grüssen», befand der Kirchenlehrer

Mittelalterliche Darstellung mit Judenhut

Chrysostomos (deutsch: «Goldmund»); denn sie hätten «Christus getötet». Mit der Christianisierung Europas verbreiteten sich Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden auch nördlich der Alpen. Zu ersten massiven antijüdischen Gewalttaten im Mittelalter in Zentraleuropa kam es, als im Jahr 1096 christliche Eiferer*innen vom heutigen Frankreich aus zum ersten Kreuzzug zur Eroberung des «Heiligen Landes» aufbrachen und auf ihrem Weg jüdische Gemeinden überfielen.

In den mittelalterlichen Gesellschaften sollten Jüdinnen und Juden zwar ausgegrenzt, aber nicht vernichtet werden. So lange sie nicht konvertierten, galten sie als Gegner*innen des Christentums. In Judengassen und Judenvierteln von der mittelalterlichen Mehrheitsgesellschaft abgesondert, wurden sie durch spezielle Kleiderordnungen («Judenhut») oder durch farbliche Markierungen auf ihrer Kleidung stigmatisiert. Von der Landwirtschaft und dem Handwerk, den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Mittelalters, waren sie ebenso ausgeschlossen wie vom geistigen Stand. Das christliche Zinsverbot galt indes nicht für sie. Juden wurden daher in dieser wirtschaftlichen Nische des Geldverleihs, wie auch in manchen anderen Bereichen des Handels, geduldet.

Judensau-Relief in Wittenberg

Seit etwa 1230 stellten Judensau-Skulpturen an Kirchengebäuden Juden mit abstossend wirkenden Körpermerkmalen und in Intimität mit Schweinen dar. Gegen Ende des Mittelalters wurde der religiöse Antijudaismus durch weitere Elemente der Volksfrömmigkeit und des Aberglaubens ergänzt. Mitte des 14. Jahrhunderts kam es insbesondere im heutigen Deutschland und in der Schweiz zu grausamen Überfällen und zur Auslöschung ganzer jüdischer Gemeinden, da Jüdinnen und Juden vorgeworfen wurde, durch Vergiftung der Brunnen die Pestseuche ausgelöst zu haben. Vom 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts wurden sie aus nahezu ganz Westeuropa vertrieben. Auch in Mitteleuropa waren sie vor Verfolgungen und Austreibungen nicht sicher. Bis in das 16. Jahrhundert hinein wurden sie so aus den meisten wichtigen Städten und Ländern des Heiligen Römischen Reichs verjagt.

Aber nicht nur Vertreter der katholischen Kirche, sondern auch die Reformatoren, vor allem Martin Luther, verbreiteten einen hasstriefenden Antisemitismus. In seinem giftversprühenden Werk «Von den Juden und ihren Lügen», einer üblen Schmähschrift, schrieb er zum Beispiel: «Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.» Kein Wunder, bezogen sich die Nazis auch auf ihn, um ihren eigenen Antisemitismus zu legitimieren.

Holocaust und Shoa

Christiane Buddenberg-Hertel bereicherte Peter Hertels Vortrag mit einer Bildpräsentation

Die deutschen Nationalsozialisten griffen die tiefsitzenden, Jahrhunderte alten Vorurteile gegen die Juden gern auf. Konnten frühere Juden wie Heinrich Heine der Verfolgung und Diskriminierung noch dadurch entkommen, dass sie sich taufen liessen, wurden jetzt alle verfolgt, die der «jüdischen Rasse» angehörten. Als «Jude» oder «Jüdin» galt auch jemand, der eine jüdische Grossmutter oder einen jüdischen Grossvater hatte – egal, welcher Religionsgemeinschaft er angehörte. Kirchenleute applaudierten ihnen oder ignorierten weitgehend den ihnen bekannten Holocaust, durch den 5,6 bis 6,3 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. In den Traditionslinien zwischen dem politisch-sozialen Rassen-Antisemitismus und dem Antijudaismus identifiziert Hertel denn auch eine Wurzel der Schoah. Er weist nach, dass Pius XII. dazu schwieg, weil er sein Denken und Handeln am Wohl seiner «Schäfchen» und an der Machtposition seiner Kirche ausrichtete und ihm die Einhaltung der Menschenrechte allen anderen gegenüber herzlich egal war. Auch war ihm sehr daran gelegen, das «Reichskonkordat» mit den Nazis nicht zu gefährden und den Vertragspartner ja nicht verärgern (als Reichskonkordat wird der am 20. Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossene Staatskirchenvertrag bezeichnet. In diesem völkerrechtlichen Vertrag wurde das Verhältnis zwischen dem Reich und der römisch-katholischen Kirche geregelt).

Die «Wende»

Teilnehmer der Seelisberger Konferenz 1947 diskutieren.
© ARCHIV FÜR ZEITGESCHICHTE ETHZ (AFZ): IB JUNA-ARCHIV / 853)

Nicht die Theologie, sondern die Katastrophe von Auschwitz brachte die Wende, wie es bereits 1947 auf einer Konferenz in Seelisberg sichtbar wurde. 28 Juden, 23 Protestanten und 9 Katholiken trafen sich in der Innerschweiz, um die Ursachen des christlichen Antisemitismus zu bestimmen. Während dieser Konferenz überprüften die versammelten christlichen Intellektuellen die christliche Lehre über die Juden und das Judentum. Sie fragten, in welchem Grade die Christen durch Tradierung antisemitischer und antijudaistischer Vorurteile Verantwortung am nationalsozialistischen Völkermord trugen, und stellten dann fest, dass die christliche Lehre in dieser Hinsicht dringlich korrigiert werden müsse. Ihr Umdenken beflügelte einen radikalen Neustart auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Karfreitagsfürbitte für die Juden ist eine der Grossen Fürbitten in der Karfreitagsliturgie nach dem römischen Ritus, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner verwenden. Sie entstand im 6. Jahrhundert, nannte die Juden seit 750 perfidis («treulos»), ihren Glauben iudaica perfidia («jüdische Treulosigkeit») und bat Gott darum, den «Schleier von ihren Herzen» wegzunehmen, ihnen die Erkenntnis Jesu Christi zu schenken und so der «Verblendung ihres Volkes» und der «Finsternis» zu entreissen. Seit 800 erhielt sie zudem besondere Merkmale: Nur bei dieser Fürbitte sollten die Beter nicht niederknien und kein Amen sprechen.

Das waren sehr interessante 90 Minuten mit Peter Hertel

1570 legte Papst Pius V. diese Fassung fest, die bis 1956 unverändert gültig blieb. Kritik an der traditionellen Judenfürbitte fand erst nach dem Holocaust Gehör. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise bis zu ihrer heute gültigen Normalfassung von 1970. Diese betont Israels Erwählung zum Gottesvolk und bittet nicht um Erkenntnis Christi, sondern um Treue der Juden zu Gottes Bund und Liebe zu seinem Namen, erkennt also das Judentum an. Seit 1984 ist eine lateinische Ausnahmefassung nach der Liturgie von 1962 möglich. Papst Benedikt XVI. erleichterte 2007 deren Anwendung, um katholischen Traditionalisten entgegenzukommen. 2008 formulierte er diese Fassung neu: Der Einleitungssatz bittet um Erleuchtung der Juden zur Erkenntnis Christi, «des Retters aller Menschen». Dies rief anhaltende Proteste und Störungen im katholisch-jüdischen Dialog hervor.

In den Kirchen von heute, so Hertel, sei die christliche Judenfeindschaft zwar überwunden. Belastende Irritationen gebe es aber weiterhin, wie oben erwähntes Beispiel um die Karfreitagsliturgie zeigt.


Downloads:

5 Kommentare:

  1. Der grosse evangelische Exeget Käsemann nannte als „erste konfessionelle Spaltung“ die Trennung von Judentum und Christentum. so wollte er die Verwandtschaft ausdrücken….

  2. Christina Bamberger

    Der Antisemitismus – nach wie vor – bewegt sehr mein Herz. Und das auch vieler Menschen. Deshalb bin ich dankbar für diese Zusammenfassung von Fakten und Daten. Auch dafür, dass mir dies zugänglich ist. Es ist höchste Zeit, die Kirchen aufzuwecken und damit auch die „Unfehlbarkeit“ der Katholischen Kirche. Wo immer solches geschieht: Eine Schande für unser Land und die ganze Menschheit.

    • Sehr geehrte Christina Bamberger,
      mögen Sie bitte genauer sagen, was Sie unter „‘Unfehlbarkeit‘ der Katholischen Kirche“ verstehen, damit man sich darüber gegebenenfalls austauschen kann.

  3. Meine Frau und ich haben mit grossem Interesse dem Vortrag von Herrn Hertel zugehört.
    Nachdem ich erfahren habe, wie und was einige Kirchenmänner (z.B. Martin Luther) über die Juden gedacht und geschrieben haben, wundert mich gar nichts mehr und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass gewisse kirchliche Kreise nicht allzu traurig gewesen sein müssen, dass ihnen die Nazis sozusagen die Arbeit abgenommen haben, damit sie am Schluss die Hände in Unschuld waschen konnten oder immer noch können.
    Dass die Aufarbeitung der Nazi-Greuel auch in der heutigen Zeit noch richtig und wichtig ist, bleibt unbestritten. Es bleibt aber die Frage, ob z. B. der Umgang der Belgier mit den Menschen in ihrer Kolonie nicht auch einmal einer offene Diskussion bedürfte. Menschen Gliedmassen abzuhacken und zu häuten sind doch auch Themen, die uns aufrütteln müssten.

  4. Die „lange Geschichte des christlichen Antisemitismus“ ist umfänglich und hinreichend wiedergegeben, eine Herkulesaufgabe. Sie leistet zum eigentlichen Thema aber nichts, außer man nähme an, Pius XII. wäre in seinem Handeln unterschwellig von Befindlichkeiten aus zweitausend Jahren beeinflusst gewesen.
    Der Antisemitismus wurde von der Katholischen Kirche aus meiner Sicht längsten durch Pius XI. (Achille Ratti) mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom 14. März 1937 verurteilt. Diese war auf geheimen Wegen an über elftausend Kirchen gelangt und in allen Kirchen am selben Sonntag verlesen worden. (Eugenio Pacelli, vormaliger Nuntius in Deutschland und späterer Pius XII., war hauptsächlich an der Ausarbeitung beteiligt.)
    Die mit dem Thema gegebene Frage kann zuletzt nur aus der Person Pius XII. gegeben werden. Eine Berufung auf Hochhuths „Stellvertreter“ ist auch nur eine Interpretation, kein Beweis.
    Die persönliche Haltung Pius XII. zu den Juden ist durch viele Aussagen von verfolgten Juden dokumentiert; hätte vielleicht erwähnt werden können, gehört natürlich nicht strikt zum Thema.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.